Tag des Bodens
Versiegelungsgrad deutlich gestiegen – Kritik an Politik

Im Durchschnitt der letzten drei Jahre täglich rund 11,3 Hektar wertvoller Grün- und Freiräume durch den Bau von Straßen, Parkplätzen, Logistikzentren und anderen Bodenfressern zerstört – das ist mehr als das Vierfache des offiziellen “Nachhaltigkeitsziels” der Bundesregierung von 2,5 Hektar Bodenverbrauch pro Tag. | Foto: Forum Umweltbildung
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  • Im Durchschnitt der letzten drei Jahre täglich rund 11,3 Hektar wertvoller Grün- und Freiräume durch den Bau von Straßen, Parkplätzen, Logistikzentren und anderen Bodenfressern zerstört – das ist mehr als das Vierfache des offiziellen “Nachhaltigkeitsziels” der Bundesregierung von 2,5 Hektar Bodenverbrauch pro Tag.
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Neue Zahlen zum Bodenverbrauch vom Umweltbundesamt zeigen: In Österreich wurden im Durchschnitt der letzten drei Jahre täglich rund 11,3 Hektar Boden zerstört, wie die Naturschutzorganisation WWF anmerkt. Während Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig auf Erfolge seines Ressorts verweist, fordert der WWF dringend eine verbindliche Obergrenze, und Expertinnen und Experten rufen nach einer Änderung des Raumordnungskonzepts bzw. einem Aus für willkürliche Umwidmung von Flächen.

ÖSTERREICH. Der Versiegelungsgrad in Österreich ist deutlich gestiegen. Kurz vor dem Tag des Bodens am 5. Dezember veröffentlichte das Umweltbundesamt die Auswertung der Bodenverbrauchszahlen für das Jahr 2021: Demnach wurden in Österreich im Durchschnitt der letzten drei Jahre täglich rund 11,3 Hektar wertvoller Grün- und Freiräume durch den Bau von Straßen, Parkplätzen, Logistikzentren und anderen Bodenfressern zerstört – das ist mehr als das Vierfache des offiziellen “Nachhaltigkeitsziels” der Bundesregierung von 2,5 Hektar Bodenverbrauch pro Tag, kritisiert der WWF:

“Die Zahlen zeigen, dass trotz der verheerenden Folgen noch immer viel zu wenig getan wird. Statt weiterer Lippenbekenntnisse müssen Bund und Länder endlich wirksame Maßnahmen setzen, um den Flächenfraß zu bekämpfen”, fordert Simon Pories, Bodenschutzsprecher beim WWF Österreich. Besonders verheerend an der neuen Statistik: Der Versiegelungsgrad der verbrauchten Böden sei im Vorjahr von rund 40 auf 58 Prozent gestiegen – das ist der Anteil, der endgültig mit Asphalt oder Beton überzogen werde. “Der überbordende Flächenfraß ist einer der größten Treiber der Biodiversitäts- und Klimakrise. Er verstärkt Naturkatastrophen, gefährdet die Gesundheit der Menschen und führt nicht zuletzt zu einem enormen Energieverbrauch”, warnt Pories.

Obergrenze für Bodenverbrauch gefordert

Der WWF fordert eine verbindliche Obergrenze von maximal einem Hektar pro Tag für den Flächenfraß, und der WWF fordert Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig dazu auf, in der längst überfälligen Bodenschutzstrategie gemeinsam mit Ländern und Gemeinden eine Obergrenze auszuverhandeln und umzusetzen, um den Bodenverbrauch zu beschränken.“

Neben einem Bodenschutz-Vertrag fordert der WWF eine Ökologisierung der Raumordnung und des Steuersystems, eine Naturschutz-Offensive sowie den Abbau der milliardenschweren umweltschädlichen Subventionen. Die Bundesregierung habe im Regierungsprogramm und beim Bodenschutz-Gipfel im Herbst 2021 versprochen, den Bodenverbrauch bis 2030 um 80 Prozent zu senken.

Boden schützt vor Überschwemmungen

Es gebe kein anders Land in Europa, das vorsätzlich so viel Boden zerstört, wie das in Österreich passiert, schlägt der Chef der Hagelversicherung,  Kurt Weinberger, Alarm. Er spricht von einer "Raum-Unordnung" in Österreich. "Ein Land mit immer weniger Boden ist wie ein Mensch mit immer weniger Haut", sagt er. Die Politik müsse endlich zum Handeln kommen. Er verweist auf das positive Beispiel Bayern, wo eine restriktive Genehmigungspflicht stattfinde. Im Interesse der künftigen Generationen müsse das auch hier so gehandhabt werden. Mit dem Verbauen gefährde man auch die Ernährungssicherheit, so WWF-Chef Simon Pories. Der Bodenfraß sei der größte Treiber der Bio-Diversitätskrise, weil der CO2-Speicher verloren gehe. "Wir sehen, dass jede fünfte landwirtschaftliche Fläche bereits verbaut ist". Das könne man nicht so einfach rückgängig machen. Er fordert eine verbindliche Obergrenze. Gefordert sei Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig, der sich als Ziel gesetzt hat, den Flächenfraß auf 2,5 Hektar pro Tag bis 2030 zu reduzieren. Man arbeite an der Bodenstrategie, die erst nächstes Jahr fertig sein soll, so der Minister.

