Psychologie und Gesellschaft / Trans* (transident, transgender, transsexuell, genderfluid)
Transgender/Transsexuelle/transidente/trans*Kinder und Jugendliche

Für Angehörige von Transmenschen kann es schwer sein, zu akzeptieren, dass ein geliebter Mensch transident ist. Auch Angehörige vollziehen einen Prozess des Coming Outs, in dem sie sich gegenüber anderen Menschen, FreundInnen und Familienmitgliedern als Eltern oder Geschwister eines Transmenschen outen.

Dieser Prozess ist noch schwerer, wenn Angehörige mit Transidentität nur schlecht umgehen können. Werden sie dann durch negative, klischeehafte Darstellungen und mediale Berichte über Transmenschen verunsichert, oder verhält sich ihr soziales Umfeld ebenfalls ablehnend gegenüber Transmenschen, können Angehörige in eine große Krise stürzen. Ängste um die geliebte Transperson, aber auch Schuldgefühle, Wut, Ärger und Aggressionen können sich einstellen.
Es kann Ihnen helfen, wenn Sie sich vor Augen führen, dass Ihr Kind der gleiche Mensch bleibt, egal ob er nun als Frau oder als Mann lebt. Bemühen Sie sich um einen guten Kontakt mit Ihrem Kind und kümmern Sie sich um eine wertschätzen Beziehung zu ihm. Ihr Kind ist Expertin/Experte was die eigene Transidentität betrifft und hat in der Regel ein großes Bedürfnis, mit Ihnen über seine Transsexualität zu sprechen und Ihnen Antworten auf Ihre Fragen zu geben. Dies alles kann Ihnen helfen, den ersten Schritt als Angehöriger/Angehörige eines transidenten Menschen zu bewältigen.

Immer häufiger teilen sich transsexuelle Kinder und Jugendliche ihrem sozialen Umfeld mit, dass sie sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Kinder und Jugendliche, die in offenen und liberalen Familien aufwachsen und einen guten Zugang zu ihren transidenten Gefühlen haben, haben es diesbezüglich leichter, als Kinder, die in streng-patriarchalischen Familien aufwachsen und ihre Gefühle unterdrücken müssen.
Es kann Eltern sehr verunsichern und ängstigen, wenn ihnen ihr Kind seine Transsexualität offenbart oder zeigt. Kinder, die transsexuell sind, wünschen sich bereits im Kindergartenalter oder in der Grundschule, immer in der Rolle des anderen Geschlechts zu leben. Bei nicht-transidenten Kindern sind Rollenspiele, in denen Kinder sich im anderen Geschlecht ausprobieren, lediglich spielerische Phasen. Transidente Kinder hingegen erleben sich durchgehend als das andere Geschlecht.
Ein trans*geschlechtliches oder gendervariantes Erleben bei Kindern und Jugendlichen ist noch lange kein Grund für psychologische Beratung oder Psychotherapie und bedarf keiner psychotherapeutischen Maßnahmen. Es gibt aber spezifische Herausforderungen, Hürden, Schwierigkeiten oder Situationen (etwa im Kindergarten, innerhalb der Familie, in der Schule), in denen eine Psychotherapie sinnvoll sein kann und helfen kann, trans*Kinder und Jugendliche sowie deren Familien in ihrer identitätsbezogenen Entwicklung respektvoll zu begleiten.  
Es gibt leider nur wenige professionelle Helfer*innen, die Erfahrung mit transidenten Kindern haben. Psychotherapeut*innen können Transkinder und deren Eltern begleiten und unterstützen, da es in unserer Gesellschaft viele Hürden gibt, die einem freien Leben als Transmensch im Wege stehen und viele Fragen auftauchen werden: Etwa ob ein Kind bereits vor dem Einsetzen der Pubertät pubertätsblockierende Medikamente einnehmen soll oder nicht.

Oft drängen Fachleute oder das soziale Umfeld, Eltern von Transkindern, pubertätsblockierenden Medikamenten rasch zuzustimmen. Es ist jedoch ratsam, sich für derartige Entscheidungen viel Zeit zu geben. Erschwerend kommt hinzu, dass Jugendliche erst ab der Pubertät fähig sind, ihre eigene Identität zu reflektieren. Wenn Transkinder, die derartige Entscheidungen noch nicht selbst treffen können, vor der Pubertät Medikamente einnehmen, die gravierende körperliche Folgen nach sich ziehen, besteht immer auch das Risiko der Bevormundung und von Fehlentscheidungen durch die Eltern und Fachleute.

Bereits im Kindergartenalter kann die Transidentität eines Kindes sichtbar werden. Da im Kindergarten die Geschlechtersegregation noch nicht so ausgeprägt ist wie in der Schule, können trans*Kinder hier erste Erfahrungen sammeln und ihre Transidentität im sozialen Kontext erproben. In der Volksschule steigt dann der soziale Druck für Kinder, sich gemäß ihrer Geschlechterrolle zu verhalten. Zudem ist die Geschlechtersegregation in der Schule stark, etwa beim Sportunterricht, in der Umkleidekabine oder bei der Benutzung der Toiletten. Hier sind Eltern, Pädagog*innen und Schulsozialarbeiter*innen gefordert, individuelle Lösungen zu finden, die dem trans*Kind gerecht werden. So kann ein trans*Kind z.B. den Turnunterricht gemeinsam mit den Jungen haben, aber die Mädchentoilette benutzen. Die erwachsenen Bezugspersonen müssen dabei das Kind so unterstützen, dass es Erfahrungen von Diskriminierung besser bewältigen kann und sich jederzeit bei den Erwachsenen Hilfe und Schutz suchen kann.
Pädagog*innen können bezüglich der Transidentität von Kindern unerfahren und überfordert sein und andere Eltern können sich empören und bei Eltern von transidenten Kindern Druck machen. Der Schritt des Rollenwechsels sollte gut vorbereitet werden und von den Eltern, den Pädagog*innen und professionellen Helfer*innen geplant und begleitet werden.

Mitunter tragen Eltern ihre paardynamischen Konflikte über ihr Transkind aus und ziehen es in ihre Konflikte hinein. Dann macht etwa der Vater der Mutter den Vorwurf, sie hätte durch falsche Erziehung ihr Kind transsexuell werden lassen. Vermeiden Sie unbedingt, Ihr Kind in solche Paarkonflikte hineinzuziehen und suchen Sie sich stattdessen für sich selbst Entlastung (etwa in einer Paartherapie oder in einer Angehörigengruppe für Eltern von Transkindern).

trans* und Transidentität aus psychologischer Sicht
Mein Interview für den Podcast "Perspektivwechsel"
Beschreibung der Folge
"Über den Mut, man selbst zu sein

Lange Zeit galt Transidentität in der Medizin und Psychologie als Krankheit und Störung. In dieser aktuellen Folge sprechen wir mit dem Psychotherapeuten Florian Friedrich. Er betreut unter anderem Trans* Personen und Ihre Familien vor, während und nach dem Prozess der Transition, also der Umwandlung von Mann zu Frau oder von Frau zu Mann. Wir sprechen mit ihm darüber, welche Rolle ein Psychotherapeut im Transitionsprozess spielt? Wie man bei sich selbst und anderen erkennt, dass eine sogenannte Geschlechtsdysphorie vorliegt, jemand also Trans* ist? Und wie Eltern, Familie, Freunde:innen und Kollegen:innen unterstützen können?"

Hier geht es zum Podcast

http://perspektivwechsel-podcast.de/

Autor: Florian Friedrich
Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision (Logotherapie und Existenzanalyse)

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