Doris Schmidauer: "Ich bin für Quotenregelungen"

Doris Schmidauer: " In meinem Buch geht es darum, aufzuzeigen, in welchen Bereichen wir mehr Frauen brauchen und wo es schon tolle Vorbilder gibt – zum Beispiel Bürgermeisterinnen." | Foto: Gillian Scharf
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  • Doris Schmidauer: " In meinem Buch geht es darum, aufzuzeigen, in welchen Bereichen wir mehr Frauen brauchen und wo es schon tolle Vorbilder gibt – zum Beispiel Bürgermeisterinnen."
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Doris Schmidauer, Frau des amtierenden Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, hat ein zeitgeschichtliches Buch geschrieben, in dem sie auch ihre Kindheit und ihren Werdegang beschreibt. Vor allem Frauen gibt Schmidauer in diesem Buch einen breiten Raum. Mit MeinBezirk sprach die First Lady von Österreich über die heurigen Jubiläen im Kontext ihres Buches und über die Rolle der Frauen früher und heute.

ÖSTERREICH. Gleich mehrere Jubiläen feiert Österreich heuer – First Lady Doris Schmidauer über die Rolle der Frauen in diesen Zusammenhängen. 

MeinBezirk: Am 15. Mai 1955, also vor genau 70 Jahren, wurde der österreichische Staatsvertrag im Oberen Belvedere unterschrieben. Sie beschreiben in Ihrem Buch ein Bild in der Präsidentschaftskanzlei, das diesen historischen Moment festhält. Was denken Sie, wenn Sie das Bild in der Kanzlei betrachten – auch im Hinblick auf die heutige Zeit?
Doris Schmidauer: Für mich ist dieses Bild sehr bedeutend, das ich jeden Tag auf dem Weg zu meinem Büro sehe. Es erinnert mich daran, wie viel sich beim Thema Gleichberechtigung verändern musste – und dass Veränderung noch immer wichtig ist. Auf dem Bild befinden sich viele Menschen, aber keine einzige Frau. Und das, obwohl wir wissen, dass Frauen im Hintergrund mitgewirkt haben. Es ist ein symbolisches Bild für das Thema Gleichberechtigung. Es gab in Österreich 1955 sogar deutlich mehr Staatsbürgerinnen als Staatsbürger, dennoch wurden bei der Inszenierung des Ereignisses ausschließlich Männer gezeigt.

Auch heute haben wir auf vielen Ebenen einen enormen Nachholbedarf an Frauenpräsenz. In meinem Buch geht es darum, aufzuzeigen, in welchen Bereichen wir mehr Frauen brauchen und wo es schon tolle Vorbilder gibt – zum Beispiel Bürgermeisterinnen. Sie zeigen, dass Frauen auch in der Kommunalpolitik aktiv sein können und andere Frauen dazu ermutigen. Besonders in den 1970er-Jahren gab es wichtige Fortschritte in der Frauenpolitik, etwa die Reformen im Familienrecht. Erst da wurde festgelegt, dass Frauen arbeiten dürfen, ohne ihren Mann oder Haushaltsvorstand um Erlaubnis zu fragen. Heute ist das kaum vorstellbar. Ich bin 1963 geboren und habe diese Zeit miterlebt.

Wie sehen Sie die Rolle von Frauen in politischen Schlüsselmomenten heute im Vergleich zu damals? Glauben Sie, dass künftig historische Momente anders dokumentiert werden?

Ich hoffe sehr, dass sich die Gleichstellung weiter verbessert – und wir arbeiten alle daran. Es gibt bereits mehr Frauen in der Politik, zum Beispiel im Nationalrat, in den Landtagen und auf anderen Ebenen. Ein wichtiger Moment war, als Brigitte Bierlein erste Kanzlerin wurde. Allerdings hatten wir bisher nur eine Kanzlerin – das sagt viel aus. Ihre Regierung war aber zur Hälfte mit Männern und zur Hälfte mit Frauen besetzt – also gleichberechtigt. Ich finde: Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung aus, also sollten sie auch die Hälfte der Plätze in der Politik und überall sonst bekommen. Deshalb bin ich für Quotenregelungen und andere Maßnahmen, die dafür sorgen, dass Frauen besser vertreten werden.

