zum 35. Todestag Harald Pickerts
Kufsteiner Graphiker & Maler wird zum Dokumentator des Grauens

Die Radierfolge – eine Reihe von Radierungen zum selben Hauptthema – "Pestbeulen Europas – Geschautes aus der Zeit der Nazigreuel" ist ab 14. Dezember im Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck zu sehen. Noch hängt sie in Kufstein.
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  • Die Radierfolge – eine Reihe von Radierungen zum selben Hauptthema – "Pestbeulen Europas – Geschautes aus der Zeit der Nazigreuel" ist ab 14. Dezember im Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck zu sehen. Noch hängt sie in Kufstein.
  • hochgeladen von Sebastian Noggler

KUFSTEIN (nos). Der Kufsteiner Harald Pickert (1901 - 1983), akademischer Künstler und Träger des Titels Professor, wurde von 1939 bis zum Jahr 1945 in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Mauthausen und Dachau interniert, denn als Journalist und Verleger kritisierte und verurteilte er das Regime der Nationalsozialisten und deren "Führer" Adolf Hitler. In diesen sechs Jahren wurde er als Zwangsarbeiter und Kunstfälscher missbraucht.

Ende Jänner 2015 fanden Pickerts Nachkommen bei der Aufarbeitung seines umfangreichen Nachlasses eine Mappe mit bis dato unbekannten Zeichnungen und Grafiken. Studienzeichnungen, die die Grauen des KZ-Alltags dokumentieren und die die BEZIRKSBLÄTTER Anfang März 2015 erstmals der Öffentlichkeit zugänglich machen konnten. Hubert Berger verfasste nach umfangreichen Recherchen und zahllosen Stunden der Materialsichtung für die BEZIRKSBLÄTTER die zweiteilige Reportage "Von Leitmeritz nach Tirol" rund um die Lebensgeschichte des Kufsteiner Künstlers und diese noch nie gezeigten Dokumente des Nazi-Terrors aufgrund des zeitgeschichtlich sensationellen Werts des Funds in durchaus unüblich breitem Rahmen.
(Links zu den Beiträgen aus dem Jahr 2015 finden Sie am Ende des Beitrags)

Ausstellung zum 35. Todestag Prof. Harald Pickerts in Kufstein

Schon kurz nach der Veröffentlichung des Funds wurden Stimmen laut, die eine Ausstellung dieser beklemmenden Bilder in der Festungsstadt zu organisieren forderten, was vorerst aus mehreren Gründen nicht gelang.
Inzwischen berichteten auch weitere heimische Medien über den Fund der Pickert-Skizzen, gleichzeitig begann die wissenschaftliche Bearbeitung und Quellenforschung durch Historiker, Kunst- und Zeitgeschichtler. Das Landesmuseum Ferdinandeum sagte einer Ausstellung der Raritäten zu, die Gedenkstätte Mauthausen zeigte ebenso Interesse.

Am 3. Dezember 2018 war es nun so weit: Franz Bode (Verein "ARTirol"), der sich in den vergangenen Jahren der Dokumentation und Katalogisierung aller bekannten Pickert-Werke in insgesamt vier Bänden widmete, sowie die Erben nach Prof. Pickert luden mit Unterstützung zahlreicher Sponsoren zu einer großen Sonderausstellung im Kufsteiner Kulturquartier. Insgesamt 220 Kunstwerke – Öl- und Acrylgemälde, Aquarelle, Radierungen, Holzschnitte, Zeichnungen, Gebrauchsgrafiken und Exlibris – sind noch bis Mittwochabend, den 5. Dezember (14-18 Uhr) dort zu betrachten und können auch zum Teil erworben werden.

Zur Vernissage am Montagabend fanden sich zahlreiche Interessierte ein und zeigten sich zu allererst überrascht von der Menge der ausgestellten Werke, wie auch der Breite des künstlerischen Schaffens Pickerts.

Für Viele spannend zu betrachten waren dabei freilich die teils nach historischen Vorbildern geschaffenen, teils zeitgenössischen Landschafts- und Stadtdarstellungen. Ob die Festungsstadt und ihr Umland, Thiersee, Mariastein, oder Rattenberg, Hall, Innsbruck, Salzburg, Wien, Städte im nahen Bayern, aber auch Venedig, Orvieto, Bassano di Grappa, Breslau und auch Leitmeritz, die alte Heimat Pickerts, finden sich auf den zahlreichen Blättern – gemalt, gezeichnet oder nach einer Radierung gedruckt, einige wenige auch nach Holzschnitten gefertigt. Auch eine Hand voll Portraits, etwa von Viktor Adler, finden sich in der Ausstellung. Räumlich getrennt durch die Arbeiten Wörgler Schüler gemeinsam mit dem Verein "ARTirol" findet sich auch die Radierfolge "Pestbeulen Europas", in denen Pickert direkt nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann das Erlebte zu verarbeiten und mit den drastischen Darstellungen zu mahnen.
1946 in Wien, 1947 auch in Salzburg und Innsbruck waren diese Bilder in der Ausstellung "Nie vergessen!" zu sehen – dem damaligen Zeitgeist entsprachen sie trotz aller "Entnazifizierung" gerade im Westen Österreichs aber nicht, wie zeitgenössische Zeitungsquellen erkennen lassen. Pickert selbst sprach bis zu seinem Ableben 1983 wenig bis nicht mehr über das Erlebte, so seine Hinterbliebenen.

