10.10.2014, 13:04 Uhr

Fischler: "Unser Sozialsystem stößt an Grenzen"

Die beiden Autoren Wolfgang Lutz (l.) und Franz Fischler: "Jugendarbeitslosigkeit ist ein Sprengsatz." (Foto: Thomas Jantzen)

Ex-EU-Kommissar Franz Fischler und Demograf Wolfgang Lutz im Interview.
von Karin Strobl

Ihr gemeinsames Buch „Zukunft denken“ stellt im Untertitel die Frage: „Werden es unsere Kinder besser haben?“ Warum steht am Ende ein Fragezeichen?
LUTZ: „Das ist die große Frage, die sich wie ein roter Faden durch unser Buch zieht. Es gibt ja viele, die glauben, dass es mit unserer Gesellschaft abwärts geht. Und in manchen Bereichen, etwa bei Klima und Umwelt, ist es ja auch in der Tat so. Andererseits entwickelt sich die Technologie sehr rasch weiter. Es ist also eine Frage der Balance.“
Apropos Balance: Es gibt zwar die Beteuerungen, die Pensionen seien sicher, doch die ab 1970 Geborenen müssen auf ihren zarten Schultern die Pensionen der Babyboomer stemmen. Das kann doch langfristig nicht gut gehen.
FISCHLER: „Die jüngere Generation wird im Verhältnis zur älteren Generation kleiner und daher wird die Finanzierung des Sozialsystems an Grenzen stoßen. Und es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass auch Österreich einen Automatismus zur Anpassung des Pensionsalters einführt.“
Sie beide schreiben von „Wohlstand und Wachstum“. Gibt es noch eine Steigerung?
LUTZ: „Wenn wir von Wachstum sprechen, wird sehr oft nur das materielle Wachstum gesehen. Wir versuchen, auch über Lebensqualität zu sprechen. Hier stehen Gesundheit, Familie und ein Mindestmaß an materieller Befriedigung an vorderster Stelle.“
Wenn es um Lebensqualität in Europa geht, kann man die vielen arbeitslosen Jugendlichen nicht außer Acht lassen.
FISCHLER: "Diese Jugendarbeitslosigkeit ist ein Sprengsatz. Wenn es der neuen EU-Führung nicht gelingt, hier substanzielle und spürbare Fortschritte zu machen, dann, glaube ich, beginnt die europäische Gesellschaft auseinanderzufallen. Dann reicht die Kohärenz nicht mehr aus, um ein geeinigtes Europa in die Zukunft zu tragen.“
Sie schreiben auch von der „Macht der Bildung“. Es hat noch nie so viele junge, gut ausgebildete Menschen gegeben.
LUTZ: "Es zeigt sich in allen Teilen der Welt, dass Kinder, die etwa in die Schule gehen, gesünder sind. Sprich, Menschen, die eine Bildung erhalten, tun sich in allen Bereichen ihres Lebens leichter.“
FISCHLER: „Die Zukunft Europas hängt auch davon ab, wie innovativ Europa sein wird. Die Innovationskraft Europas kann jedoch nur ein Ausfluss dessen sein, was wir zuvor in die Bildung investiert haben.“
Da sind wir wieder beim politischen Willen, und der scheint in Österreich gerade beim Thema Bildung nicht sehr ausgeprägt zu sein.
FISCHLER: „Wenn wir auf die Bildung in Österreich zu sprechen kommen, sind wir in den hinteren Reihen anzutreffen, was den Reformwillen und den politischen Willen betrifft.“
LUTZ: "Im Buch blicken wir auch oft nach Norden. In vielen Ländern läuft es anders, gerade bei der Bildungsreform, zum Beispiel in Finnland.“

Über das Buch
Können Wohlstand und Lebensqualität noch weiter steigen? Wer wird in Österreich den Alten die Pensionen zahlen? Demograf Wolfgang Lutz und der Ex-EU-Kommissar Franz Fischler haben über solch brennende Zukunftsthemen diskutiert. Ihre Diagnose: Nur Gesellschaften, die stark in Bildung und Humanressourcen investieren, können die gewaltigen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen.
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Lucia Zeiger aus Innere Stadt | 10.10.2014 | 14:21   Melden
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Alfred Kafka aus Penzing | 10.10.2014 | 17:45   Melden
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Helmut A. Kurz aus Hernals | 13.10.2014 | 10:19   Melden
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Helmut A. Kurz aus Hernals | 13.10.2014 | 10:22   Melden
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Helmut A. Kurz aus Hernals | 13.10.2014 | 10:26   Melden
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Alfred Comac aus Wiener Neustadt | 18.10.2014 | 16:11   Melden
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Helmut A. Kurz aus Hernals | 20.10.2014 | 10:45   Melden
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Martin Weber aus Favoriten | 04.02.2015 | 12:42   Melden
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