Politische Kultur
Schutz und Trutz als Geschäftsmodell
- hochgeladen von martin krusche
Wer auch immer bis heute Europa zu verteidigen behauptet hat, nutzte diese Botschaft üblicherweise als Geschenkpapier, um Eigeninteressen hübsch zu verpacken. Wer so über Europa spricht, hat in vielen Fällen bloß die Vorteile des eigenen Landes im Sinn und dabei wiederum häufig bloß Privilegien für die eigene Gruppe in diesem Land.
Wir haben in der Politik schon allerhand Konsorten erlebt, die uns ihre Ware anpreisen wie Staubsaugervertreter ihre Geräte. Dabei ist das billigste Verkaufsargument, uns eine Gefahr vor die Nase zu hängen, die auf schlichte Art plausibel erscheint und uns womöglich andere Gefahren übersehen läßt.
Daraus darf ein Umkehrschluß gezogen werden: Wer mit dieser Nummer auf den Jahrmarkt geht, sollte hinsichtlich seiner Intentionen und Methoden sehr genau befragt werden.
Man muß übrigens ein etwas schwächliches Selbstbewußtsein haben, ergänzt um einen eher knappen Horizont, damit man die komplexe und wirkmächtige Kultur Europas in Gefahr sieht. Wer um diese Qualität fürchtet, sie bedroht sieht, kennt sie nicht. Europa erfuhr mindestens seit dem Neolithikum eine kraftvolle kulturelle Entwicklung, welche durch Artefakte wie durch allerhand Zeugnisse belegt ist. Falls diese Kultur je des Schutzes bedurft hatte, dann vor Anmaßung und Ignoranz.
Ich lese auf der Website: „Während fremde Kulturen massiv gefördert werden, bleiben heimische Bräuche und Traditionen auf der Strecke. Wir fordern, dass zuerst auf die Zukunft unserer eigenen Identität geachtet wird!“ (Quelle: Identitäre Bewegung)
Dieser Satz ist hemdsärmelig aus der Luft gegriffen. Wie sehen die Belege für diese Behauptung aus? Warum sollten unzählige Kräfte der Landes- und Bundespolitik das wollen, ergo betreiben? Was wären die Gründe dafür? Wo sind die Belege? In welchen Schriften kann ich derlei nachlesen?
Die IBÖ-Website bleibt mir all das schuldig, begnügt sich mit Behaupterei. Für eine Formation, die sich um unser aller Kultur und Identität sorgt, sind diese Leute ganz schön wortkarg. Nebenbei: Ich möchte sicher von niemandem beschützt werden, der mir sein Konzept, seine Qualifikationen und seinen bevorzugten Modus operandi verschweigt.
Es muß also etwas anderes hinter diesem oben zitierten Satz stecken, denn er beschreibt Europas kulturelle Situation nicht einmal im Ansatz. Aber was? Na, was wird denn jemand versuchen, wenn ihm die Mühe von Kompetenz- und Wissenserwerb eventuell zu groß ist, er aber gerne Geld und Geltung über ein paar Abkürzungen holen möchte? Er wird es mit Alarm und Propaganda versuchen sowie mit verdeckten Intentionen.
Vom Soziologen Gunnar Heinsohn stammt der anregende Hinweis: „Um Brot wird gebettelt, um Rang wir geschossen.“ Wir wollen nicht bloß satt werden, wir möchten auch etwas gelten. Mangelt es am Brot, hat man Kummer. Fühlt sich jemand im beanspruchten Rang mißachtet, kann das eine Menge Ärger geben.
Da ausnahmslos jeder Mensch spirituelle und kulturelle Bedürfnisse hat, ist klar, daß es nie nur ums Essen geht, wenn eine Gemeinschaft ihre Angelegenheiten ordnet. Wo über die Nutzung von Mitteln verhandelt wird, bleibt das Kulturelle (auch als Rahmen des Spirituellen) von großer Bedeutung. Ein Bonmot besagt: Kultur ist das, was wir daraus machen.
Wenn nun Österreichs Identitäre ausdrücklich um „unsere Kultur“ fürchten und diese Kultur (welche genau?) verteidigen und schützen möchten, könnte man das als individuelle Ambition akzeptieren. Sollen sie doch, sie dürfen das.
Wenn sie sich dazu allerdings organisieren möchten und dafür Geld erhalten wollen, wenn sie daraus eine politische Initiative machen und via Massenmedien in den öffentlichen Diskus drängen, wird etwas anderes daraus. Spätestens dann muß all das auch öffentlich zur Diskussion stehen.
Damit werden einige Fragen besonders interessant. Zum Beispiel:
+) Gibt es eine konkret beschreibbare Gefahr? (Wie sieht die aus?)
+) Haben die Identitären ein nachvollziehbares Konzept, dieser Gefahr zu begegnen?
+) Oder benutzen sie bloß Schlagworte, beliebig befüllbare Worthülsen,
+) um mehr Sozialprestige und mediale Sichtbarkeit zu erhalten und
+) damit dieses Thema zu bewirtschaften, also Geld zu lukrieren?
Das sind übrigens Fragen, denen sich letztlich jede Person und jede Formation stellen muß, die für komplexere kulturelle Vorhaben von anderen Seiten öffentliche oder private Gelder erhalten möchte, Mittel, die nicht selbst erwirtschaftet wurden.
Das ist legitim! Es ist sinnvoll, daß ein Gesellschaft in kulturelle Projekte investiert, also Fördergelder (öffentlich) und Sponsorgelder (privat) zur Kofinanzierung von relevanten Projekten aufbringt. Es ist ganz banal, daß Menschen, die solche Mittel haben möchten, ihre Intentionen darlegen sollen und hinterher Rechenschaft geben müssen, was mit den Mitteln gemacht wurde.
+) Übersicht: Zur steirischen Politik
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