Die überörtliche Raumplaung müsse verbindlich die Siedlungsgrenzen nach außen hin, und Grünzonen für die Ernährungssicherheit festlegen, sagt Arthur Zanonia, Raumordnungsprofessor an der TU-Wien. Es brauche für große Flächen für die Gemeinden verbindliche und klare Vorgaben. 


Verbraucht und versiegelt

Das Umweltbundesamt definiert Bodenverbrauch als den Verlust biologisch produktiver Böden durch Verbauung für Siedlungs- und Verkehrszwecke, aber auch für intensive Erholungsnutzungen, Deponien, Abbauflächen, Kraftwerksanlagen und ähnliche Intensivnutzungen. Im Jahr 2021 wurde deutlich mehr als die Hälfte davon (58 Prozent) versiegelt, also mit einer wasserundurchlässigen Schicht überzogen. 

Totschnig: Boden Basis für Lebensmittelversorgung

Im Vorfeld zum „Tag des Bodens“ am 5. Dezember erinnert Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig an die vielfältigen Funktionen der wertvollen Ressource Boden und geht auf die Erarbeitung der Bodenstrategie ein, die aber noch immer nicht am Tisch liegt: 


„Gesunde Böden sind die Grundlage für lebenswerte Regionen. Sie schützen vor Hochwasser und Hitzeinseln, versorgen uns mit regionalen Lebensmitteln und prägen unser einzigartiges Landschaftsbild. Aber vor allem speichern Böden auch CO2 aus der Luft und tragen so zur Reduzierung des Treibhausgaseffekts bei. Boden ist also nicht nur die sprichwörtliche Erde, auf der wir stehen und leben, sondern auch eine natürliche Klimaanlage.“

Auch für Totschnig müsse unser aller Ziel sein, den Flächenfraß in Österreich zu reduzieren. Man arbeite intensiv an der Bodenstrategie. Aber der Minister schiebt den Ball weg von sich: Raumordnung sei grundsätzlich in Länderkompetenz. Bei der Erstellung einer Bodenstrategie müssen also die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den Regionen berücksichtigt werden, so der Minister.

Erarbeitung der Bodenstrategie

Im Regierungsprogramm ist das Ziel verankert, die Flächeninanspruchnahme bis 2030 weiter auf 2,5 Hektar täglich zu senken. Die Arbeiten seien bereits weit fortgeschritten, aktuell werde in Abstimmung mit den Gebietskörperschaften und dem Umweltbundesamt an einem verbesserten Datenmodell gearbeitet. Die Beschlussfassung der Bodenstrategie sei statt heuer erst 2023 im Rahmen einer politischen ÖROK Sitzung geplant. Totschnig verweist darauf, dass er Ende November die neue Regionenstrategie vorgestellt habe, die im Rahmen der Initiative „Meine Region – Heimat. Zukunft. Lebensraum.“ erarbeitet worden sei.

In der Boden-Strategie werden drei wesentliche Bereiche beleuchtet: Regionen nachhaltig, attraktiv und leistungsfähig gestalten. Im Bereich Lebensräume nachhaltig gestalten nehme das Thema Boden einen Schwerpunkt ein. Hier gehe es um lebendige Ortskerne, Bewusstsein bei der Baukultur schärfen oder auch um den Schutz landwirtschaftlicher Flächen.

Tirol als Positiv-Beispiel

Die Ausweisung landwirtschaftlicher Vorsorgeflächen trage zur Gewährleistung der nationalen Ernährungssicherheit und dem Erhalt der natürlichen Bodenfunktionen bei. Als Vorzeigebeispiel für eine gelungene Umsetzung gelte das Land Tirol, wo knapp ein Viertel des Dauersiedlungsraumes vor Widmungen für nicht landwirtschaftliche Nutzungen geschützt sei Die Ausweisung landwirtschaftlicher Vorsorgeflächen werde auch einen wichtigen Schwerpunkt der Bodenstrategie bilden. Das BML hat im Fachbeirat für Bodenfruchtbarkeit und Bodenschutz eine eigene Arbeitsgruppe „Quantitativer Bodenschutz“ eingerichtet, die an Grundlagen und Empfehlungen für die Abgrenzung von Vorsorgeflächen arbeitet.
Die Regionenstrategie und laufend aktuelle Informationen stehen unter www.meine-regionen.at zur Verfügung.

Bundesminister Norbert Totschnig: „Wenn es um Bewusstseinsbildung zum Schutz unserer natürlichen Ressourcen geht, müssen wir schon bei den Kindern anfangen. Daher freut es mich besonders, dass Ministerin Leonore Gewessler und ich durch Zusammenarbeit unserer Ressorts mit den Bildungsmaterialien „Zukunft unseres Bodens“ einen weiteren Beitrag zum Erreichen unseres Ziels leisten können, nämlich: Den Boden zu schützen und den Flächenfraß zu reduzieren.“

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