28.09.2017, 13:59 Uhr

Nicht im Namen der Ehre: Frauenfragebogen mit Christina Kraker-Kölbl

Für starke und selbstbewusste Frauen: Christina Kraker-Kölbl setzt sich seit Jahren für Frauenrechte ein. Sie ist dankbar für alles, was bereits erkämpft wurde, sieht aber noch viel Handlungsbedarf. (Foto: WOCHE)

Christina Kraker-Kölbl leitet "Divan" und stärkt Frauen, die von Gewalt "im Namen der Ehre" betroffen sind.

Frauenspezifische Integrationsprobleme: Christina Kraker-Kölbl ist seit 2001 bei der Caritas und leitet seit sechs Jahren die Beratungsstelle "Divan", die sich für Frauen einsetzt, die von Gewalt "im Namen der Ehre" betroffen sind. Nun wurde sie von der "Presse" in der Kategorie "Humanitäres Engagement" als "Österreicherin des Jahres" nominiert.

WOCHE: Ist Gewalt "im Namen der Ehre" ein Tabuthema?
Kraker-Kölbl: Vor dem Start von "Divan", das ich mitinitiiert habe, war ich zehn Jahre im Frauenwohnhaus tätig und habe im direkten Kontakt mit den Klientinnen von ihren Problemen erfahren. Es hat sich herausgestellt, dass Gewalt "im Namen der Ehre" und ehrbasierte, häusliche Gewalt Themen sind, die man aufzeigen muss. Wir haben "Divan" gegründet, um Migrantinnen in diesen Bereichen umfassend zu beraten und zu begleiten sowie die Gesellschaft für diese Gefährdung zu sensibilisieren.

Wieso gerade der Name "Divan"?
Den Begriff gibt es in vielen Sprachen und er ist positiv behaftet. Viele verbinden damit das Liegesofa, und wir haben ein solches auch bei uns stehen. Frauen haben einen geschützten Ort, um offen über Erlebtes sprechen zu können.

Wie viele Frauen suchen Ihre Beratungsdienste auf?
Wir betreuen steiermarkweit jährlich 120 Klientinnen sehr intensiv. Oft ist es für Migrantinnen schwierig, eine Beratungsstelle aufzusuchen und Vertrauen zu fassen. Aus diesem Grund sind couragierte Menschen wie Freundinnen, Nachbarinnen oder Mütter wichtig, die auf die Gefährdung aufmerksam machen. Es ist ein sensibles Thema, die Frauen werden psychisch wie physisch unter Druck gesetzt. Daher ist es nicht leicht, sich vom Familienbund zu lösen und um Hilfe zu bitten.

Mit welchen Fällen sind Sie bei "Divan" konfrontiert?
Bei jungen Mädchen ist es die drohende Zwangsheirat. Gesellschaftlich tendieren wir dazu, dies mit der Religion gleichzusetzen, öfter liegen die Gründe dafür aber in den kulturellen Unterschieden. Aber auch der Ausstieg aus einer bestehenden Zwangsehe in Form einer Scheidung ist ein großes Thema. Oft ist dabei nicht nur ihr soziales Umfeld, sondern auch die finanzielle Existenz gefährdet, weshalb es besonders wichtig ist, dass wir diskret agieren.

Wie sieht die Arbeit von Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen konkret aus?
Wir arbeiten in einem multikulturellen Team und beraten die Klientinnen vor allem in ihren Muttersprachen. Wir begleiten sie auf ihrem Weg und versuchen, gute, sichere und individuelle Lösungen für jede Einzelne zu finden. Neben der Krisenintervention bieten wir psychologische, sozialarbeiterische und juristische Beratung an.

Wieso sind so viele Frauen in der Steiermark von Gewalt "im Namen der Ehre" betroffen?
In den Familien unserer Klientinnen stehen die Familieninteressen über den individuellen Bedürfnissen. Das soziale Umfeld unserer Klientinnen ist stark vom Ehrbegriff geprägt und sie leiden unter psychischem Druck, Verhaltenskontrollen und setzen sich Machtspielchen aus. Wir versuchen, Frauen selbstbewusst auf ihren Weg zu bringen, damit sie ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Was ist das Projekt "Heroes", das im Jänner gestartet ist?
Das ist ein Präventionsprojekt von "Divan" gemeinsam mit dem Verein für Männer- und Geschlechterthemen, wo wir mit jungen Burschen und Männern arbeiten, die sich für Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit einsetzen.

Wie fühlt es sich an, als "Österreicherin des Jahres" nominiert zu sein?
Ich bin die Person, die nach außen für "Divan" steht, aber die Nominierung gilt allen Kolleginnen und Frauen, die hinter dem Projekt stehen. Unter "Austria17" kann auf der Homepage der "Presse" bis 2. Oktober abgestimmt werden. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und würde "Divan" zugutekommen, worüber wir uns natürlich sehr freuen würden.

Steckbrief

Geboren am 1. April 1973 in Graz
Matura: HLW Deutschlandsberg
Studium der Kath. Religionspädagogik, Geschichte und Interdisziplinären Geschlechterforschung
Seit 2011 Leiterin der Beratungsstelle "Divan" der Caritas Steiermark und Koordinatorin frauenspezifischer Projekte

WOCHE-Wordrap

Eine große Frau ist für mich ... jede Frau.
Ich arbeite ... damit Frauen selbstbestimmt und gewaltfrei leben können.
Ich tanke Kraft ... in der Natur und in der Familie.
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