Skin Project seit 2006
So wandelte sich die Tattoo-Welt in Leoben in den letzten 20 Jahren
- 2006 folgte Harry Mirnegg seiner Leidenschaft und machte sich als Tätowierer selbständig.
- Foto: MeinBezirk/Astrid Moder
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Vom verpönten Nischendasein zum gesellschaftlichen Mainstream: Der Leobener Tätowierer Harry Mirnegg blickt nach zwei Jahrzehnten im Beruf auf einen tiefgreifenden Wandel der Branche zurück.
LEOBEN. Seit seinem 18. Lebensjahr, als er sich sein erstes Tattoo stechen ließ, stand für Harry Mirnegg fest, dass er Tätowierer werden möchte. Damals, als Tätowierungen gesellschaftlich kaum anerkannt waren und die wirtschaftliche Zukunft in dieser Branche noch als unsicher galt, ging er zunächst andere berufliche Wege. Auch die Beschaffung von professionellem Material und sterilem Equipment stellte zu dieser Zeit noch eine erhebliche Hürde dar.
Am 6. Juni 2006 folgte schließlich der Schritt in die Selbstständigkeit. Was vor genau zwei Jahrzehnten in einem fremden Studio begann, führte den heute langdienendsten Tätowierer Leobens über eine Station in Knittelfeld schließlich genau zehn Jahre später am 6. Juni 2016 in sein heutiges Studio in der Leobener Langgasse. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens von "Skin Project" zeichnet er die Entwicklung seines Berufsfeldes nach.
- Im Jahr 2016 eröffnete Harry Mirnegg sein Studio am heutigen Standort in der Langgasse in Leoben.
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Der Wandel von Nadel und Handwerk
Die Rahmenbedingungen für Tätowierer haben sich seit dem Jahr 2006 grundlegend gewandelt. In den Anfangsjahren war der Wissenstransfer innerhalb der Szene noch weniger vorhanden, da etablierte Tätowierer ihr Handwerk eher selten mit Neueinsteigern teilten. Mirnegg erlernte die Techniken daher weitgehend selbstständig.
Die tägliche Arbeit erforderte handwerkliche Vorbereitungen. Zwar stellte die Beschaffung von sterilem Material kein Problem mehr dar, dennoch wurden Nadeln damals oft noch eigenhändig gelötet, und Autoklaven und Ultraschallreiniger gehörten für die Sterilisation zum Standard. Heutzutage dominieren hygienische Einwegmaterialien und moderne Rotary Tattoo Pens anstelle der klassischen Spulenmaschinen die tägliche Praxis. Der 52-Jährige erinnert sich an diese Gründungszeit: „In meinen Anfangszeiten war alles Learning-by-Doing. Ich hab' alles autodidaktisch erlernt, einfach probiert.“
- Seit 20 Jahren in der Branche - Harry Mirnegg erinnert sich an die Schwierigkeiten in den Anfangszeiten. Heute haben sich die Gegebenheiten in der Branche stark verändert.
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Strengere Richtlinien und Rahmenbedingungen
Parallel zu den technischen Neuerungen veränderten sich auch die gesetzlichen Vorschriften. Das Tätowieren ist hierzulande bereits seit dem Jahr 1999 als reglementiertes Gewerbe verankert. Die behördlichen Qualitäts- und Hygieneauflagen haben sich im Laufe der vergangenen 20 Jahre jedoch sukzessive verschärft. Österreich wies bereits vor dem Inkrafttreten der EU-Verordnung für Tätowierer im Jahr 2022 strenge Prüfmechanismen auf.
Für Tätowierer gehört der tägliche Abgleich mit der europäischen RAPEX-Liste, die vor gefährlichen Inhaltsstoffen in Tätowierfarben warnt, mittlerweile zur verpflichtenden täglichen Routine. Mirnegg selbst absolvierte seine Befähigungsprüfungen zum Tätowierer und später zum Piercer mit Auszeichnung und engagierte sich zehn Jahre lang bis vor etwa drei Jahren als Prüfer in der Wirtschaftskammer Steiermark (WKO), um die Qualitätsstandards der nächsten Generation mitzugestalten.
- Auch die Motivwahl hat sich in den letzten 20 Jahren einem starken Wandel unterzogen.
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Ästhetischer Wandel der Motive
Mit der steigenden gesellschaftlichen Akzeptanz veränderten sich auch die Motivwünsche der Kundschaft. In seinen Beginnzeiten erinnert sich Mirnegg an großflächige Tribals, das klassische Steißbeintattoo (im Volksmund auch bekannt als "Arschgeweih") sowie bunte Oldschool-Motive wie Schwalben, Sterne und Hufeisen, die die Trends dominierten. Heute verlangt das Publikum vermehrt nach anderen Stilrichtungen.
Angesagt sind gegenwärtig Tattoos im Sketch-Style, welche die Optik einer Bleistiftzeichnung nachahmen, sowie zarte Blumenmotive bei Frauen. Mirnegg selbst bevorzugt hingegen den Realismus-Stil und tätowiert am liebsten Porträts.
War der Gang im Jahr 2006 zu Pierres Studio – dem damals einzigen in Leoben, wo Mirneggs Laufbahn dank Tätowierer Bob begann – noch ein Schritt für eine kleine Gruppe Mutiger, so gehören Tätowierungen heute über alle Altersgruppen und gesellschaftlichen Schichten hinweg zum Alltag.
- Motive, die nicht mehr gefallen, werden mit "Cover-ups" aufgewertet.
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Die wirtschaftliche Realität eines Luxusguts
Trotz der Etablierung des Berufsstandes steht die Branche heute vor neuen wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Folgen der Corona-Pandemie sowie die anhaltende allgemeine Teuerung hinterlassen spürbare Spuren im Konsumverhalten der Menschen. Die Bereitschaft für Ausgaben abseits des täglichen Bedarfs ist spürbar gesunken, weshalb die Auftragslage im Vergleich zu den Boomjahren rückläufig ist.
Preisanpassungen lassen sich in diesem Segment nur schwer an die Teuerungsrate angleichen. „Man muss sich bewusst sein, dass ein Tattoo ein Luxusartikel ist. Da gibt es bei den Leuten eine Grenze, wo sie beim Preis mitgehen“, erklärt Mirnegg die aktuelle Situation. Auch der Vorstellung vom schnellen Geld in der Branche widerspricht er: „In der heutigen Wirtschaftslage liegen sie falsch, wenn manche glauben, Tätowierer sei a leiwander Hakn, da verdienst di deppat.“
- Detailgetreues arbeiten ist für einen Tätowierer unerlässlich, besonders wenn mit realistischen Vorlagen gearbeitet wird.
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Zusammenarbeit statt Konkurrenzdenken
Für die Zukunft der Branche im Bezirk, in der heute deutlich mehr Studios als noch vor 20 Jahren aktiv sind, sieht der erfahrene Tätowierer vor allem den fachlichen Austausch als Schlüssel zum Erfolg. Um langfristig am Markt bestehen zu können, seien kontinuierliche Weiterbildung, absolute Priorität bei der Hygiene sowie ein offener Umgang unter Kollegen sowie ein Lernen voneinander unerlässlich.
Seine Botschaft an die jüngere Generation betont den Wert von Kooperation anstelle von reinem Wettbewerb, um die handwerkliche Qualität und das Ansehen des Berufsstandes auch in den kommenden Jahrzehnten gemeinsam stabil zu halten.
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