Wenn Eltern sich dauernd einmischen

Kennen Sie das? Obwohl Sie erwachsen sind, mischen sich Ihre Eltern in Ihr Leben ein. Wie grenzt man sich ab ohne zu verletzen?
Als Psychologe ist man oft damit konfrontiert, dass Eltern ihre Kinder bevormunden. Sie meinen zu wissen, welche Ausbildung oder welcher Beruf am besten für ihr Kind ist. Es kommt sogar vor, dass Eltern in Firmen vorstellig werden, um zu erklären, wie ihre Kinder im Job am besten eingesetzt werden.
„Helicoptering“ nennt man dieses Phänomen, bei dem Eltern in Überfürsorge alles besser wissen. Sie kreisen quasi wie ein Helicopter über ihren Kindern. Helicopter-Eltern haben oft konkrete Ziele für ihr Kind vor Augen, noch bevor ihr Kind selbst derartige Gedanken hat – mögliche Folge: Je nach Temperament wenden sich Kinder ab und beenden die Beziehung zu ihren Eltern oder verinnerlichen den Gedanken, dass sie selbst nichts zustande bringen und leiden still vor sich hin. Helicopter-Beziehungen zu erwachsenen Kindern können in einem aggressiven Machtkampf enden.
Aber warum mischen sich Eltern ins Leben erwachsener Kinder ein? Die meisten machen es in bester Absicht etwa, weil sie ihrem Kind schlechte Erfahrungen ersparen wollen. Dabei wird übersehen: Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen. Niemand anderer kann sich stellvertretend für sie entwickeln.

Wachsame Sorge

Andererseits ist es auch ein sozio-kulturelles Phänomen: Die Pubertät beginnt heute zwar früher, das Selbstständigwerden aber später. Laut neuer Studien zieht es sich oft bis zum 30. Lebensjahr hin – oft aufgrund längerer Ausbildungswege. Es gibt auch das „Nesthocker-Phänomen“: Selbst 35-Jährige leben noch im „Hotel Mama“. Manche Eltern mischen sich auch ein, weil sie schlechte Erfahrungen mit ihren Kindern gemacht haben: Sie schwänzen die Schule, konsumieren übermäßig Alkohol oder Drogen. Wenn dann aber ein Machtkampf entsteht, scheitern Eltern oft erst recht. Was ist die Lösung? Nichts zu tun? Mitnichten.
Es ist sinnvoll, dass sich Eltern auch über das 18. Lebensjahr hinaus für ihre Kinder verantwortlich fühlen – entscheidend ist allerdings das „Wie“. Junge Erwachsene brauchen oft einen Anker im Leben. Den können Eltern bieten, in Form von wachsamer Sorge: Sie verfolgen die Entwicklung ihrer Kinder aufmerksam und pflegen eine gute Beziehung zu ihnen. Ist diese wertschätzend, ist es auch leicht, auf mögliche Fehlentwicklungen hinzuweisen und seine Meinung zu sagen. Das ermöglicht eine konstruktive Auseinandersetzung.
Fest steht: Junge Erwachsene sind oft im Dilemma sich entscheiden zu müssen zwischen Verpflichtungen den Eltern gegenüber und ihren eigenen Wünschen. Letztendlich ist es ihre eigene Aufgabe hier herauszukommen.

Was können „Kinder“ tun?
1. Entdecken Sie, was Sie wirklich wollen und gehen Sie konsequent Ihren Weg. Dann investieren Sie Ihre Energie nicht in den Abwehrkampf gegenüber den Eltern, sondern in Ihre Zukunft. Beraten Sie sich gerne mit Ihren Freunden.
2. Werten Sie nicht immer alles ab, was Ihre Eltern sagen, sondern versuchen Sie zuzuhören. Manchmal sagen Eltern durchaus etwas Vernünftiges. Wenn man zuhört, kann man auch nachfragen wie etwas gemeint ist. Es bleibt bei einem selbst, ob man einem Vorschlag folgt oder nicht.
3. Setzen Sie Beziehungsgesten gegenüber Ihren Eltern und seien Sie respektvoll. Oft geht es bei Belehrungsversuchen darum, dass Eltern sich ein Danke für Ihre Bemühungen wünschen. Ihre Eltern verdienen Wertschätzung.
4. Positionieren Sie sich klar. Wenn Sie in einer Beziehung leben, stehen Sie an der Seite Ihres Partners. Gestalten Sie das Leben nicht in ein “Hin und her“ zwischen verschiedenen Positionen. Seien Sie transparent und verbindlich. Wenn andere sich auf Sie verlassen können, stärkt das Ihre Beziehungen.
5. Ermöglichen Sie Ihren Eltern, an Ihrem Leben teilzuhaben –etwa beim gemeinsamen Mittag-essen oder Besuchen der Enkel. Was wann passiert, haben aber Sie selbst in der Hand.
6. Wenn die Bevormundung Überhand nimmt, darf etwas Widerstand sein. „Ich schätze euch als Eltern. Ihr habt einen fixen Platz in meinem Leben. Was ich aber nicht will, ist, dass ihr euch dauernd einmischt. Dagegen werde ich mich wehren.“
So können Sie Ihren eigenen Weg gehen und gleichzeitig eine gemeinsame Zukunft gestalten.

DER EXPERTE
Dr. Philip Streit ist Psychologe, Psychotherapeut und Lebens- und Sozialberater.
Seit 20 Jahren leitet er das „Institut für Kind, Jugend und Familie“ in Graz, das größte Familientherapiezentrum der Steiermark.
Kontakt: www.ikjf.at oder per Tel.: 0316/77 43 44
Jede Woche beantwortet er in der „WOCHE“ eine Frage rund um Erziehung und Beziehung.
Ihre Fragen und Anregungen können Sie an die Redaktion schicken:
elisabeth.poetler@woche.at

Newsletter Anmeldung!

Kommentare

online discussion

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Aktuell

Regionaut werden!

Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?
Werde Regionaut!

Regionaut werden!



Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Du möchtest selbst beitragen?

Melde Dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Foto des Tages einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen