Kultur kurios: Bildungsbürgertum

Das Bildungsbürgertum zeigt eine Tendenz, zeitgenössisches Handwerk zu meiden und sich mit duftenderen Varianten zu befassen.
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  • Das Bildungsbürgertum zeigt eine Tendenz, zeitgenössisches Handwerk zu meiden und sich mit duftenderen Varianten zu befassen.
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In dieser Themenreihe „Kultur kurios“ widme ich mich Kuriositäten und auffälligen Ungereimtheiten des regionalen Kulturgeschehens. In letzter Zeit häufen sich offene Fragen.


Zum Beispiel: Warum kommt so leicht Folklore heraus, wenn sich die heimische Verwaltung auf die Volkskultur schmeißt? Und warum drängt jemand darauf, beim Stichwort „Kultur“ den Fokus auf „Volkskultur“ zu verschieben? Warum wird dabei in einem Aufwischen die Kunst ausgeblendet, respektive „Volkskunst“ dort hingewuchtet, wo eben noch Gegenwartskunst stand?

Es wird einige Beiträge brauchen, um zu durchleuchten, wovon hier im Detail überhaupt die Rede ist. Solche Prozesse fallen nicht aus allen Wolken. Sie sind das Ergebnis von konkreten Interessenslagen.

So habe ich kürzlich gestaunt, daß ein mehrjähriges Kulturprojekt, das von allem Anfang an der Gegenwartskunst und ihren Bedingungen in der Region gewidmet war, heuer in folgender folkloristischer Szene gipfelte: „Im Anschluss konnten wir die Kindergartenkinder beim Eierfärben ‚nach Großmutter´s Art‘ gemeinsam mit Bewohnerinnen des Pflegeheimes fotografieren. Es ist eines der Projekte...“

Lassen wir beiseite, daß im Satzteil „nach Großmutter´s Art“ die Verwendung des populären „Deppen-Apostrophs“ zumindest in einer Sprachtradition nach Großmutters Art unzulässig ist. Aber Sprache ist eben verräterisch und drückt allerhand aus.

Es hat in unserem Lebensraum eine interessante Vorgeschichte, wenn sich irgendwo die Beamtenschaft der Kultur „ungebildeter Kreise“ widmet, und in ihrer eigenen Deutung von „Volkskultur“ kulturpolitische Konzepte durchzusetzen versucht, die als „Folklore“ freilich nur ein Surrogat sind.

Der Volkskundler Hermann Bausinger hat das in seiner langjährigen Forschung an einer „Volkskultur in der technischen Welt“ geklärt. Ich verkürze etwas: Unter den neuen Eliten, die sich im 18. Jahrhundert gegenüber Adel und Klerus herauskristallisierten, war das „Wirtschaftsbürgertum“ in Fragen einer authentischen eigenen Kultur wesentlich potenter aufgestellt, als das „Bildungsbürgertum“, zu dem eine Legion der „tausend Monarchen“ gehörte, womit man damals die Beamtenschaft meinte.

Diese Milieu reagierte auf massive Bildungsbestrebungen des Proletariats (Arbeiterbildungsvereine etc.) vielfach mit Regulierung und einer verstärkten Zuwendung zur „Volkskultur“ jener „ungebildeten“ Bevölkerungskreise. Sie dichteten Menschen einer agrarischen Welt ein Kulturkonzept an, auf das diese wohl von sich aus nicht gekommen wären.

Das heißt, mit ihrer Vorstellung, besser: ihre Konstruktion von „Volkskultur“, die aufklärerische Ziele vorgab, wurde neben der eigenen Identitätsbildung hauptsächlich eine aufkommende Kultur-Innovation des Volkes, also breiter Bevölkerungskreise, abgewehrt.

Die Problemlage kennen wir bis heute. Im Namen der „Volkskultur“ wird behauptet, daß „moderne Unarten“ gemildert werden müßten, indem man sich der Bewahrung von „Traditionen“ widmet.

In diesem Kontext meint dann beispielsweise „Handwerk & Tradition“ konkret: Herrgottschnitzerei Kerzengießen, Korbflechten, Seifensieden, Wolle filzen, sogar ein Imker wird dem „alten Handwerk“ zugerechnet. Lauter wohlriechende Disziplinen mit noblem Abstand zu jenen Handwerksbereichen, die unseren Lebensraum vom Armenhaus der Monarchie zur blühenden Gegend mit Vollbeschäftigung gemacht haben.

Da könnte noch von Wagnern und Stellmachern die Rede sein, dann aber gleich von Drehern, Schweißern, Eisenbiegern, von allerhand Mechanikern oder den hart schuftenden Frauen in oststeirischen Fabrikshallen, bis hin zu den Uhrmachern, Elektrospulen-Wicklern, aber auch Tischlern, Installateurinnen, dem Dachdecker oder dem Schankanlagenbauer, der die sehr knifflige Aufgabe hat, aus Nirosta-Stahl makellose und repräsentative Werkstücke zu fertigen.

Genau da schimmert freilich jenes Proletariat erneut durch, dem sich ein Bildungsbürgertum schon im 19. Jahrhundert mit seiner privatmythologischen Deutung von Handwerk, Tradition und Volkskultur entzogen hat.

Bausinger beschrieb solche Prozesse als einen Akt der Enteignung: „Die Sammler und Pfleger der Volkskultur interpretieren ihre Arbeit von Anfang an als kulturelle Hilfe für das Volk...“ Er kritisiert, daß die folglich behauptete und daher vermeintliche „Rückgabe“ versinkender Schätze der Volkskultur, ihre „Präsentation in ‚Volksbüchern‘ u.ä.“ diese kulturellen Güter nicht konserviert, sondern verändert. Bausinger: „Es handelt sich um einen Aneignungsprozeß, der in Wirklichkeit – zugespitzt gesagt – ein Prozeß der Enteignung ist.“

Kulturelles Engagement auf der Höher der Zeit sollte also, soweit wir das klären können, nicht davon handeln, die reale Alltagskultur einzelner Bevölkerungsschichten zugunsten einer Idealvorstellung seitens der Verwaltung zu okkupieren, umzukupfern.

Wir leben in einer äußerst interessanten Region. Die Armut der agrarischen Welt wußten einst tüchtige Leute über Sonderkulturen wie Obst, Wein und Hopfen wenigstens stellenweise abzumildern. Die geschickten und flexiblen Leute dieser agrarischen Welt fanden in der aufkommenden Industrialisierung neue Betätigungsfelder für ihre Talente, was sich in gutem Lohn niederschlug.

So entstand der Bedarf an mehr Gütern und Dienstleistungen, aber auch die nötige Kaufkraft, durch welche Geschäftsleute hier etwas werden konnten. Das ist die Kürzestfassung der Erfolgsgeschichte einfacher Leute, durch die jener Wohlstand in die Gegend kam, den wir heute bei annähernder Vollbeschäftigung zwischen Gleisdorf und Weiz genießen dürfen.

Das waren, bei allem Respekt, nun nicht die Korbflechter, Kerzerlzieher und Imker. Diese Story ist etwas komplexer.

+) Kultur kurios [link]

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