Für Bode bildet die Kufsteiner Ausstellung auch den Abschluss von zwei Jahren intensiver Arbeit gemeinsam mit den Erben nach Harald Pickert und einigen Helfern, die bei der Dokumentation unterstützten. "Ich habe irgendwann aufgehört zu überschlagen, wie viele Stunden das wohl waren", meinte Elke Pickert, Enkelin des Professors. Neben den vier Katalogen zu Pickerts Oeuvre informiert auch eine Website über die Vielfalt der belegten Bilder und Drucke.

"Pestbeulen Europas" bald in Innsbruck zu sehen

Günther Dankl, Kustos der kunstgeschichtlichen Sammlungen (Kunst ab 1900) und der Grafischen Sammlungen am Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum war zu dieser besonderen Schau nach Kufstein gekommen, um aus Sicht des Kunsthistorikers den Versammelten einige Details zum Schaffen des Kufsteiner Multitalents zu erläutern. Auch er zeigte sich "wirklich überrascht, wie viel hier ausgestellt wird". Dennoch "viel Arbeit", denn die Fülle, aus der gesichtet und ausgewählt wurde, ist noch um einiges größer. Bode und Co sichteten und dokumentierten über 1.000 Grafiken und mehr als 100 Gemälde.
"Die Spezialgebiete Harald Pickerts lagen in Radierung und Stich", so Dankl, "aber auch in Gebrauchsgrafiken." Ein Beispiel dafür seien die oft liebevollst detaillierten "Exlibris", für Dankl "kleine Zeichen einer gehobenen Buchkultur, die immer weiter zu verschwinden droht". Der Experte freute sich auch über für ihn Neues: "Holzschnitte, die mir offen gesagt bis jetzt unbekannt waren".
"Mit seinem graphischen Schaffen stellt Pickert sein technisches Können unter Beweis", erklärt Dankl. 
Herzstück der Schau ist aber auch für ihn die Premiere: Erstmals können die bis 2015 verborgenen Skizzen, die Pickert teils in KZ-Haft anfertigte und auf denen die spätere Radierfolge fußt, öffentlich gezeigt werden. "Seine Zeichnungen dokumentieren, was nicht erzählt werden kann", meint Dankl zum "erschütternden Dokument der Internierung" und: "Dass diese Bilder jetzt wieder zu sehen sind, ist notwendig!"

Ein Teil der Sonderausstellung "Zwischen Ideologie, Anpassung und Verfolgung. Kunst und Nationalsozialismus in Tirol", ab 14. Dezember 2018 im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum zu sehen, ist der Präsentation jener Zeichnungen und Skizzen gewidmet, die Harald Pickert während seiner Internierung über Leid und Grauen in Konzentrationslagern angefertigt hat, dem Zyklus "Pestbeulen Europas".  Auch zwei Bilder des Kufsteiner Malers Josef Meng sollen dort gezeigt werden, wie Heimatverein-Obmann Gerhard Lehmann hinzufügt.
Darüber hinaus werden Werke von Martin Gostner, Tatiana Lecomte, Marcel Odenbach und Johanna Tinzl als zeitgenössische Kunst-Kommentare in die Ausstellung einbezogen.

Auch Kufsteins Bürgermeister Martin Krumschnabel hatte "mit dieser Fülle an Werken nicht gerechnet". Er rief nochmals in Erinnerung seit wie vielen Jahren nun auf diese Ausstellung hingearbeitet wurde und auch, dass nicht zuletzt Hubert Bergers Beiträge in den BEZIRKSBLÄTTERN den Anstoß zur eingehenderen, neuen Auseinandersetzung mit Harald Pickerts Schaffen in seiner Heimatstadt gaben. Beeindruckt vom "bewegten und bewegenden Leben" Pickerts freute sich der Stadtchef über die Schau zu Ehren eines Künstlers, "der endlich mit seinem Werk Heim kommt": "Dass wir besonders diese Skizzen ausstellen können, ist etwas ganz Spezielles, das wir in dieser Form sicher lange nicht mehr haben werden."
1980 wurde Prof. Pickert das Ehrenzeichen für Kunst und Kultur der Stadt Kufstein verliehen, zehn Jahre nach seinem Tod auch ein Weg nach ihm benannt.

Wie eine Radierung entsteht

Josef Prescher konnte nicht nur während der Vernissage, sondern auch an den folgenden Tagen mit seiner mobilen Kupferduckpresse anhand von Pickert-Originalplatten den Interessierten praktisch veranschaulichen, wie eine Radierung entsteht. Auch zahlreiche Schulklassen, etwa von der VS Stadt, dem Bundesgymnasium und aus der Internationalen Schule, nutzten die Gelegenheit, um diese beinah in Vergessenheit gelangte Technik vorgeführt zu bekommen und sich einen Überblick über das vielfältige Wirken des Kufsteiner Künstlers zu schaffen. Besonders die Schüler der Oberstufen zeigten sich tief beeindruckt von den gezeigten Werken und im speziellen von den drastischen, dennoch nicht überhöhten oder übertriebenen Darstellungen aus den Konzentrationslagern.

Eine der Vorführungen begleiteten die BEZIRKSBLÄTTER mit einem Live-Video via Facebook:

Hier finden Sie die Beiträge von Hubert Berger in den BEZIRKSBLÄTTERN zur Entdeckung der Skizzen:
"Kufsteiner Künstler dokumentierte das Grauen in den Konzentrationslagern"
Teil 1 "Von Leitmeritz nach Tirol"
Teil 2 "Von Leitmeritz nach Tirol"

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