Interview
Reinhard Heiserer: Unser Wohlstand beruht auf Kinderarbeit
- Heiserer wird oft als „der Kopf, das Herz, der Motor von Jugend Eine Welt“ bezeichnet.
- Foto: Jugend Eine Welt
- hochgeladen von Sophie Wagner
Reinhard Heiserer gründete vor 28 Jahren den Verein "Jugend Eine Welt" und wurde heuer zum Fundraiser des Jahres gekürt. MeinBezirk sprach mit ihm über die aktuellen Herausforderungen des Spenden-Sammelns, was ihm der Award bedeutet und wie Österreich seine Rolle in der Entwicklungsarbeit verbessern kann.
ÖSTERREICH. Vor 28 Jahren gründete Reinhard Heiserer die österreichische Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt. Unter dem Credo „Bildung überwindet Armut“ konnte Jugend Eine Welt seither über 3.000 Hilfsprogramme in rund 50 Ländern in Asien, Afrika, Lateinamerika, Osteuropa und im Nahen Osten ermöglichen und über 125 Millionen Euro an Spenden sammeln. Die Auszeichnung ist für Heiserer aber noch lange kein Grund, sich auszuruhen, wie er sie im Gespräch mit MeinBezirk erzählt.
MeinBezirk: Herr Heiserer, hat die Inflation Ihrer Meinung nach die Spendenbereitschaft gesenkt?
Reinhard Heiserer: Inflation ist ein Thema, aber insgesamt hängt die Spendenbereitschaft immer von der Sicherheit der Spender ab. In einem Umfeld zu leben, wo man weiß, dass man gut leben kann, weil die Pensionen nicht gekürzt werden oder die Preise im Supermarkt, die gewohnten sind, ermöglicht es den Leuten dann auch zu spenden. Immer dann, wenn Unsicherheit kommt und negative Diskussionen stattfinden, beispielsweise, dass es der Wirtschaft schlecht geht oder vielleicht Pensionen gekürzt werden, beeinflusst das Spenderverhalten von den Klein- und Mittelspendern. Und das ist etwas, was man dann natürlich immer wieder merkt. Vor allem dann, wenn man neue Spender sucht.
Ich muss sagen, ich bin sehr, sehr dankbar für die Spender, die uns schon seit vielen Jahren und Jahrzehnten die Treue halten. Die lassen sich jetzt auch nicht aus der Ruhe bringen. Sie jammern schon auch, aber die tragen das mit. Weil sie aus Überzeugung spenden. Weil sie sagen: "Ich will einen Beitrag leisten. Ich möchte teilen. Ich möchte jemandem etwas ermöglichen." Das heißt, die Menschen, die überzeugt sind, dass Spenden wirkt, die tragen das mit. Ganz, ganz schwierig ist es aber, neue Spender zu finden, was ja notwendig ist, weil bestehende Spender sterben. Durch höhere Kosten oder Kriege wie Israel und Palästina oder den Ukraine-Krieg sind die Menschen verunsichert. Also, wir leben schon in einer Zeit von großen Veränderungen. Und das ist nicht gut für das Spendenverhalten, wenn man das jetzt so zusammenfassen kann.
Sie haben ihre Organisation Jugend Eine Welt schon vor über 25 Jahren gegründet. Hilft das Internet oder Social Media dabei, mehr Aufmerksamkeit auf Jugend Eine Welt zu lenken oder Spender zu rekrutieren?
Also auf jeden Fall hilft es, wenn man eine gute, positive Bekanntheit hat. Das Grundthema beim Spenden ist Vertrauen. Solange Sie im Familien- und Freundeskreis agieren oder in ihrem Dorf bzw. Bezirk aktiv sind, wo Sie die Menschen kennen und wo man Ihnen vertraut, ist es ja noch relativ leicht. In dem Moment, wo Sie aus dem Umkreis hinaus aktiv werden, wo man Sie nicht kennt, sind Kommunikation und Medien, Print, sowie online wichtig, weil Sie damit ja über die Zeit Botschaften transportieren, Einblick gewähren in Ihre Tätigkeit und Rechenschaft ablegen über das, was Sie tun.
Und ja, da ist einfach seit einigen Jahren Social Media eine wichtige Ergänzung zu dem, was Print ist. Nichtsdestotrotz ist für uns noch immer so, dass die Print-Ebene die wesentlich wichtigere ist. Wir leben von älteren Spendern, die das lesen, was wir verschicken. Wir haben in den Kuverts auch immer einen Zahlschein dabei, da er heutzutage nach wie vor das wichtigste Antwortelement ist. Das Spenden auf Facebook oder Instagram ist sehr eingeschränkt, von daher gesehen hilft jede Kommunikation. Junge Leute spenden auch, aber anders. Es sind beide Kommunikationsarten wichtig. Auch Bekanntheit zu generieren ist wichtig, und wenn das über Social Media gelingt, dann super, aber nur über Social Media Spender zu generieren, ist etwas, das für uns sehr schwierig ist.
Würden Sie gerne mehr junge Menschen ansprechen?
