Haus Franziskus
Wie hilft man jemandem, der keine Hilfe will?

Monika Haider, Leiterin der Notschlafstelle "Haus Franziskus" mit der ehrenamtlichen Helferin Gudrun Binder (v.l.)
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  • Monika Haider, Leiterin der Notschlafstelle "Haus Franziskus" mit der ehrenamtlichen Helferin Gudrun Binder (v.l.)
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Das Haus Franziskus in Leoben bietet Menschen ohne Dach über dem Kopf einen Platz zum Schlafen. Der spezielle Fall einer 61-Jährigen hat nun jedoch gezeigt, dass die Hilfe nicht immer angenommen wird.  

LEOBEN. Im Februar 2018 öffnete das „Haus Franziskus – Haus für Menschen in Not" in Leoben Lerchenfeld. Die von der Caritas Diözese Graz-Seckau betriebene Notschlafstelle ist im Gebäude des Pfarrhofes untergebracht und bietet insgesamt Platz für 15 Menschen in Not. Es gibt ein Familienzimmer sowie jeweils ein Zimmer für Frauen und Männer. Neben dem wichtigen Dach über dem Kopf bietet das engagierte Team aus fünf hauptamtlichen und 14 ehrenamtlichen Mitarbeitern weitere Hilfestellungen und steht den Gästen auch beratend zur Seite. Monika Haider, Leiterin der Notschlafstelle, erklärt „Wir leisten viel Vernetzungsarbeit, vermitteln Kontakte zu anderen Beratungsstellen oder helfen unseren Gästen dabei, wichtige Anträge zu stellen". Man versuche schlicht, den Menschen dabei zu helfen, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen. 

Nicht jeder will Hilfe

Dass Hilfe allerdings nicht immer angenommen wird, ist eine Erfahrung die Monika Haider und ihr Team erst kürzlich machen mussten. Konkret geht es um den Fall einer 61-Jährigen Frau, die bereits für Aufsehen sorgte, als sie für einige Zeit eine Bank im Gärnerpark als Schlafplatz nutzte. Dies rief die Kritiker auf den Plan. Schuldzuweisungen ließen nicht lange auf sich warten. So wurde auch Monika Haider vom Haus Franziskus mit Vorwürfen konfrontiert. „Wir haben E-Mails und Anrufe bekommen. Auf Facebook hieß es, die Caritas schaut einfach zu obwohl es doch die Notschlafstelle gibt", beschreibt sie die Reaktionen. Sie versuchte es mit Sachlichkeit und erklärte, dass das Haus Franziskus bereits aktiv versucht habe, der Frau zu helfen, die Hilfe jedoch nicht angenommen wurde. 

Wohl der Gemeinschaft im Vordergrund

„Wir sind zwar ein Haus, das wirklich jeden aufnimmt, aber in diesem Fall waren wir machtlos", stellt Monika Haider fest. Man habe natürlich versucht, der Frau zu helfen und ihr ein Bett im Haus Franziskus angeboten, doch die Situation stellte sich als überaus schwierig heraus. Während die Frau zwar für einige Tage die Sanitäranlagen der Notschlafstelle nutzte, konnte keiner der Mitarbeiter sie dazu überreden, auch im Haus zu schlafen. Die 61-Jährige beharrte darauf, im Freien zu schlafen. „Die Dame leidet unter einer Stromphobie", erklärt Gudrun Binder – Innenräume sind deshalb weitgehend tabu. Eine weiteres Problem ergab sich, weil die Frau sich weigerte, die Hausregeln und Corona-Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten. „Hier wohnen auch andere Menschen, die dadurch in Gefahr gebracht werden. Wir können auf keinen Fall einen Cluster riskieren",  sagt Monika Haider. Die 61-Jährige zog schließlich weiter und fand einen neuen Platz zum Schlafen – auch dieser im Freien. 

„Das sind Menschen wie du und ich"

Der Fall macht deutlich, wie sensibel das Thema Obdachlosigkeit ist. Es lässt keine schnellen Schlüsse zu. Monika Haider und Gudrun Binder haben in den Jahren gelernt, dass es oftmals einzelne Ereignisse sind, die einen Menschen aus der Bahn werfen können, sei es der Jobverlust oder das Ende einer Partnerschaft. Bei der 61-Jährigen dürfte es der Tod der Mutter gewesen sein, der ihr Leben auf den Kopf stellte. „Das sind Menschen wie du und ich, die plötzlich kein Dach mehr über dem Kopf haben", gibt Monika Haider zu bedenken. Auffallend sei zudem, dass immer mehr junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren auf Einrichtungen wie das Haus Franziskus angewiesen sind. „Viele sind orientierungslos, kommen mit der Arbeitswelt nicht zurecht, können dem Druck nicht standhalten", beschreibt Gudrun Binder ihre bisherige Erfahrung.  

Eine Frage, die unbeantwortet bleibt

Eine Frage, die somit unbeantwortet bleibt, ist jene nach dem „wie". Wie kann man den sogenannten „Freigeistern", wie Monika Haider sie nennt, tatsächlich helfen? Jenen Menschen in Not, die keine Hilfe annehmen will? Neben dem Haus Franziskus haben auch die Bezirkshauptmannschaft sowie die Stadt Leoben versucht, der 61-jährigen Frau zu helfen – leider ohne Ergebnis. 

44 Menschen – 750 Nächtigungen

Allein in der ersten Hälfte des heurigen Jahres beherbergte das Haus Franziskus 44 Gäste, davon zwölf Frauen. Insgesamt ergibt das 750 Nächtigungen. Die Notschlafstelle in Leoben ist neben einer ähnlichen Einrichtung in Bruck an der Mur die einzige im Murtal. Bei Monika Haider können Betroffene zwei Monate durchgehend bleiben, in Ausnahmefällen auch länger. „Die erste Nacht ist gratis, danach fällt ein Euro pro Nacht an – aber wir werden auch niemanden vor die Tür setzen, wenn er diesen einen Euro nicht hat", erklärt Monika Haider. Schließlich will man die Menschen so gut es geht unterstützen, ihnen nicht nur einen Platz zum Schlafen bieten, sondern ihnen bestenfalls den Weg zurück in die „Normalität" ebnen.

Weitere Informationen zum Haus Franziskus findest du hier

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