Steiermark/Burgenland
Mehr Fälle und Defizite in der Kinder- und Jugendhilfe

- Die Zahl der sogenannten Gefährdungsabklärungen – also Überprüfungen bei Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung – ist erheblich gestiegen.
- Foto: Unsplash/ Salohiddin Kamolov
- hochgeladen von Antonia Unterholzer
Ein aktueller Rechnungshofbericht zur Kinder- und Jugendhilfe zeigt: Mehr Fälle, Fachkräftemangel und ungleiche Angebote belasten das System in der Steiermark und im Burgenland. Vor allem die Steiermark kämpft mit Platzmangel in stationären Einrichtungen, während das Burgenland stärker auf Heime setzt.
STEIERMARK/BURGENLAND. Die Kinder- und Jugendhilfe steht unter wachsendem Druck. Das belegt ein aktueller Bericht des Rechnungshofes, der die Situation in den Jahren 2018 bis 2023 im Burgenland und in der Steiermark untersucht hat. Besonders auffällig: Die Zahl der sogenannten Gefährdungsabklärungen – also Überprüfungen bei Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung – ist österreichweit um rund 23 Prozent gestiegen. Im Jahr 2022 wurden fast 47.000 solcher Verfahren durchgeführt. Der Rechnungshof stellt fest, Kinder und Jugendliche hätten zunehmend mit sozialtherapeutischen und sozialpsychiatrischen Problemen zu kämpfen.
Kinder- und Jugendhilfe ist Ländersache
Bis 2019 regelte das Bundes-Kinder- und Jugendhilfegesetz 2013 als Grundsatzgesetz österreichweit einheitliche Standards und Verfahren in der Kinder- und Jugendhilfe. Es wurde durch neun Ausführungsgesetze der Länder umgesetzt. Im Jahr 2019 beendete der Verfassungsgesetzgeber die Grundsatzgesetzgebung des Bundes für die Kinder- und Jugendhilfe. Seither sind ausschließlich die Länder zuständig. Mit der Kompetenzverschiebung zu den Ländern war jedoch ein maßgeblicher Einschnitt in der Entwicklung verbunden.Gleichzeitig fehle es in beiden Bundesländern an ausreichend qualifiziertem Personal sowie an einem Angebot, das den tatsächlichen Bedürfnissen entspricht. Ein zentrales Problem zeigt sich in der Steiermark: Dort standen 2022 nur 837 bewilligte Plätze in stationären Einrichtungen zur Verfügung – gleichzeitig mussten jedoch 1.244 Kinder und Jugendliche versorgt werden. Das führte dazu, dass manche Kinder in anderen Bundesländern untergebracht werden mussten. Im Burgenland war die Situation weniger angespannt, allerdings bemängelte der Rechnungshof auch hier eine ungleichmäßige regionale Verteilung der Einrichtungen. Dadurch sei es oft schwierig, Kinder wohnortnah zu betreuen und ihre sozialen Kontakte zu erhalten.

- Ein aktueller Rechnungshofbericht zur Kinder- und Jugendhilfe zeigt: Mehr Fälle, Fachkräftemangel und ungleiche Angebote belasten das System in der Steiermark und im Burgenland.
- Foto: Weingartner-Foto / picturedesk.com
- hochgeladen von Antonio Šećerović
Heime versus Pflegefamilien
Rund 56.000 Kinder und Jugendliche wurden im Jahr 2022 österreichweit von der Kinder- und Jugendhilfe betreut. Wie viele Kinder und Jugendliche in "Voller Erziehung", also außerhalb der Herkunftsfamilie untergebracht waren, unterschied sich zwischen den Ländern stark: Während im Burgenland die Zahl der betreuten Kinder zwischen 2018 und 2022 um 17 Prozent auf knapp 500 stieg, verzeichnete die Steiermark im gleichen Zeitraum einen Rückgang von rund zehn Prozent auf etwas mehr als 2.000 Kinder und Jugendliche. Die Betreuungsformen sind dabei unterschiedlich verteilt: Das Burgenland versorgte einen höheren Anteil der Kinder in stationären Einrichtungen, während die Steiermark stärker auf Pflegefamilien setzte.
Hohe Kosten für stationäre Betreuung
Österreichweit beliefen sich die Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe im Jahr 2022 auf rund 750 Millionen Euro. Der größte Teil – etwa zwei Drittel – entfiel auf die stationäre Betreuung. Ein Heimplatz kostete im Burgenland wie in der Steiermark zwischen 58.000 und 60.000 Euro jährlich. Deutlich günstiger war die Unterbringung bei Pflegepersonen, die mit 12.000 bis 14.000 Euro pro Jahr zu Buche schlug.
Der Rechnungshof kritisiert, dass beide Bundesländer über keine spezifischen Plätze für Kinder mit geistigen beziehungsweise körperlichen Beeinträchtigungen verfügen. In der Steiermark fehlen zudem komplett Einrichtungen für sozialtherapeutische und sozialpsychiatrische Betreuung. Das Burgenland wiederum weist Defizite beim Angebot von betreutem Wohnen auf.

- Vor allem die Steiermark kämpft mit Platzmangel in stationären Einrichtungen.
- Foto: Unsplash/ Vije Vijendranath
- hochgeladen von Antonia Unterholzer
Engpässe bei Krisenplätzen und Personal
Besonders drastisch fällt der Blick auf die Krisenplätze aus, die für akute Notfälle gedacht sind. Im Burgenland standen 2022 gerade einmal 14 Plätze zur Verfügung, in der Steiermark 24. Angesichts der deutlich größeren Kinder- und Jugendpopulation in der Steiermark bewertet der Rechnungshof dieses Verhältnis als völlig unzureichend.
Neben der ungleichen Angebotsstruktur sieht der Bericht auch beim Personal großen Handlungsbedarf. Für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter gibt es keine einheitlichen Richtlinien, wie viele Fälle sie gleichzeitig betreuen können. Der Rechnungshof fordert klare Vorgaben, um Überlastung zu verhindern. Ein weiteres Problem: Weder das Burgenland noch die Steiermark verfügen über moderne IT-Systeme, die eine transparente Auswertung von Fällen und Maßnahmen ermöglichen würden. Dadurch sei die Steuerung der Kinder- und Jugendhilfe erschwert.
Umgang mit unbegleiteten Minderjährigen
Auch bei der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Fremder zeigen sich Unterschiede. Während das Burgenland Leistungen auf dem Niveau der Kinder- und Jugendhilfe sicherstellte, setzte die Steiermark überwiegend auf die günstigere Grundversorgung. Diese liegt jedoch deutlich unter dem Betreuungsniveau der Kinder- und Jugendhilfe – zum Nachteil der Jugendlichen.
Das könnte dich auch interessieren:



Du möchtest kommentieren?
Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.