Steirische Politik
Wahlkampf und Kultur: eine Nullnummer

Seit meiner letzten Notiz zu den Gemeinderatswahlen in Gleisdorf hat sich im Internet ein wenig getan. Ich suche - berufsbedingt – stets auch kulturpolitische Inhalte. Das ist eigentlich nicht bloß historisch gesehen ein zentrales Thema menschlicher Gemeinschaften, das hat zu Fragen unserer Zukunftsfähigkeit enormes Gewicht.

Aber wissen das auch unsere politischen Kräfte und haben sie dazu etwas von Relevanz zu sagen? Der Befund muß vorerst „Leider nein!“ lauten. Ich staune, daß „Kunst und Kultur“ immer noch vor allem im Bereich der Events zum Thema wird, obwohl nicht bloß Gleisdorfs Kulturreferent schon vor vielen Jahren betont hat, er halte die wachsende „Eventitis“ für problematisch.

Ich zitiere aus einer Notiz vom 18.7.2011 (!), wo zu vermerken war: „da wir eben eine kulturdebatte hatten, fand ich bemerkenswert, wie einhellig meine drei gesprächspartner – bürgermeister, kulturreferent und kulturbüro-leiter – jene tendenz zur ‚eventitis‘ kritisiert haben, in der bei EVENTS ein immer höherer aufwand nötig sei, um menschen zu mobilisieren, wobei es in diesen abläufen kaum noch möglich erscheine, INHALTE zur debatte zu bringen.“ (Quelle)

So wird es also nun bald ein Jahrzehnt sein, daß wir im Kulturbereich vor Ort ohne bemerkenswerten inhaltlichen Diskurs auskommen und – wie sich zeigt – die lokale Politik bis heute in der Sache nichts mitzuteilen weiß.

Dabei haben gerade die letzten Jahre deutlich gemacht, daß wir uns nun mitten in der Vierten Industrielle Revolution befinden, was bedeutet, die schon angelaufenen Umbrüche sind mehr als radikal. Das ist unter anderem kulturell eine enorme Herausforderung.

Also: die Frage nach unserer Zukunftsfähigkeit (und wie wir das handhaben möchten) wäre mindestens auf dem Feld der Kultur zu stellen und zu debattieren. Das könnte als zentrale kulturpolitische Agenda verstanden werden. Kulturpolitik kann sich ja nicht darin erschöpfen, das Kulturbudget zu verwalten und bei Veranstaltungen für Eröffnungen zu sorgen, bei denen Leute aus Politik und Verwaltung Gelegenheit finden, in Kameras zu lächeln.

Zu meiner vorigen Notiz (Gemeinderatswahl: Dröhnendes Schweigen) hat ÖVP-Exponent Wolfgang Weber auf Facebook reagiert: „Geduld, lieber Martin! Die Frist für die Meldung der wahlwerbenden Parteien ist ja erst abgelaufen. Außer den von Dir genannten Parteien ist mit keine Kandidatur bekannt. Und inhaltlich wird es wohl Anstöße von außen brauchen.“

Darauf werde ich noch eingehen. Inzwischen ist im Internet etwas vorangekommen. Hier ein Tip, wie Sie bestimmte Stichworte auf einer Website effizient suchen können. Sie füttern die Suchmaschine zum Beispiel mit „kultur site:oevp-gleisdorf.at“ oder „kultur site:gruene-gleisdorf.at“, was Ihnen jene Dokumente auflistet, die das Wort beinhalten.

Die Abfrage „kultur site:www.spoe-gleisdorf.at“ bringt mir einen einzigen Eintrag aus einem Dokument des Jahres 2013. („Wenn am 29. September der Nationalrat neu gewählt wird, geht es auch um die künftige Entwicklung unserer Gemeinde.“) Da überschreibt das Stichwort Kultur aber bloß eine Einladung zum „3. Oktoberstadl“.

Die Abfrage „kultur site:fpoe-gleisdorf.at“ bietet als jüngsten Eintrag einen aus dem Jahr 2016: „Wir sind die einzige politische Jugendorganisation, bei der noch Werte wie Heimatliebe und die Erhaltung unserer Kultur an erster Stelle...“ (27.02.2016) Das sind, wie gewohnt, völlig leere Phrasen, nette Floskeln. Wir kennen keinerlei belegbare Praxis dieser Behauptung und in jenem Lager hat man schlicht keine Ahnung, wo von die Rede sei, wenn jemand sagt: „Kultur“.

