Eröffnungsredereien

Vorsicht! Kunstwerke sind oft nicht, was sie materiell ausdrücken, sondern repräsentieren meist etwas, das auf symbolischer Ebene erweitert wurde. Man muß hinter die Dinge blicken wollen, um davon erzählen zu können.
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  • Vorsicht! Kunstwerke sind oft nicht, was sie materiell ausdrücken, sondern repräsentieren meist etwas, das auf symbolischer Ebene erweitert wurde. Man muß hinter die Dinge blicken wollen, um davon erzählen zu können.
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Dress Codes und streng geordnete Zeremonien sind Ordnungssysteme, innerhalb derer sozialer Aufstieg geordnet wird und das Angekommen-Sein Stabilität sucht.


Die Befassung mit Kunst und Kunstwerken war in den letzten tausend Jahren kleinen Kreisen der Eliten vorbehalten. Die haben das Zeremonielle natürlich immer stark betont und beständig gepflegt. So wird geklärt, wer drinnen und wer draußen ist.

Damit rangen überschaubare Kreise um Vorteile, der Rest unserer Leute mußte sich krummschuften, um genug Früchte ihrer Arbeit zu erwirtschaften, daß sie selbst nicht verreckten und diese Eliten ein reich ausgestattetes Leben führen konnten.

Kleiner Einschub: Für die dreckigen Füße, den krummen Rücken und die bedrückende Verfassung durfte man sich von den parfümierten Schnöseln auch noch verachten lassen.

Würde es Sie wundern, ein Echo solcher Verhältnisse noch bei unseren Kulturveranstaltungen zu finden? Ich habe meinen Text „Ungefragte Ratschläge für oststeirisches Kunstpublikum“ zu ergänzen. Kürzlich erlebte ich in Graz einen bemerkenswerten Veramstaltungsauftakt.

Dabei erwähnte die Gastgeberin, das „kleine Buffet“ sei einer Zuwendung des Bürgermeisters zu verdanken. In dessen Vertretung sei der Gemeinderat Herr Diplomingenieur Magister Sowieso anwesend.

Was paßt daran nicht? Erstens sind die paar Töpfchen Aufstrich und drei Laibe Brot keinerlei Werbeeinschaltung wert. Daran ändern auch die wenigen Fläschchen Wein nichts. Das ist zu billig! Wenn ein Grazer Bürgermeister bei einer Kulturveranstaltung erwähnt werden möchte, soll er bitte wesentlich tiefer in seine Tasche greifen oder es bleiben lassen.

Zweitens muß man fragen: Wen schert der Herr Sowieso, wo er hier nur als Platzhalter auftritt? Und was hat schon Diplomingenieur mit der Sache zu tun? Ergänzend: Diplomingenieur, das ist ja was. Wozu wird dieser Titel dann mit dem völlig unerheblichen Magister belastet? Gedankenlosigkeiten!

Diese leeren Gesten sind eher unwürdig und zeichnen sich dort besonders scharf ab, wo keine anderen Meriten zur Wirkung kommen können, weil es keine gibt. Peinlich, uncool und eine unnötige Verlängerung des Begrüßungsrituals.

Ich bleib kurz bei diesem Thema. Begrüßungsrituale. Versuchen Sie bitte nie, besonders geistreich zu sein, falls Ihnen bisher die Zeit gefehlt hat, sich Esprit zu erarbeiten. Ich erinnere mich an eine Vernissage, da kamen drei Honoratioren zu Wort, brav hierarchisch angeordnet. Die muteten uns Zitate zu.

Eines von Goethe, eines von Dostojewski und eines von Katherine Hepburn. Damit weiß ein Menschn, der gerne liest: Die lesen nicht, die haben Zitate gegooglet. Warum weiß man das?

Goethe ist extrem verräterisch. Ich zitiere doch bloß, was ich kürzlich gelesen und daher in Erinnerung habe, weil es mich bewegt und folglich beschäftigt hat. Es gibt überhaupt keinen anderen Grund, etwas vor Publikum zu zitieren. Außer man hat Zitate gegoogelt, weil man den Anschein erwecken möchte, daß man kürzlich etwas gelesen hat, was einen bewegte, beschäftigte.