Hund Juli auf dem Weg zum Heldenplatz. | Foto: Gillian Scharf

Am 5. Mai feierte Österreich das 80-jährige Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, drei Tage danach wurde das offizielle Kriegsende auf europäischem Territorium gewürdigt. Wie sehen Sie die Rolle der Erinnerungskultur in Österreich heute – besonders im Hinblick auf junge Generationen – und welche Verantwortung kommt dabei Ihrer Meinung nach öffentlichen Persönlichkeiten wie Ihnen zu?
Wir alle tragen Verantwortung für den Umgang mit unserer Geschichte. Ich durfte im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands arbeiten – eine sehr prägende Erfahrung. Ich habe dort mit Holocaust-Überlebenden zusammengearbeitet und gesehen, wie engagiert sie waren, vor allem in Schulen. Sie haben ihre Geschichten mit großer Leidenschaft erzählt. Leider leben nicht mehr viele dieser Zeitzeugen, doch Projekte wie „Oral History“ sorgen dafür, dass ihre Erlebnisse erhalten bleiben und weitergegeben werden können. 

Ich war auch mit meinem Mann in Israel und habe dort Gespräche mit Überlebenden geführt – über ihre Vergangenheit, aber auch über Hoffnung und Lebensfreude. Solche Begegnungen beeindrucken auch Jugendliche sehr – das weiß ich aus eigener Erfahrung. Heute müssen wir neue Wege gehen, um junge Menschen zu erreichen. Barbara Glück, die Leiterin der Gedenkstätte Mauthausen, entwickelt mit ihrem Team moderne Konzepte. Sie geht auf aktuelle Themen wie Mobbing oder Ausgrenzung ein. Und stellt ganz grundsätzlich die Frage: Was hat das, was damals passiert ist, mit uns heute zu tun? Sie denkt auch darüber nach, ob man Gedenken über TikTok vermitteln kann – immer mit Respekt und Ernsthaftigkeit. Denn „niemals vergessen“ soll mehr sein als ein Spruch: Es ist ein Auftrag, im Alltag aufmerksam zu sein, Ausgrenzung zu erkennen und dagegen aufzustehen. 

Österreich begeht heuer das 30-jährige Jubiläum des EU-Beitritts. Was bedeutet für Sie die europäische Idee, und wie kann Ihrer Meinung nach das Vertrauen in die Europäische Union – besonders unter jungen Menschen – gestärkt werden?

Die europäische Integration ist sehr wichtig – sie ist ein großes Friedensprojekt. Das sollte schon in der Schule vermittelt werden. Leider wird oft nur über kleine Probleme der EU gesprochen, und dabei vergisst man die große Idee dahinter: Frieden und Zusammenarbeit in Europa. Es ist wichtig, dass Lehrerinnen, Lehrer und Familien jungen Menschen erklären, was am europäischen Kontinent früher passiert ist und was den Erfolg der EU ausmacht . Ich empfehle jungen Menschen Europa selbst zu erleben: zum Beispiel über ein Auslandssemester oder einen Arbeitsaufenthalt.

Die europäische Zusammenarbeit muss gestärkt werden. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Reise nach Brüssel. Es war spannend zu sehen, wie die EU-Institutionen funktionieren und wie viele Länder dort zusammenarbeiten. Es ist beeindruckend, wie dieses komplexe System funktioniert – trotz aller Unterschiede.

Doris Schidauer: "Die europäische Integration ist sehr wichtig – sie ist ein großes Friedensprojekt." | Foto: Gillian Scharf
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Fast 50 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren leistet Freiwilligenarbeit. Sie schreiben in Ihrem Buch, Sie sehen sich als eine von vielen Freiwilligen, die dieses Land positiv gestalten wollen. Für Österreich ist freiwilliges Engagement unverzichtbar. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit Freiwilligenarbeit gemacht, und was würden Sie Menschen mitgeben, die überlegen, sich ehrenamtlich zu engagieren?
Ich habe mich selbst mit einem Augenzwinkern „First Volunteer“ genannt, weil ich ehrenamtlich in der Präsidentschaftskanzlei mitarbeite – wie viele andere Menschen in Österreich auch. Ehrenamtliches Engagement wird oft als selbstverständlich gesehen, dabei ist es sehr wertvoll – ob bei der Musikkapelle, der Caritas, der freiwilligen Feuerwehr oder in der Altenpflege. Man gibt dabei nicht nur, man bekommt auch viel zurück. Es gibt viele Möglichkeiten, sich freiwillig einzubringen, je nachdem, was einem liegt. Wir haben deshalb auch ein Treffen mit über 100 Organisationen organisiert – vom Tierschutz bis zum Trachtenverein –, bei dem sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen austauschen konnten. Uns war wichtig, dass man mal mit Leuten spricht, die man sonst nicht trifft – außerhalb der eigenen „Blase“. Solche Gespräche auf Augenhöhe können helfen, Verständnis zu fördern, auch bei schwierigen Themen. Wir wollen solche Treffen wiederholen, weil die Rückmeldungen sehr positiv waren.

