Fixkostenzuschuss 2, Sprays für Gondeln
Wie man den Corona-Tod im Tourismus retten kann

Unter dem Motto "Wenn die Gondeln Trauer tragen" diskutierten Tourismusexperten auf Ö1.
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  • Unter dem Motto "Wenn die Gondeln Trauer tragen" diskutierten Tourismusexperten auf Ö1.
  • Foto: TVB Paznaun-Ischgl
  • hochgeladen von Othmar Kolp

Über der Wintersaison hängt ein Damoklesschwert, die Stadthotels verzeichnen verheerende Umsatzeinbußen. Die Reisewarnungen treffen Österreichs Tourismus hart. Viele Betriebe befürchten, dass sie die Tourismuskrise nicht überleben. In der Ö1-Diskussion "Klartext" wurden am Mittwoch unter dem Titel "Wenn die Gondeln Trauer tragen, weint die Skiindustrie, und der Städtetourismus gleich mit" innovative Lösungen diskutiert.

ÖSTERREICH. Sepp Schellhorn, NEOS-Tourismussprecher, Gastronom, beklagte eingangs, dass die Regierung diesen Sommer "verschlafen" hätte, obwohl sie von der zweiten Welle im Herbst gewusst hatte. Nun, im Herbst, versuche man, das Ruder mit unterschiedlichen Maßnahmen herumzureißen und den Wintertourismus zu retten. Auch sei die Verwirrung groß: Am Wolfgangsee etwa gäbe es zwei Bundesländer, wo die Sperrstunden unterschiedlich gehandhabt werden, also Ried und St. Wolfgang. "Hier kennt sich keiner mehr aus". Dazu komme, dass Reisen "hochpsychologisch" sei. Eine  Verunsicherung der Leute, wie es der Kanzler betreibe, sei kontraproduktiv. Keinen Sinn mache die vorgelegte Sperrstunde. Als Ausnahme bezeichnete er allerdings Innenstadtlokale mit lauter Musik, wo junge Menschen eng beinander sitzen. Für Restaurants sei es ein "fatales Zeichen", dass diese zum Handkuss kommen. Als "riesen Sauerei" bezeichnete Schellhorn, dass die Branche die "Watschen" dafür bekomme, dass die Regierung den Herbst nicht ordentlich geplant hatte. 

Lage in der Stadthotellerie "hochdramatisch"

Für Michaela Reitterer, Präsidentin Hoteliervereinigung, die auch ein Stadthotel betreibt, ist die Lage in Wien "hochdramatisch". Im Sommer habe man ein Minus von 85 Prozent eingefahren. Viele Hotels würden schließen. "So können wir unmöglich ein Unternehmen führen." Als Hotel müsse man 24 Stunden offen halten, dadurch entstehen immense Personalkosten, dazu kommen enorm hohe Mietkosten. 

"Mit Sperrstunde schützt man Junge vor dem Virus"

"Wenn Sie eine Epidemie unterbrechen möchten, gibt es leider nur wenige Dinge, die man machen kann, damit die Kontakthäufigkeit dezimiert wird." Mit Abstand und Maske könne man das Virus gut in Schach halten, sagte Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner. Auch die Sperrstunde sei ein sinnvoller Mosaikstein, obwohl sich das mit anderen Interessen widerspreche. Für Hutter ist die Sperrstunde gerechtfertigt, weil man jetzt sehe, dass die Gruppe der Jungen besonders intensiv von der Ansteckung betroffen sei.  Für ihn seien die Maßnahmen insgesamt wirkungsvoll, damit man eine gewisse Bewegungsfreiheit aufrecht erhalten könne.

Verordnungsdschungel

Für Schellhorn wäre eine Lösung gewesen, dass Betriebe gänzlich zusperren müssen und man gleichzeitig ein sogenanntes "Annuitätenmoratorium" erlässt, bei dem der Bund haftet, sodass die Banken die Annuitäten für ein Jahr zurückstellen. Bei sogenannten "Frieslösungen" hätte der Bund zahlen müssen. Damit hätte man Clusterbildungen in der Nachtgastronomie verhindern können. Schellhorn wies darauf hin, dass aber die meisten Ansteckungen bei privaten Treffen zustande gekommen wären. Und: Kein Unternehmer und Konsument kenne sich mit den 110 erlassenen Verordnungen und 58 Fördertöpfen aus. 

"Ampel-Terror"

Es gebe zwar weit über hundert Förderung in Österreich, das sei aber über alle Bundesländer gezählt, rechtfertigte Hörl die vielen Verordnungen und Fördertöpfe. Er stellte klar: "Der Tourismus hat das größte Interesse, dass wir eine gesunde Situation herstellen. Darum muss alles getan werden, damit wir mit den Zahlen herunterkommen." Dass es Regelungen, wie Sperrstunden, braucht, sei aber unerlässlich. Die Infektionen kämen nicht aus der Gastronomie, sondern von Feiern bis nach Mitternacht, gab er Schellhorn recht. Für Hutter ist die Corona-Ampel entbehrlich. Er bezeichnete die Maßnahme als "Ampel-Terror". Diese verwirre nur. Schellhorn hingegen kann nicht nachvollziehen, dass die Ampelregelung nicht von allen Bundesländern angenommen wurde.