Bei den Gleisdorfer Grünen hat sich online grade was getan. Die ursprüngliche Page birgt noch keinen Hinweis darauf, aber über Facebook ist aktuell zu erfahren, daß nun eine neue Website aufgebaut wurde. Dort findet man: „WIR machen Gleisdorf grün, lebendig und klimaneutral. Unsere grüne Vision für Gleisdorf“. Eine der Botschaften besagt: „Wir brauchen also Erneuerung und Veränderung!“ (Gut, dieser Satz ist schon seit dreitausend Jahren unwiderlegbar.)

Ich konnte zum Wort Kultur per Suchmaschine nur eine Nennung finden, die da lautet: „Bei einem Stadtfest mit Kulinarik und Kultur aus Gleisdorf, könnten wir zeigen, in welch toller Region wir wohnen.“

Das ist leider eine kulturpolitische Null-Aussage, zumal seit geraumer Zeit fast jedes regionale Management „Kulinarik und Kultur“ zum Slogan kombiniert und beliebig rausschiebt, ohne auch nur den geringsten Hinweis zu bieten, was damit bezüglich Kultur gemeint sein könnte; außer: Futtern & Entertainment.

Das Problem an dieser Position: sie dient eher dem andauernden Trend „Konsumation statt Partizipation“, anstatt ihm die eine oder andere Gegenposition zu verschaffen.

Die Abfrage „kultur site:oevp-gleisdorf.at“ liefert mir das „Wahlprogramm 2010–2015“, darin Floskel-Kram solcher Art: „Zu einem attraktiven Lebensraum gehören Arbeits- und Wohnangebote genauso, wie Angebote für die Freizeit, den Sport und auch die Kultur. Gleisdorf hat sich mit dem forumKLOSTER und vielen anderen Initiativen in den letzten Jahren einen überregionalen kulturellen Stellenwert erarbeitet und geschaffen.“ Derlei ist bloß Gerede, kann bestenfalls durch teuren Mainstream-Betrieb belegt werden, ist ansonsten ohne praktischen Beweis von Belang.

Aber ich hab da einfach die falsche Website erwischt. „Unser Programm 2020 – 2025. Starkes Gleisdorf – Lebenswert!“ befindet sich auf der persönlichen Website des amtierenden Bürgermeisters; und zwar hier: (link)

Der Passus „Wir sind Kulturstadt“ im 2020er-Papier kommt als Paraphrase von 2015 daher: „Mit dem forumKloster und allen anderen Spielstätten sind wir in den letzten 20 Jahren zur Kulturstadt gewachsen.“ (Copy-Paste?)

Und weiter: „Das soll auch so bleiben! Denn Kultur ist ein wichtiger Verbinder, Vermittler, Ausgleich und Beflügler unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ein Hoch auf die Kultur! Ein Hoch auf unsere Stadt!“ Auweia! Deutlicher könnte man nicht ausdrücken, daß dieser Text ohne jeden kulturpolitischen Inhalt auskommen muß. Es ist bloß ein PR-Text. Ich versuche es mit der Abfrage „kultur site:www.christoph-stark.at“. Nichts Essentielles, außer der Satz „Kultur schafft Heimat“. Und das sagt leider gar nichts.

Was muß ich aus all dem schließen? Vor allem, daß die Kreativen der Region offenbar überhaupt nichts zu sagen haben, wenn man nach kulturpolitischen Optionen fragt. Immerhin hätte ja wenigstens der „Kulturpakt Gleisdorf“ in den letzten Jahren irgend eine Vision, irgendein kulturpolitisches Themenpapier, hervorbringen können. Aber: nichts.

Heißt das nun, es geht im Kulturgeschehen der Kleinregion Gleisdorf vor allem um Entertainment und Selbstrepräsentation? War’s das? Haben Kunst- und Kulturschaffende hier keine anderen Anliegen, als ihre eigene Sichtbarkeit gelegentlich zu erhöhen? Dann läge eine Politik ohne kulturpolitische Visionen ja völlig richtig.

+) Zur steirischen Politik

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