21.12.2017, 10:19 Uhr

Fredi Greimel: "Ich habe jetzt zwei Geburtstage"

Fredi Greimel und "Grey Jumper" sind nach wie vor ein Team.

Für den Deutschlandsberger Top-Springreiter
Alfred Greimel war 2017 nach einem schweren Unfall ein Jahr wie
kein anderes.

DEUTSCHLANDSBERG. Alfred Greimel ist nicht nur einer von Österreichs besten Springreitern, sondern betreibt auch seit sieben Jahren den Turnierreitstall Reitclub Schloss Frauenthal in Deutschlandsberg, mit Einstellbetrieb für rund 35 Pferde. Ursprünglich kommt Greimel übrigens aus Donnersbach in der Obersteiermark.
Nach einem schweren Sportunfall hing sein Leben heuer am seidenen Faden. Jetzt steht er wieder mit beiden Beinen fest im Leben, aber doch etwas anders als zuvor.
Im WOCHE-Exklusiv-Interview erzählt Fredi Greimel über seine neu gewonnene Einstellung zum Leben.

Fredi, Du warst zu Beginn des Jahres auf Platz sieben im Ranking der besten österreichischen Springreiter. Was sind Deine größten Erfolge?
ALFRED GREIMEL: Ich war drei Mal Staatsmeister in der Vielseitigkeit bis zur Klasse "Young Rider" und dann auch Landesmeister. Außerdem bin ich zwei Europameisterschaften geritten. Inzwischen habe ich mich aber ganz aufs Springreiten spezialisiert, da bin ich vierfacher Landesmeister.

Ich hätte mit Dir schon im Mai einen Interview-Termin gehabt. Aber genau an diesem Tag ist alles ganz anders gekommen ...
Genau, das war der 22. Mai, mein zweiter Geburtstag, wie ich jetzt rückblickend sage. Ich war bei meinem Freund, dem Dieter Köfler in St. Veit an der Glan, um unsere Pferde noch für den Casino Grand Prix in Lassee abzuchecken. Danach wollten wir weiterfahren zu einem internationalen Turnier. Die Betonung liegt auf "wollten".

Was ist passiert?
Ich bin mit "Grey Jumper" einen Ausschnitt aus einem Parcours geritten. Den Wassergraben ist der Schimmel tadellos gesprungen, aber nach etwa vier Galoppsprüngen ist er gestolpert und hergefallen – und ich mit ihm. Da wäre noch nichts passiert. Am Boden liegend, wusste ich sofort, dass ich mich ganz schnell wegdrehen muss – zu spät: Das Pferd ist mir beim Aufstehen voll auf den Oberschenkel gestiegen und hat mir dabei die Arterie durchtrennt.

Das war wohl kurz vor knapp?
Das kann man wohl sagen. Der Dieter hat die extrem blutende Wunde gleich mit seinem Gürtel abgebunden. Dann hat auch noch sein Handy nicht mehr funktioniert, weil alles voller Blut gewesen ist, und ich hatte gar keines dabei. Der Stallbursch hat dann den Notruf abgesetzt. Als ich in wenigen Minuten immer schwächer geworden bin und bald meine Füße nicht mehr spüren konnte, habe ich gedacht: Das war’s jetzt endgültig für mich.
Aber der Dieter hat so um mich gekämpft bis dann die Rettungskräfte da waren, das hat unsere Freundschaft noch mehr vertieft.

Wie ist es im Klinikum Klagenfurt für Dich weitergegangen?

Bei der ersten Operation wurde die Arterie mit einer meiner Venen vernäht und der Oberschenkelhalsbruch verschraubt. Dennoch war es längst nicht sicher, ob ich das Bein überhaupt behalten kann. Das waren elf Tage voll schrecklicher Ungewissheit. Als auch noch ein Eiterherd aufgetreten ist, hat es noch einmal schlecht ausgesehen, da hatte ich dann meine dritte Operation.

Wie lange warst Du im Klinikum Klagenfurt?

Das waren gut sechs Wochen. Als es langsam bergauf ging, kam die nächste große Hürde: Ich musste wieder gehen lernen! Ich konnte nicht einmal 20 Meter mit dem Rollator gehen, und das ich, als Sportler. Es war zum Durchdrehen!

Das sind also viele neue Erfahrungswerte ...
Wie wahr! Ich musste mich an meine körperlichen Möglichkeiten ganz neu herantasten. Als ich aber Ende Juli im Reha-Zentrum Tobelbad war, habe ich erst gesehen, wie schlecht es anderen im Vergleich zu mir geht. Da haben sich Freundschaften ergeben.

Du reitest jetzt also wieder?

Ja, nur der erste Ritt war noch voller Unsicherheit. Man denkt plötzlich über Situationen nach, die einem früher völlig egal waren, z.B. ob das Pferd beim Aufsteigen wohl stehen bleibt. Inzwischen habe ich wieder meinen gewohnten Rhythmus gefunden. Auch das Springen funktioniert schön langsam wieder, sogar mit "Grey Jumper", und das nur sieben Monate nach dem Unfall.

Wie schaut es mit Turnier-Starts aus?

Wenn wirklich alles passt, dann möchte ich im März einmal wieder Turnierluft vom Pferd aus schnuppern.

Was hat der Unfall mit Dir gemacht?

Ich bin gelassener und dankbarer geworden und verschwende keine Gedanken mehr an Kleinigkeiten. Es gibt Wichtigeres, nämlich das Leben und die Gesundheit. Ich höre jetzt mehr auf meinen Körper und gebe ihm Zeit, wenn er sie braucht.

Was bedeutet dann dieser Jahreswechsel für Dich?
Man könnte annehmen, dass 2017 mein schlimmstes Jahr war. Ich sage lieber, es war mein bestes Jahr, weil ich noch lebe.
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Gerhard Woger aus Deutschlandsberg | 21.12.2017 | 16:13   Melden
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