Sie schildern in Ihrem Buch den Verein ‚Nachbarinnen‘ als beeindruckendes Beispiel für gelungene Integration und Empowerment. Was hat Sie an dieser Initiative besonders berührt – und was braucht es Ihrer Meinung nach, damit Frauen mit Migrationshintergrund in Österreich nachhaltig Fuß fassen können?
Ich war beeindruckt, wie Frauen, die selbst ähnliche Erfahrungen gemacht haben, anderen geflüchteten oder zugewanderten Frauen helfen. Viele hatten selbst Schwierigkeiten mit Integration oder unterdrückenden Strukturen in der Familie. Aber durch Unterstützung, Austausch und Bildung wurden sie selbstbewusster und aktiver. Diese Frauen sind starke Vorbilder und bauen leicht Vertrauen zu anderen auf. Sie können auch besser mit Männern aus ähnlichen Kulturen sprechen und Vereinbarungen treffen – z. B. Hilfe beim Amt gegen die Teilnahme der Frau am Deutschkurs. Es geht darum, sich gegenseitig zu unterstützen – und das ist oft wirkungsvoller als jede Belehrung von außen. 

Welche Impulse wünschen Sie sich aus der Politik – auch aus Ihrer Erfahrung heraus – für eine Gesellschaft, in der Frauen sicher und gleichberechtigt leben können?
Ein zentrales Problem ist die unfaire Verteilung der unbezahlten Arbeit – also Kinderbetreuung, Hausarbeit und Pflege von Angehörigen. Diese Aufgaben übernehmen meistens Frauen, besonders wenn sie Familie haben. Das hindert viele daran, im Beruf weiterzukommen, auch wenn sie gut ausgebildet sind. Ein Beispiel: Eine Richterin hat nach der Geburt ihrer Kinder nur mehr 20 Stunden gearbeitet, ihr Mann 40. Sie hat dann gemerkt, dass sie zusätzlich auch noch den Großteil der Hausarbeit macht. Erst als beide auf 30 Stunden reduziert haben, wurde die Arbeit zuhause fairer geteilt. In Ländern wie Island oder Finnland, wo Väter genauso viel in Karenz gehen, funktioniert die Gleichstellung besser. Österreich liegt da im Vergleich weit zurück.

Doris Schmidauer mit ihrem Buch "Land der Töchter zukunftsreich". | Foto: Gillian Scharf

Welchen Rat würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben, wenn es um ihre berufliche Entwicklung und den persönlichen Weg zum Erfolg geht?
Ich rate jungen Frauen, offen für alle Möglichkeiten im Leben zu sein und nicht gleich in typische Rollen oder Berufe zu schlüpfen. Viele kennen bestimmte Schulwege oder Jobs gar nicht, weil sie ihnen nie vorgestellt wurden – etwa eine HTL. Man sollte auch Dinge ausprobieren, die einem fremd erscheinen, zum Beispiel Technik. Vielleicht passt es, vielleicht auch nicht – aber nur durchs Ausprobieren findet man das heraus. Fehler und Rückschläge gehören dazu, und man sollte sich nicht von Angst vor dem Scheitern bremsen lassen. Eine Frau hat etwa entdeckt, dass sie lieber in der Werkstatt gearbeitet hätte als im Büro, eine andere hat beim Technik-Kurs gemerkt, dass das nichts für sie ist – und stattdessen ihren Traum vom Bastelgeschäft verwirklicht. Wichtig ist: offen bleiben, Neues wagen und sich selbst etwas zutrauen.

Ihr Mann prägte nach dem Ibiza-Video den Satz ‚So sind wir nicht‘ – ein Moment, den auch Sie in Ihrem Buch aufgreifen. Wie würden Sie uns Österreicherinnen und Österreicher heute beschreiben?
Wir Österreicherinnen und Österreicher sind offene und engagierte Menschen, die auch in der Vergangenheit bei vielen Krisen bewiesen haben, dass sie solidarisch sind mit anderen, denen es nicht so gut geht. Wir gehen aufeinander zu und reden miteinander. Wir dürfen nicht vergessen, wie gut die Geburtslotterie es mit uns gemeint hat, dass wir in so einem wohlhabenden und schönen Land leben dürfen. Wenn man ein bisschen über den Tellerrand schaut, so weiß man das mehr zu schätzen.

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