Inklusion
Studieren auf Rädern

- Aufgrund von Zerebralparese hat die 27-Jährige nie erlebt, wie es ist, gehen zu können. Das Gefühl in ihren Beinen ist intakt, jedoch kann sie kein Gewicht übernehmen.
- Foto: Joseph Hofmarcher
- hochgeladen von Hannah Höber
Julia Hofmarcher ist 27 Jahre alt. Seit ihrer Geburt ist die gebürtige Niederösterreicherin auf ihren Rollstuhl angewiesen. In einem persönlichen Gespräch gewährt sie einen Einblick in den Studienalltag als Mensch mit Behinderung. Welche Erfahrungen hat sie mit Inklusion an der Uni Graz gemacht?
GRAZ. Bereits früh ist es für Julia Hofmarcher klar, dass sie in Graz studieren möchte. Als ihre Hauptschulklasse einen Ausflug in die steirische Landeshauptstadt unternahm, konnte sie nicht daran teilnehmen, da die Ausflugsziele nicht barrierefrei waren. Als Ausgleich fuhr sie wenig später mit ihrer Familie nach Graz. Das Wetter war schön, erinnert sich Hofmarcher. Seitdem ist die Idee von einem Studium hartnäckig in ihrem Hinterkopf geblieben. Mittlerweile lebt und studiert die 27-Jährige bereits seit fünf Jahren in Graz.
Im Jahr 2017 hat Hofmarcher ihr Germanistikstudium begonnen, welches sie im kommenden Sommersemester gerne mit dem Bachelor abschließen würde. Eigentlich wollte die Studentin in der Mindeststudienzeit fertig werden. Das hat sich jedoch schnell als unmöglich entpuppt. Allein der Weg zur Universität stellt für sie einen Mehraufwand dar. Ihr Alltag ist zum größten Teil durchgeplant.

- Die Germanistikstudentin Julia Hofmarcher vor der Universität Graz.
- Foto: Julia Hofmarcher
- hochgeladen von Hannah Höber
"Für mich ist das Studium wie eine Arbeit"
Um an die Uni gehen zu können, benötigt die Niederösterreicherin Unterstützung in Form von Studienassistentinnen und -assistenten. Diese holen sie von zuhause ab, begleiten sie zur Uni, unterstützen sie dort und bringen sie anschließend wieder zurück. Da die Motorik der Studentin eingeschränkt ist, unterstützen sie ihre Helferinnen und Helfer beispielsweise beim Mitschreiben oder Kopieren der Unterlagen. Die meisten Studienassistentinnen und -assistenten, erzählt Hofmarcher, seien selbst am Studieren. Organisiert und koordiniert wird diese Assistenz von dem gemeinnützigen Verein "Initiative Soziale Integration", kurz ISI. Die Kosten dafür werden zur Gänze vom Staat übernommen.
Zwischen der Uni Graz und dem Verein ISI gibt es keine Kooperation. Die Universität ihrerseits gewährt Studentinnen und Studenten mit Behinderung Barrierefreiheit und angepasste Prüfungsmodalitäten. Letzteres kann beim Zentrum Integriert Studieren bei der Universität Graz beantragt werden. Unter Aufsicht bekommt Hofmarcher insgesamt 50 Prozent mehr Zeit, um die Prüfung zu schreiben. Als Alternative besteht die Möglichkeit, ein mündliches Examen abzulegen.
Des Weiteren steht Studentinnen und Studenten mit Behinderung das Referat für Barrierefreiheit der Universität Graz zur Verfügung. Hier erhält man Informationen und Unterstützung bei Fragen. Jedoch ist die Abteilung im Internet nicht so präsent, wie es Hofmarcher gerne hätte. "Viele Leute wissen gar nicht, dass es das Referat gibt", wirft die Studentin ein.
"Ich bin einfach da, wie jeder andere. Da gibt es keinen Unterschied. Ich bin einfach ein Mensch mit einer Behinderung."
Julia Hofmarcher, Studentin
Inklusion an der Uni Graz
Für Hofmarcher ist Inklusion, wenn niemand die Behinderung als etwas Besonderes erachtet. Bemerkungen wie "Cool, dass du da bist" wären zwar nett gemeint, zeigen jedoch, dass es nicht selbstverständlich ist, dass eine Person mit Behinderung anwesend ist. Solche Situationen hat die 27-Jährige in ihrem Privatleben schon häufig erlebt. Als Beispiel nennt sie eine Situation in den Öffentlichen Verkehrsmitteln, als sie von einer fremden Personen darauf angesprochen wurde, wie toll es doch wäre, dass sie mit der Straßenbahn fahren könne. "Ich bin einfach da, wie jeder andere. Da gibt es keinen Unterschied. Ich bin einfach ein Mensch mit einer Behinderung", setzt Hofmarcher ein Statement.

- Wie wird Inklusion an der Uni Graz ausgelebt?
- Foto: Lisa Ganglbaur
- hochgeladen von Lisa Ganglbaur
Universitäten sind in Österreich gesetzlich verpflichtet, Studentinnen und Studenten mit Behinderungen zu unterstützen. Mittlerweile gibt es an allen Universitäten zumindest eine Ansprechperson. Die 27-Jährige ist mit den Angeboten an der Grazer Universität zufrieden. Besonders schätzt sie, dass nicht zu viel für Studenten mit Behinderung organisiert und ihnen somit ihre Selbstbestimmung belassen wird. Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ist der Studentin sehr wichtig. Für die Zukunft wünscht sich Hofmarcher, dass die Berater und Ansprechpersonen noch transparenter werden und die ÖH mehr Werbung für das Referat macht.
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