Tiroler Regionalitätspreis 2018 – Kategorie Innovation
„Es hat uns wie ein Tsunami überrollt“ — mit Video!

Es geht nicht darum, etwas von jemandem reparieren zu lassen. In Teamarbeit soll das Problem – falls möglich – gemeinsam gelöst werden. Wenn etwas nicht repariert werden kann, wird einem ein Fachmann empfohlen.
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  • Es geht nicht darum, etwas von jemandem reparieren zu lassen. In Teamarbeit soll das Problem – falls möglich – gemeinsam gelöst werden. Wenn etwas nicht repariert werden kann, wird einem ein Fachmann empfohlen.
  • Foto: Czingulszki
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Mit einem solchen Erfolg hat keiner gerechnet. Das erste Repair Café Tirols fand in Pill statt. Über 100 Neugierige sind mit ihren kaputten Geräten gekommen. Eine Fortsetzung – auch in anderen Ortschaften – war danach ganz selbstverständlich.

Tirol hat die größte Dichte an Repair Cafés weltweit – sagt Michaela Brötz mit nicht wenig Stolz. Der Stolz ist berechtigt, hat sie doch 2014 im Rahmen der Erwachsenenbildung ein Projekt auf die Beine gestellt, das noch Jahre später regelmäßig hunderte Interessierte in Werkstätten, Kaffeehäuser und Vereinsräumlichkeiten im ganzen Bundesland lockt. „Wir sind daran gewohnt, dass zu unseren Veranstaltungen 10-15 Leute kommen. In Pill hat es uns wie ein Tsunami überrollt. Über 100 Personen sind gekommen“, gibt sie Einblick in die Anfänge.

Die Idee hatte sie aus Holland abgekupfert und in die Tiroler Dörfer gebracht. In den Repair Cafés wird gemeinsam getüftelt: Alles, was man selbst hineintragen kann, wird inspiziert und mit freiwilligen HelferInnen – oft HandwerkerInnen, ModellbauerInnen, ElektronikerInnen oder HobbybastlerInnen – repariert. Vom Wecker über Roboterstaubsauger bis hin zu Harfen. „Es gibt kaum etwas, was wir noch nicht repariert hätten“, lacht Brötz und fügt hinzu: „Im Mai 2018 haben wir das 100.000 Objekt repariert. Das ist ein Hügel an Objekten, welche wir vor dem Wegwerfen gerettet haben.“

Kaffeemaschinen sind der Burner

„Kaffeemaschinen kann ich nicht mehr sehen“, gesteht sie im BEZIRKSBLÄTTER-Gespräch mit einem Augenzwinkern. Hunderte und hunderte habe sie schon auf dem Tisch gehabt, auseinandergeschraubt und wieder zum Summen gebracht. Einige Reparaturen sind ihr – sie ist oft auch selbst vor Ort – besonders in Erinnerung geblieben. Zum Beispiel die allererste Reparatur überhaupt: ein Wecker, der nach neun Minuten wieder funktionstüchtig war. Was sie und ihre freiwilligen Kollegen und Kolleginnen besonders gerührt hat, war aber die Reparatur eines alten Aufnahmegerätes. Als dieses nach Stunden wieder funktionierte, bekam die Klientin, die das Diktafon zur Reparatur gebracht hatte, Tränen in den Augen: Nach fünf Jahren hat sie wieder die Stimme ihres verstorbenen Vaters gehört.

Nachhaltig und sozial

Bei den Repair Cafés geht es nicht darum kaputte Gegenstände abzuliefern und von anderen Menschen reparieren zu lassen. Es geht um die gemeinschaftliche Arbeit. Bei Kuchen und Kaffee werden zusammen Schraubenzieher geschwungen, es rattern die Nähmaschinen und es werden Fernbedienungen auseinandergeklaubt. Die Finanzierung ist sehr spärlich, die freiwilligen MitarbeiterInnen müssen sich mit einer guten Jause als Bezahlung zufrieden geben. Daher sind Spenden mehr als willkommen.Viele der HelferInnen reisen quer durch Tirol zu den Repair Cafés an und auch die Gastgeber – oft Handwerksbetriebe – sind in reicher Zahl vertreten. „Momentan haben wir 46 Standorte, die ein- bis zweimal im Jahr ein Repair Café organisieren. Die Brandbeite reicht von Lienz bis St. Johann. In den Städten gibt es aber noch Aufholbedarf“, erklärt Brötz. Um ein Bild davon zu haben, was die Freiwilligen leisten: Pro Stunde und MitarbeiterIn können bis zu zwei Gegenstände repariert werden.“
Auch für die Wirtschaft sieht Brötz das Repair Café nicht als Konkurrenz: „Wir sind ja nicht wirtschaftsfeindlich, im Gegenteil. Unsere Freiwilligen sind oft Handwerker, die mit ihrer Arbeit im Repair Café für sich selbst Werbung machen können. Und in Zeiten des Internets ist der Handschlag die beste Vermarktung.“

Digitales Wissen für die alte Generation

Besonders beliebt ist auch die ErklärBar, die im Rahmen der Repair Cafés abgewickelt wird. Hier geht es darum, dass junge Menschen ihr Wissen über digitale Geräte an die ältere Generation übergeben. Dabei wird gemeinsam die Bedienungsanleitung eines Navi-Gerätes durchgelesen oder WhatsApp am Handy installiert und die Nutzung erklärt. Learnin by doing – quasi. „Die alten Leute genießen das total“, sagt Brötz „und auch die jungen sind sofort dabei.“ Was die “Digital Natives“ motiviert ist aber nicht nur die Nächstenliebe: „Da kann man sich schon auch mal das Taschengeld ein bisschen auffetten.“
Brötz liegt viel an Nachhaltigkeit, das Projekt ist eine Herzensangelegenheit von ihr. Was sie sich erwartet, ist aber nicht nur eine finanzielle Sicherheit, mit welcher sie die Repair Cafés auch in Zukunft erfolgreich weiterführen kann, sondern, dass es auch bei der Bevölkerung zu einem echten Umdenken kommt. „Die Repairfähigkeit eines Objektes als Kaufargument – das wünsche ich mir“, sagt sie abschließend im Gespräch und fügt hinzu: „Auch den Einsatz von 3D-Druckern sehe ich als große Chance für die Repair Cafés in Tirol.“

Weiterführende Infos zu den Repair Cafés

Ehrenamtlich unterstützt wird bei der Reparatur in den Repair Cafés in folgenden Orten Sillian in Osttirol, Innsbruck, Thiersee, Kufstein, Bad Häring, Kirchdorf, Ebbs, Westendorf, St. Johann, Oberndorf, Kitzbühel, Wörgl, Brandenberg, Münster, Kematen, Mieders, Hall in Tirol, Sistrans, Inzing, Söll, Zirl, Axams, Telfs, Uderns, Volders, Absam, Schwaz, St. Gertraudi, Haiming, Imst, Landeck, Lienz, Wildermieming, Nassereith, Mutters, Steinach am Brenner, Hippach, Tux, etc.
Die Organisation des Repair Cafés geschieht mit der Unterstützung des Tiroler Bildungsforums.

Weitere Infos finden Sie unter www.repaircafe-tirol.at

Es geht nicht darum, etwas von jemandem reparieren zu lassen. In Teamarbeit soll das Problem – falls möglich – gemeinsam gelöst werden. Wenn etwas nicht repariert werden kann, wird einem ein Fachmann empfohlen.
Michaela Brötz vom Tiroler Bildungsforum hat die Aktion ins Leben gerufen. Mit einem so langanhaltenden Erfolg, hat sie eigentlich nicht gerechnet.

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