Ja, das würde andere Ansprachen erfordern. Zum Beispiel die Aktionen von MrBeast - das ist Marketing pur. Und dafür bezahlen Leute. Für uns ist das ein Negativbeispiel. Vor zwei Jahren kam diese Geschichte mit den 100 Brunnen, bei der er sagte: "Die NGOs können das nicht." Und dann gibt es da diesen Videoclip, wo im Zehn-Sekunden-Takt das Wasser herausspritzt.
Das ist eine pure Verarschung des Zusehers. Viele von den Brunnen sind nicht fertiggestellt worden, kein Mensch kümmert sich um die Wartung der Brunnen. Die Leute sind nicht eingebunden. Es geht um die Vermarktung dieses Moments, wenn das Wasser herausspritzt. Aber wenn man dort arbeitet, geht es um viel mehr. Da muss man schauen, ob der Brunnen dort ist, wo die Leute ihn brauchen, wer ihn wartet, und, und, und.
Diese reißerischen Dinge, die zwar super aufgemacht sind, mit einem enormen Marketingbudget, können wir uns nicht leisten. Das heißt, wir sind kommunikationstechnisch im Hintertreffen, weil wir Realitäten berichten. Es geht nicht um den Showcharakter und um das Feuerwerk, sondern darum, dass die Menschen wirklich einen Nutzen von dem haben, und zwar nicht nur im Moment, wenn wir das Foto machen, sondern auch später. Und das ist natürlich ein Wettbewerb, den wir verlieren, wenn jetzt quasi solche Player auf dem Markt sind.
Das stelle ich mir sehr schwierig vor. Wie stellen Sie sicher, dass die Projekte, die Sie umgesetzt haben, auch weiterlaufen?
Also grundsätzlich arbeiten wir mit bewährten und bekannten Netzwerken und Partnern zusammen. Unser Schutz ist, dass wir die Leute prüfen, wir die Leute kennen und wir Teil eines Netzwerkes sind, wo sich Missbrauch und absichtlicher Betrug sehr schnell herumspricht. Aber man muss sich davon verabschieden, dass Projekte in Ländern Afrikas oder in Lateinamerika besser funktionieren als bei uns. Ich habe oft den Eindruck, die Menschen erwarten sich von Projekten in anderen Ländern, dass sie hundertprozentig umgesetzt werden, aber das passiert nicht mal hier bei uns. Ich kann mit Überzeugung sagen, dass die Projekte, die wir unterstützen, mit größter Seriosität ausgewählt sind und sich alle dafür einsetzen, dass sie funktionieren. Und trotzdem gibt es Projekte, die sich nicht so entwickelt haben, wie man es erwartet hat -etwa wegen menschlichem Versagen, aus Umweltgründen oder weil sie mal wichtig waren und es jetzt nicht mehr sind. Wir sind nicht gefeilt davon, dass eine Umweltkatastrophe eine Schule zerstört, die wir vor drei Jahren gebaut haben. Aber das ist Alltag im Leben und das ist in Osttirol genauso wie in Ghana.
- Reinhard Heiserer setzt sich gegen Kinderarbeit ein.
- Foto: Jugend Eine Welt
- hochgeladen von Sophie Wagner
In einer Aussendung haben Sie das aktualisierte Lieferkettengesetz schwer kritisiert. Was könnte man Ihrer Meinung nach daran verbessern?
Das Lieferkettengesetz steht in direktem Zusammenhang mit der weltweiten Kinderarbeit, denn viele Produkte, die bei uns im Handel landen, entstehen unter Bedingungen, die Kinderarbeit oder ausbeuterische Kinderarbeit einschließen. In der List of Goods, die auch auf unserer Website zu sehen ist, stehen 202 Produkte aus 84 Ländern, welche durch Kinderarbeit entstanden sind. In Österreich geht es stark um den Wohlstand - dass dieser Wohlstand aber ermöglicht wird und von Menschen in anderen Ländern abhängt, die für uns arbeiten und die für uns ausgebeutet werden, sieht man nicht. Man muss das den Menschen sagen. Und wenn wir jetzt das Lieferkettengesetz hernehmen, ist es einfach eine Notwendigkeit, weil die Selbstverpflichtung der Wirtschaft bisher nicht ausgereicht hat. Wenn bei Produkten der Billigstpreis genommen wird, dann wird immer Ausbeutung ein Teil davon sein. Wir brauchen ein Gesetz, das Menschen zur Verantwortung ziehen muss, die absichtlich Menschen- und Kinderrechte missbrauchen, um einen höheren Ertrag zu erzielen. Und wenn diese Gewinnmaximierung die Leitlinie unserer Gesellschaft ist, dann läuft etwas falsch.
Sie haben sich gerade sehr kritisch zur Rolle von Österreich geäußert. Denken Sie, dass Österreich in der Entwicklungsarbeit genug macht?
