IV-Präsident Stefan Stolitzka
"Es gibt so viel Geniales in der Steiermark"

"Krise birgt für die Steiermark auch viele Chancen." Der steirische IV-Präsident Stefan Stolitzka im Interview mit der WOCHE.
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Es war auch für ihn ein spontaner Entschluss, sich an die Spitze der steirischen Industriellenvereinigung (IV) zu stellen. Stefan Stolitzka, CEO von Legero united, hat sich – nach dem Wechsel von Georg Knill in die IV Österreich – dieser Herausforderung gestellt. Nachdem das langjährige Präsidiumsmitglied keine 100 Tage Eingewöhnung brauchte, bat ihn die WOCHE nach 80 turbulenten Tagen im Amt zu einem ersten Bilanzinterview.

Nach wie vor dominiert Corona unser Leben – wohin wird sich die Industrie entwickeln?
Die erste Phase haben wir recht gut gemeistert, vor allem auch, weil Aufträge da waren, die abgearbeitet werden mussten. Jetzt zeigt sich schon, dass die Folgeaufträge nicht so eintreffen, wie wir sie brauchen würden. Das betrifft viele Bereiche, die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, wie umfangreich das werden wird. Es wird jedenfalls lange dauern bis wir wieder dort hinkommen, wo wir vor der Krise waren. Dass es strukturelle Anpassungen geben wird, damit ist notgedrungen leider zu rechnen.

Ist die Obersteiermark ein spezieller "hot spot"?
Nein, das würde ich nicht regional festmachen, auch in der Obersteiermark gibt es Bereiche, die sogar boomen. Und halt auch andere, die nicht so gut laufen.

Was paradox anmutet: Trotz hoher Arbeitslosenzahlen herrscht weiter Fachkräftemangel. Warum?
In der Industrie reden wir vor allem vom MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, Anm. d. Red.), da werden Sie nicht viele Arbeitslose finden. Das Fachkräftemangel-Thema wird uns definitiv erhalten bleiben, vor allem, weil derzeit massiv in neue Geschäftsfelder, Stichwort Digitalisierung, investiert wird. Wir werden im Bildungs- und Schulsystem neue Ansätze finden müssen.

Themenwechsel: Wie geht die Industrie mit den Reisebeschränkungen um?
Das ist einer der wesentlichen Faktoren, der uns sehr trifft. Für die Akquise neuer Aufträge, um Anlagen zu montieren oder zu servicieren, müssen die Menschen der steirischen Industrie weltweit unterwegs sein. Das ist derzeit nicht nur eingeschränkt, das ist teilweise gar nicht möglich. Hier würden wir uns wünschen, dass die Bundespolitik Initiativen ergreift, damit es zu bilateralen Abkommen mit den wichtigsten Exportländern kommt.

Welche Länder sind das?
Unser wichtigstes Exportland ist Deutschland. Der zweitstärkste Exportmarkt sind aber schon die USA, auf Platz 4 liegt China. Es müssen, natürlich unter bestimmten Bedingungen, Reisen in diese Länder möglich sein. Um die Einhaltung der Bedingungen kümmern wir uns dann schon, aber das Reisen müsste prinzipiell wieder möglich sein. Was immer man uns vorschreibt, würden wir auch einhalten. Es fehlt aber auch innerhalb Europas an Abstimmungen. Auch wenn es seitens Deutschlands Einreisebeschränkungen gibt, erfährt Österreich das erst wenige Stunden zuvor. Die Abstimmung ist eindeutig ein EU-Thema, derzeit agiert jeder leider nur lokal.

Wie schätzen Sie die Pandemie-Lage ganz persönlich ein?
Wir müssen lernen, damit zu leben. Wir können nicht auf eine Impfung hoffen, das kann in einem Jahr soweit sein, das kann aber auch 3 Jahre dauern. Hausverstand und Eigenverantwortung werden dabei eine große Rolle spielen, wir müssen lernen, die paar Regeln, die es gibt, einzuhalten.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Investitionsbereitschaft?
3,65 Milliarden Euro wurden von der steirischen Industrie 2019 investiert, so viel wie die Landesbudgets von Kärnten und Burgenland zusammen. Derzeit sieht es so aus, dass zumindest die großen Investitionen nicht abgesagt wurden. Gesamthaft kann man es aktuell noch nicht seriös abschätzen. Aber: Die Unternehmen werden definitiv Investitionen vorziehen, wo es um Geschäftsfelder der Zukunft geht. Bei digitalen Prozessen wird deutlich mehr Geld in die Hand genommen werden als ursprünglich vorgesehen.

Was wäre da ein Beispiel?
Ich kann es Ihnen für mein Unternehmen sagen: Wir haben im Bereich des Schuhdesigns neue digitale Wege entwickelt, mit denen wir die Zeit der Entwicklung – etwa durch 3-D-Printer – enorm reduziert, die Qualität gesteigert und die Kosten halbiert haben.

Braucht es da auch neue Berufsbilder?
Klar. Bei uns machen das Schuhdesign am Bildschirm zwei Architektinnen – die kommen zwar nicht aus der Schuhbranche, aber sie haben ein gutes Gefühl für Design und 3-D-Technik gelernt. Die Steiermark hat in Innovation und Entwicklung noch ein unfassbares Potenzial.

Ist das so?
Ja! Wir müssen schon noch mehr Menschen in diese Ausbildungen bringen. Aber die Bereitschaft der Unternehmen ist da, jetzt beschleunigt sich alles noch einmal.

Bleibt bei all diesen Entwicklungen das Thema Klimawandel auf der Strecke?
Im Gegenteil, ich sehe hier eine Megachance für die Steiermark. Die steirische Industrie ist natürlich energieintensiv – aber das, was damit gebaut wird, trägt dazu bei, das weltweit unglaublich viel CO2 eingespart wird. Allein 2017 waren das 550 Millionen Megatonnen CO2, das ist so viel wie Kanada ausstößt. Und ich sage jetzt: Wir wollen eine Milliarde einsparen – und das ist durchaus möglich.

Themenwechsel: Wie stehen Sie zur Verkürzung der Arbeitszeit?
In Sachen Flexibilität – auch wenn wir uns noch mehr wünschen würden – wurde einiges erreicht, da sind wir auf einem guten Weg. Jetzt sind wir in einer einmaligen Krisensituation und 2021 wird definitiv schwieriger als 2020. Da jetzt von Modellen der Arbeitszeitverkürzung zu reden, ist so kontraproduktiv, das geht überhaupt nicht.

Letzte Frage: Was ist denn für Sie das Besondere an der steirischen Industrie?
Das Besondere ist, dass wir so bescheiden sind. Und dass die wenigsten wissen, welche genialen Dinge hier eigentlich hergestellt werden. Der optimale Nährboden dafür ist der universitäre Hintergrund, dazu kommen noch Offenheit und Internationalität, die Flexibilität – und der Wunsch, für die Menschen in diesem Land etwas zu tun.

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