"Deutsche Medien tun, als würden sich in Österreich Leichenberge stapeln"

Die Berichterstattung in Deutschland sei so, als würden sich in Österreich die Leichenberge stapeln, zitierte Reitterer Harald Schmidt. Sie wünscht sich eine sachliche Berichterstattung. Wenn die Wirtschaft in dem Maße heruntergefahren werden, würden hunderttausende Arbeitsplätze gefährdet, aber auch Zulieferer, und andere Branchen, die am Tourismus hängen. "Wenn die Deutschen jetzt darüber nachdenken, dass man bei der Einreise fünf Tage in Quarantäne gehen muss, und sich dann freitesten kann, dann würde sich die Situation weiter verschärfen", pflichtete ihr Hörl bei. Das komme einer Grenzschließung gleich. "Warum testen wir dann nicht auch die Lkw-Chauffeure, die durch Tirol fahren?" Man müsse wieder zur Reisefreiheit zurückkehren, sonst sehe er schwarz. Auf die Frage, ob das "Ischgl"-Phänomen das Image nachhaltig schädige, sagte Hörl, dass es nicht in Ordnung sei, das der Ort für diese Vorkommnisse herhalte. Es hätte auch andere Orte treffen können. "Da waren im Minutentakt Entscheidungen zu treffen".

"Kleine Schneekanonen für Gondeln" mit Desinfektionsspray

Eine Urlaubsplanung habe viel mit Emotionen zu tun. Wenn man die Situation sachlich betrachtet, müsse man sehen, dass 85 Prozent der Bergbahnen ohnehin open air seien, so Reitterer. Schellhorn erzählte, dass man auch bei Skihütten mit Time slots arbeiten könne, um Gästen die nötige Sicherheit zu gewähren. Bei Apres ski wäre es schwieriger, gab Schellhorn zu. Zum Gondelfahren, wo Menschen auf engstem Raum sitzen, sagte Hörl, dass man umfangreiche Sicherheitskonzepte vorgelegt habe. Mund-Nasenschutz in der Seilbahn sei verpflichtend. Bereits beim Parkplatz gebe es verschränkte Plätze, Pistenretter werden zweimal wöchentlich getestet. Auch Sprühmaschinen, die automatisch Desinfektionslösungen in die Gondeln sprühen, also kleine "Schneekanonen", werde es geben. Für Hutter ist der MNS wichtig, aber auch die Belüftung der Gondeln, wenn diese geschlossen sind. Aber auch das Anstellen sei gefährlich. Präventionskonzepte seien notwendig und gut.

"Stirbt der Tourismus, stirbt der Tischler"

Die Wertschöpfung beim Tourismus sei sehr regional, so Reitterer. Da würden auch Bäcker, Marketingagentur, Eventbranche und Buschauffeur leiden, wenn Gäste ausbleiben. Es gehe nicht nur um die Hoteliers. Auch die Airlines liegen am Boden. Und wenn Hoteliers nicht investieren in Ausbau, weil das Geld nicht da ist, würden auch die Handwerker leiden. Das würde insgesamt die Wirtschaft schädigen. "Stirbt der Tourismus, stirbt der Tischler", bestätigte Schellhorn. Reisewarnungen seien kontraproduktiv für den Wintertourismus, meinte Reitterer. Hutter verteidigte die Reisewarnungen, dass Regierungen nicht eine Vermischung wollten, damit das Virus nicht importiert würde und von außen ein zusätzliches Problem bekommt.

Weiterer Fixkostenzuschuss notwenig

Der Fixkostenzuschuss 1 hätte nur für drei Monate gegolten. Wer diesen im Sommer nicht angesucht hatte, könne jetzt nicht um einen zweiten Fixkostenzuschuss ansuchen, beklagte Schellhorn. "Die Stadthotellerie werden sogar einen Fixkostenzuschuss 3 brauchen", so die Hotelier-Chefin, weil die Mieten nicht bezahlt werden können. Hörl verteidigte die Regierung. Es sei Faktum, dass 4,5 Milliarden Euro für Corona-Kurzarbeit ausgegeben wurde, für den Corona-Hilfsfonds fast sieben Milliarden Euro. Das Parlament habe bewiesen, dass das, was an finanziellen Möglichkeiten da ist, ausgeschöpft worden sei. Für Reitterer würde über Leben und Tod in der Ferienhotellerie entschieden, dass der Fixkostenhzuschuss 2 direkt an den Fixkostenzuschuss 1 angeschlossen werde. (Also, dass man, auch wenn man den ersten nicht angesucht habe, man das Recht habe, für den zweiten anzusuchen, Anm.)

Wer kauft am Weihnachtsmarkt ohne Punsch ein?

Als Mediziner rät Hutter von Alkohol am Weihnachtsmarkt ab, weil das Ansteckungsrisiko damit steige, jedoch sehe er diese Märkte als allgemeines "Kulturgut". Reitterer hält nichts von Alkohol- und Essverbot am Weihnachtsmarkt. Auch von Bürokratie hält sie nichts. "Wer kauft schon Sachen am Weihnachtsmarkt, wenn er nicht vorher schon ein, zwei Punsch getrunken hat?", fragte sie provokant, und kann der Idee von vielen kleinen Märkten etwas abgewinnen.

Frühestens 2024 würde der Tourismus wieder am Stand vor Corona sein, beruft sich Schellhorn auf Experten. Solange es keine Airlines gebe, die in Wien landen, sieht Reitterer insgesamt schwarz.

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Die meisten Gondeln seien Freiluftgondeln.

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