Die Pakete der Trude Horst

An der Uhr gedreht hat Trude Horst mit der WOCHE und erzählt aus dem Jahr 1946.
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"Jetzt bekommt auch Graz ein jüdisches Museum" (aktuell laufen die Verhandlungen darüber, dass das Universalmuseum Joanneum ab Herbst die Ausstellungen aus der Synagoge übernimmt) – die 88-jährige Trude Horst hat sich auf diesen WOCHE-Bericht vom 4. Juli gemeldet und uns die Geschichte von ihrem jüdischen Onkel erzählt, der das Leben ihrer Familie verändert hat.

Glückspakete von damals

Wir schreiben das Jahr 1946, Nachkriegszeit in Österreich. Viele Menschen hungern, doch Trude Horst und ihre Familie erleben am 13. Februar eine wunderbare Überraschung, die ihren Hunger stillen soll. Ihr Onkel, Fritz Pulgram – ein 1938 in die USA emigrierter Jude – schickt ein Paket aus Amerika.
Der Inhalt: Ein halbes Kilogramm Butter, eineinhalb Kilogramm Wurst, eineinhalb Kilogramm Käse und eine Dose "Ham & Bacon". Die damals 17-jährige Trude Horst notiert sich alles feinsäuberlich in ihrem Notizheft, das sie noch heute besitzt.

Waren zum Tausch

Zwei Monate später folgt das nächste Paket, die Abstände werden immer kürzer, die Inhalte mehr. Von 1946 bis 1949 kommen insgesamt 38 Pakete per Post* aus den USA an. 128 Pakete waren es sogar insgesamt. Dann noch einmal 17 Kisten und sieben Kehrpakete sowie drei Pakete mit Kleidern und vier Mal 45 Kilogramm Mehl, sowie einmal 1.000 Kilogramm polnische Steinkohle. *(Nach Erscheinung des Artikels in der Printausgabe am 26. Juli kam eine Anmerkung von Trude Horst: "38 Pakete kamen per Post, aber ich habe nachgezälht: Es kamen noch all diese anderen Pakete auch dazu")*

"Ich habe alle Paketinhalte aufgeschrieben", erzählt die 88-Jährige, inzwischen Mutter dreier Kinder, Oma von sieben Enkel- und drei Urenkelkindern. "Irgendwann kamen auch Zigaretten im Paket. Die dienten damals gut als Tauschware. Meine Mutter bekam so einen Arzttermin", erinnert sich Horst zurück.


Alles notiert: Jeden Paketinhalt hat Trude Horst feinsäuberlich in ihrem Buch aufgeschrieben.

"Wir haben nur gegessen"

"Als das erste Paket gekommen ist, standen wir einfach nur drumherum und haben gegessen, gegessen, gegessen. Heute können sich viele nicht vorstellen, was es heißt, Hunger zu leiden", sagt die junggebliebene Pensionistin. "Hier in der Siedlung habe ich im Mülleimer einmal ganz viel Brot und Semmeln gesehen. Ich habe einen Zettel geschrieben, wie man altes Gebäck verarbeitet, und auf die Tonnen geklebt. Vielleicht wissen die jungen Leute heute nicht, wie man Semmelbrösel macht, hab ich mir gedacht", meint Horst, die während sie erzählt stets ein Lächeln auf den Lippen trägt. "Ich bin ein durch und durch positiver Mensch. Ich habe harte Zeiten erlebt, aber ich möchte aufzeigen, wie viel Positives es auf der Welt gibt."

Dank sei dem Onkel

Darum will sie das Vermächtnis ihres Onkels teilen. "Mein Onkel war so ein großzügiger Mensch. Einmal, als er nach Österreich kam, hat er alle Neffen und Nichten in die Konditorei Steinberger eingeladen und gemeint, wir könnten essen, soviel wir wollen. Wir haben alle Vitrinen leergeräumt."
Horst berichtet, dass ihr Onkel und ihre Tante mit nur einem Dollar in den USA strandeten: "Der Container, den sie verschiffen wollten, ging verloren. Sie mussten in Amerika hart schuften und alles neu aufbauen."

Besuch im Museum

Doch nicht alles ging verloren. "Der Container wurde tatsächlich wiedergefunden, ich habe daraus die Uhr bekommen", freut sich Horst über ihr Erinnerungsstück (siehe Foto). "Ich finde, die Synagoge sollte ein heiliger Ort für die Juden sein, aber wenn ein jüdisches Museum in Graz kommt, würde ich es gern besuchen."

An der Uhr gedreht hat Trude Horst mit der WOCHE und erzählt aus dem Jahr 1946.
Alles notiert: Jeden Paketinhalt hat Trude Horst feinsäuberlich in ihrem Buch aufgeschrieben.

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