17.07.2017, 16:00 Uhr

Ärztekammerpräsident Herwig Lindner: "Steiermark braucht 100 neue niedergelassene Ärzte"

Herwig Lindner, Ärztekammerpräsident in der Steiermark (Foto: Oliver Wolf)

Der steirische Ärztechef kritisiert Kassen, ELGA und Zwei-Klassen-Medizin.

Immer wieder stehen die Ärzte und ihre Standesvertretung im Mittelpunkt der Diskussion, vor allem als Verhinderer sinnvoller Reformen im Gesundheitswesen. Der steirische Ärztekammerchef Herwig Lindner versucht im Gespräch mit der WOCHE einiges zurechtzurücken.

"ELGA ist unausgereift"

Da wäre einmal der Vorwurf, dass Ärzte technikfeindlich sind und sich gegen Neuerungen wie etwa die elektronische Krankenakte "ELGA" stellen würden. "Unsinn", sagt Lindner, aus seiner Sicht ist das Problem ein ganz anderes: "ELGA fehlt die technische Ausgereiftheit, vergleichbar mit einer elektronischen Schuhschachtel. Außerdem ist die Liste der Benutzer sehr schwammig." Eine wesentliche Forderung der Ärzteschaft würde hingegen seit Jahren nicht erfüllt: Jene nämlich, die E-Card mit Notfallsdaten und einem Foto zu versehen. Dazu passt aus Lindners Sicht auch das "Mystery Shopping" der Finanzbehörden in Arztpraxen im Hinblick auf nicht gerechtfertigte Krankenstände: "Damit unterstellt das Finanzministerium den österreichischen Arbeitnehmern kollektiv Sozialmissbrauch in großem Stil." Übrigens: Wie eine Anfrage im Nationalrat ergab, beläuft sich der tatsächliche Schaden auf ein paar tausend Euro ...


Neue Qualität in der Arbeitszeit

Positiv bewertet Lindner das neue Arbeitszeitgesetz für Spitäler: "Ich denke mit Schaudern an meine Ausbildungszeit zurück, Arbeitswochen mit 90 bis 100 Stunden waren keine Seltenheit." Dass solche "Horror-Dienste" zulasten der Qualität gingen, darf außer Zweifel gestellt werden, die Steiermark habe im Bereich moderner Rahmenbedingungen schon immer eine Vorreiterrolle gehabt. "So wie es jetzt ist, ist es eine extreme Erleichterung für die Ärzteschaft", warnt er gleich einmal präventiv vor einer schleichenden Erweiterung der Arbeitszeiten.
Denn das Umfeld sei ohnehin herausfordernd genug: "Die Bürokratie wächst in allen Bereichen, rund 40 Prozent seiner Zeit ist der Arzt mit nicht-ärztlichen Aufgaben beschäftigt." Sein Lösungsansatz: "Es gab die Idee schon einmal, den Beruf des medizinischen Dokumentars bei uns einzuführen. Damit könnte man den Arzt entlasten, Verrechnungen optimieren und sogar das wissenschaftliche Arbeiten forcieren", plädiert Lindner für dieses neue Berufsbild.

Wenig Freude mit der GKK

Weniger euphorisch sieht Lindner die Positionierung der steirischen Gebietskrankenkasse: "Bei neuen Ideen und Projekten ist sie zu zögerlich", attestiert er. Damit würden gute Chancen vergeben, wie zum Beispiel bei den Primärversorgungszentren: "Das hätten wir gemeinsam und proaktiv angehen können. Das Gesetz, das jetzt in Kraft tritt, ist leider ein Versorgungsverhinderungsgesetz." Und er stellt klar: "Die Ärztekammer stellt sich nicht gegen diese Hausarzt-Zentren, wie sie richtigerweise heißen müssten – wir wehren uns nur gegen das jetztige Gesetz. Mit diesen vielen Hürden werden Ärzte davon abgehalten, in solchen Zentren mitzuarbeiten." Der wohl größte Haken: Hat ein Arzt einen Kassenvertrag, muss er diesen zurücklegen und bekommt einen neuen Vertrag für das Gesundheitszentrum. Scheitert allerdings das Zentrum, muss er befürchten, seinen alten Kassenvertrag nicht zurück zu bekommen. Man darf davon ausgehen, dass sich die Wechselbereitschaft der Ärzte in Grenzen halten wird.


Skepsis für steirische Reform

Aus dem selben Eck kommen Lindners Bedenken im Hinblick auf die steirische Gesundheitsreform: "Einerseits werden 811 Betten eingespart, andererseits wird der niedergelassene Bereich nicht ausgebaut." Dies müsse auf Sicht zu einer Verknappung führen. "Die Wahlärzte wird's freuen. Denn wer es sich leisten kann, wird dorthin ausweichen – damit wird die 2-Klassen-Medizin per Gesetz umgesetzt", wundert sich Lindner vor allem über die Zustimmung der SPÖ zu diesem Modell. Lindner formuliert, was es aus seiner Sicht braucht: "In der Steiermark muss es 100 zusätzliche Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag geben." Er pocht auf die wohnortnahe Versorgung und vor allem darauf die Peripherie zu stärken: "Wir dürfen das Land nicht aufgeben, da geht es auch um die Identität der Region, wenn nach Post, Gendarmerie und Greißler auch noch der Hausarzt verloren geht ..."
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