Österreich tut nicht genug für die Entwicklungszusammenarbeit. Wir haben wie alle Staaten vor bald 50 Jahren ein Versprechen abgegeben, dass wir 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungszusammenarbeit bereitstellen. Wir kommen aber nie über 0,33 oder 0, 36 Prozent hinaus. Würden alle Industriestaaten einen geringen Beitrag geben, dann wäre das Thema Armut in Ländern des Globalen Südens längst vom Tisch. Und wie traurig das ist, sehen Sie daran, wie viel Geld jetzt innerhalb weniger Monate für den Ukraine-Krieg oder für Israel-Palästina mobilisiert wird. Wir glauben, dass Armut auch für die Zukunft ein Kriegstreiber sein wird. Und wenn wir es nicht schaffen, den Menschen ein genügsames Leben überall auf der Welt zu ermöglichen, werden wir immer Konflikthärte haben.
Haben Sie mit Ihrer Organisation für die nächsten Jahre noch konkrete Ziele, die Sie umsetzen wollen?
Unser Zugang von "Jugend Eine Welt" sind zwei Seiten einer Medaille: Auf der einen Seite sammeln wir Spenden, um denen, die unter Druck stehen – Kinder, die arbeiten müssen, auf der Straße leben, hungern oder von Krieg betroffen sind, sofort zu helfen. Auf der anderen Seite ist unsere Kernaufgabe Bildung. Denn nur mit Bildung und Gesundheit können Menschen ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Besonders junge Mädchen stehen dabei im Fokus, weil sie in vielen Ländern noch immer benachteiligt sind. Gleichzeitig wollen wir in Österreich Bewusstsein schaffen – etwa für das Lieferkettengesetz, gegen Kinderarbeit und für die Einhaltung der 0,7-Prozent-Entwicklungszusagen. Für uns beginnt Entwicklungszusammenarbeit in Österreich und eben nicht in Nigeria. Wir müssen unser Verhalten ändern: weniger ausbeuten, weniger zerstören, weniger nehmen. Ein Satz, der das gut zusammenfasst, ist vom Soziologen Jean Ziegler: Wir müssen den Menschen in Afrika nicht mehr spenden, es reicht, wenn wir ihnen weniger stehlen. Da sind so viele Themen offen, dass es zivilgesellschaftliche Stimmen braucht - "Jugend Eine Welt" möchte ein solches Sprachrohr sein.
- Reinhard Heiserer bei der Verleihung "Fundraiser des Jahres" 2025.
- Foto: Sima Prodinger
- hochgeladen von Sophie Wagner
Sie haben für ihr Engagement den Fundraisingpreis des Jahres bekommen. Was bedeutet dieser Preis für Sie?
Der Preis ist eine Anerkennung für die Leistung, die ich mit meinem Team in den letzten 28 Jahren gemacht und geleistet habe. Er holt ein Thema vor den Vorhang, das in der öffentlichen Diskussion oft zu kurz kommt – nämlich echte Entwicklungszusammenarbeit. Für mich persönlich ist der Preis auch ein großes Dankeschön an alle Kolleginnen und Kollegen, die im Hintergrund arbeiten und ohne die diese Arbeit gar nicht möglich wäre. So eine Organisation lebt von vielen Leuten. Wie ich schon in meiner Ansprache gesagt habe: Ich kann mit meinen zehn Prozent leuchten, weil es 90 Prozent der Kollegen und Kolleginnen gibt, die nicht sichtbar sind. Von daher ist es eine Leistung der Organisation und ich glaube, das Allerwichtigste ist es ein "Bitte mach weiter so." Es ist keine Auszeichnung, bei der man sich ausruht, sondern es ist eine Motivation und ein Anschub weiterzumachen. Es ist ein Auftrag für die Zukunft und vor allem ist es ein riesiges Dankeschön an alle Spender, Förderer, Stiftungen, Unternehmen, die mit ihrem Beitrag mein und unser Leben als Fundraiser ja erst mit Leben füllen. Die Auszeichnung war letzte Woche, die Arbeit ist heute und die Veränderung wollen wir für die Zukunft. Also packen wir es an, es gibt genug zu tun.
Sie werden am Samstag (Anm. 18. Oktober 2025) 62. In drei Jahren könnten Sie in Pension gehen. Werden Sie sich danach zur Ruhe setzen oder haben Sie vor, auch über die Pension hinweg noch in der Entwicklungshilfe tätig zu sein?
Wir sprechen heute nicht mehr von Entwicklungshilfe, sondern von Entwicklungszusammenarbeit, um das Ganze auf Augenhöhe ablaufen zu lassen. Ich persönlich darf mich glücklich schätzen, dass ich einen Job mache, der kein klassisches 9 to 5 hat und eine abgegrenzte Geschichte ist. Ich zähle weder die Stunden bis zu meinem Pensionsantritt runter, noch sonst was. Das Engagement gab es vorher, das gibt es jetzt und das wird darüber hinausgehen. Die Frage der Form wird sich vielleicht stellen, aber unsere Arbeit legt man nicht wie einen Mantel ab. Das würde mir nicht entsprechen - es geht sicher weiter.
Spendenkonto
Raiffeisen Landesbank Tirol
AT66 3600 0000 0002 4000
BIC: RZTIAT22
Onlinespenden unter www.jugendeinewelt.at/spenden
Spenden sind steuerlich absetzbar!
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