"Arbeit muss endlich wieder mehr wert sein!"

Arbeiten statt faulenzen: Verena Kumpitsch steht mit Anstellung trotzdem schlechter da als ohne.
  • Arbeiten statt faulenzen: Verena Kumpitsch steht mit Anstellung trotzdem schlechter da als ohne.
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  • hochgeladen von Max Daublebsky

Stellen Sie sich vor, Sie sind 33 Jahre alt, haben eine Lehre erfolgreich abgeschlossen und sind für eine vierjährige Tochter verantwortlich, für die Sie natürlich nur das Beste wollen. So weit so gut und eigentlich ganz normal. Jetzt stellen Sie sich aber außerdem vor, dass diese Tochter und der Wunsch, sich auch um sie zu kümmern, der Grund dafür sind, dass Sie keinen ihrer Ausbildung angemessenen Job finden, der auch noch angemessen bezahlt wird, weil die Arbeitszeiten einfach nicht damit vereinbar sind. So weit und schon gar nicht mehr so gut.

Traurige Realität

Trotzdem wollen Sie unbedingt arbeiten. Weil Sie davon überzeugt sind, dass man das als anständiger Mensch einfach tut, wenn man nur irgendwie kann, haben Sie also einen Job angenommen, für den Sie eigentlich überqualifiziert sind. Und jetzt stellen Sie sich auch noch vor, dass Sie damit weit weniger Geld zur Verfügung haben, als es noch der Fall war, so lange Sie auf Jobsuche waren und dabei von der Mindestsicherung leben mussten. Eigentlich nur schwer zu glauben. Leider gibt es aber Menschen wie Verena Kumpitsch, die sich dieses Szenario gar nicht erst vorstellen müssen, weil es für sie nichts anderes als ihr Leben bedeutet.
Die junge Grazerin war seit der Geburt ihrer Tochter im Jahr 2012 als Hausfrau und Mutter zuhause geblieben. Nach ihrer Scheidung im Sommer des Vorjahres wurde ihr dann bald klar, dass sie in ihrem Beruf als Köchin keine Arbeit finden würde, die mit den Kinderbetreuungszeiten von 7 bis 17 Uhr kompatibel wäre. Von Juli bis September 2015 war Kumpitsch also dazu gezwungen, Sozialleistungen (Info unten) in der Höhe von 1.280 Euro im Monat zu beziehen. Abfinden wollte sie sich damit aber nicht: „Ich bin nicht faul, ich will für mein Geld arbeiten“, betont die Mutter. Bald darauf nahm die gelernte Köchin deshalb auch eine 30-Stunden-Stelle in einem Interspar-Restaurant an. „Als Küchenhilfe, zu einem Hilfsarbeiterlohn“, wie sie erzählt. Zwar kein Traumjob, aber immerhin ein Job! „Ich möchte meinem Kind ein Vorbild sein. Es soll sehen, dass man etwas unternehmen muss: man sitzt nicht einfach nur daheim und wartet auf bessere Zeiten.“

Falsche Wertigkeiten

Doch dann kam für Verena Kumpitsch die wirkliche Ernüchterung: Mit einem Nettolohn von 880 Euro im Monat (14 mal im Jahr) stand die 33-Jährige mit Anstellung plötzlich schlechter da als davor. Auch, weil mit dem Arbeitsantritt plötzlich kein Anspruch auf GIS- oder Rezeptgebührbefreiung, Sozialcard, Heizkostenzuschuss und viele andere Sozialleistungen mehr bestand. „Was mich so unendlich stört, ist, dass es mir besser ginge, wenn ich zuhause sitzen und mir die Sonne auf den Bauch scheinen lassen würde. Es ist so ungerecht, jeden Tag um fünf aufstehen zu müssen, um mein Kind rechtzeitig in den Kindergarten bringen zu können und arbeiten zu gehen und nichts davon zu haben.“
Verena Kumpitsch ist frustriert, ein Licht am Ende des Tunnels sieht sie schon lange nicht mehr. „Ständig regt man sich auf, dass alle faul sind. Ich denke mir inzwischen: Nicht die anderen sind faul, ich bin blöd, weil ich noch arbeiten gehe!“ Das soll aber laut der jungen Mutter nicht heißen, dass die Mindestsicherung für alle, die sie wirklich brauchen, abgeschafft werden soll. Es soll aber heißen, dass Arbeit dringend wieder mehr wert sein sollte, als es im Moment bei vielen der Fall ist, denn Verena Kumpitsch weiß: „Ich bin kein Einzelfall!“

Job vs. Mindestsicherung: ein Vergleich in Zahlen

Für alleinstehende volljährige Personen, sowie für Alleinerzieher beträgt die Mindestsicherung in der Steiermark 837,76 Euro, für jedes Kind kommen 159,17 Euro dazu (ab dem 5. Kind sind es 192,68 Euro). Laut Auskunft von Verena Kumpitsch, deren Situationweiter oben geschildert wird, erhöhte sich diese Summe durch Teilbeträge des AMS, Alimente, Familienbeihilfe, Wohnbeihilfe und eines Restbeitrages, der vom Sozialamt wegen erhöhtem Wohnungsaufwand bezahlt wurde, auf 1.280 Euro im Monat – kein Vermögen, aber eine Summe, die es der Grazerin erlaubte, den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter zu bestreiten, bis sie einen Job gefunden hatte. Im Vergleich dazu stehen der 33-Jährigen als Küchenhilfe ein Nettogehalt von 880 Euro, 350 Euro Alimente sowie 178 Euro Familienbeihilfe – also insgesamt 1.408 Euro – zur Verfügung. Rechnet man weitere Sozialleistungen wie etwa die Rezeptgebührenbefreiung, die Sozialcard, den Heizkostenzuschuss etc. mit ein, auf die Verena Kumpitsch durch die Höhe ihres Einkommens keinen Anspruch mehr hat, stehen der Grazerin laut eigener Aussage heute weniger Mittel zur Verfügung als noch ohne Job.

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Ihre Meinung ist gefragt: Was halten Sie von Verena Kumpitschs Fall? Haben Sie schon ähnliche Erfahrungen gemacht, oder kennen Sie jemanden der betroffen ist? Was läuft im Sozialwesen schief, was funktioniert? Schreiben Sie Ihre Gedanken und Vorschläge an leserbrief@woche.at, kommentieren Sie auf www.facebook.com/wochegraz oder unter diesem Artikel.

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