In diesem Modus kommt Goethe praktich nicht in Frage und wenn überhaupt, dann vorher noch Schiller. (Warum? Tja. Lesen Sie!) Dostojewski auch nicht. Und der bewegt mich bis heute. Ein halber Laufmeter seiner Werke steht in meiner Bibliothek. Aber ich wüßte nicht, was daraus bei einer Vernissage zu zitieren wäre.

Und die Hepburn? Das geht überhaupt nicht. Außer man weiß etwas Interessantes zu erzählen, wie etwa die hinreißende Cate Blanchett an der Seite von Leonardo DiCaprio in „Aviator“ die Hepburn spielte und dazu spleeinge Details über die „squeaky clean“ Diva ausplauderte.

Noch ein Tip: Tragen Sie in geschlossenen Räumen keine schönen, dicken Schals, außer es hat sibirische Kälte oder Sie sind ein Tenor. Wer nämlich über so ein Acccessoire mitteilen möchte, ein geschmackvoller Schöngeist und Nonkonformist zu sein, muß den entsprechenden Stil von den Schuhen bis zur Frisur durchhalten. Ansonsten verrät sich die aufgesetzte Geste der Wichtigtuerei mit brüllendem Schweigen.

Daher die dringende Empfehlung: Falls Ihnen ein entspechendes Amt auferlegt eine Kulturveranstaltung zu eröffnen, ein Publikum gastgebend zu begrüßen, machen Sie sich bitte Ihre Rolle und Ihre Möglichkeiten klar!

Falls es Ihnen an erlesenem Geschmack fehlt, bleiben sie besser bei fader Standardkleidung und niemand wird Ihnen etwas Schlechtes nachsagen. Falls sie weder belesen, noch besonders geistreich sind, begrüßen Sie nur und simulieren Sie diese Eigenschaften nicht, denn jeder belesene, geistreiche Mensch wird Sie sonst für einen furchtbaren Schnösel halten, während es allen anderen völlig egal ist.

Promoten Sie bitte nicht über Gebühr das Personal aus Politik und Verwaltung. Sowas ist peinlich. Verzichten Sie bei Erwähnungen auf das Abspulen akademischer Titel; ganz besonders, wenn es jemand so nötig hat, daß sogar der Magister erwähnt werden sollte. Uncool!

Und erklären Sie nicht, was nun kommen wird, denn meistens werden Sie davon nicht wirklich eine Ahnung haben. Falls Sie sich aber damit ernsthaft befaßt haben, genügen ein, zwei kluge Bemerkungen, um das zu dokumentieren. Reden Sie nur dann mehr, wenn Sie es auch wirklich drauf haben.

Dress Codes und streng geordnete Zeremonien sind Ordnungssysteme, innerhalb derer jemand, der aufsteigen oder zusteigen möchte, jenen, die schon drinnen sind, beweisen muß, daß er das Zeug dazu hat.

Anzug und Krawatte selbst im Hochsommer. Adrett sitzende Frisur und keinesfalls Schweißgeruch, selbst wenn der Arbeitstag schon 14 Stunden hatte. Vorzügliche Tischmanieren ohne Schmatzen und Rülpsen, keine Fürze oder andere Ausdrucksformen körperlicher Vorgänge.

All das muß geschafft werden, um den Arrivierten zu beweisen: Ich bin zu Selbstzucht fähig, zu Disziplin und Maß, ich ordne mich den Standesregeln unter und bin daher qualifiziert, in Ihre Reihen aufgenommen zu werden.

Ich möchte nun nich behaupten, der Kulturbetrieb sei frei von solchen Codes. Aber er ist primär dazu da, jenseits etablierter Codices Neuland zu suchen und zu untersuchen. Dabei entsteht allerdings, wie ich zugeben muß, auch wieder dieser oder jener Code; und sei es nur die Forderung, bitte nicht uncool und/oder langweilig aufzutreten.

+) „Ungefragte Ratschläge für oststeirisches Kunstpublikum“ [link]

Vorsicht! Kunstwerke sind oft nicht, was sie materiell ausdrücken, sondern repräsentieren meist etwas, das auf symbolischer Ebene erweitert wurde. Man muß hinter die Dinge blicken wollen, um davon erzählen zu können.
Ich liebe Werke von Dostojewksi, hatte aber die letzten vierzig Jahre noch nie Anlaß, daraus zu zitieren. (Naja, immerhin einmal Tolstoj.)

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