08.10.2014, 05:00 Uhr

Er herrscht im Herzen von Graz

Ali Ibrahim mäht den Rasen, putzt und tauscht die Glühbirnen auf den Reininghausgründen. (Foto: Stuhlhofer)

Zwischen Bomben und Grünflächen: Ali Ibrahim ist der Hausmeister auf den
Reininghausgründen.

Vertreter aller bedeutenden Medien haben sich im Rathaus eingefunden. Bürgermeister Siegfried Nagl sowie die Eigentümer des neuen Grazer Stadtteils Reininghaus stehen Rede und Antwort zur größten Baulandreserve der Stadt, den Reininghausgründen; von „Asset One“, „Erber“ bis hin zu „Kohlbacher“ – alle sind sie gekommen.

Der Hausmeister

Während die Investoren den anwesenden Journalisten unisono vom „bedeutendsten Grazer Bauprojekt“ erzählen, düst Ali Ibrahim durch die unterirdischen Gänge der Reininghausgründe: „Egal, wie warm es oben ist“, plaudert Ibrahim aus dem Nähkästchen, „hier herunten hat es eine konstant angenehm kühle Temperatur. Ich liebe diesen Bereich.“ Hier herunten: Das ist dort, wo früher Bier gebraut und gelagert wurde. Jetzt ist es das Reich von Ibrahim – er ist der Hausmeister auf den Reininghausgründen. Und das seit mehr als zehn Jahren.

Das Herz

Über 200 Stunden verbringt er monatlich auf dem unbebauten Areal im Westen der Stadt. „Ich liebe einfach alles, was ich hier mache“, erklärt der Hausmeister, während er voller Elan über das Gelände schreitet. Rasenmähen, putzen, Glühbirnen tauschen – Ibrahim ist für alles zuständig, was anfällt. Er trägt eine schlabbrige Jogginghose und eine alte Trainingsjacke. Und er strahlt. Er brennt förmlich, wenn er von „seinem“ Reininghaus spricht: „Reininghaus ist das Herz von Graz“, sagt er überzeugt. So wie er das sagt, glaubt man ihm. Ohne Widerrede. „Wenn ich hier bin“, erzählt der Hausmeister, „genieße ich jeden Quadrameter Grün und vergesse all meine Sorgen, meine Vergangenheit.“

Die Vergangenheit

Das Leuchten in Ibrahims Augen weicht plötzlich Melancholie – wenn er von früheren Tagen spricht. Von einem Tag auf den anderen verlor der Palästinenser seine ganze Familie bei einem Anschlag. Er zieht sein schwarzes Polo kurz nach oben: Narben von Bombensplittern und Schussverletzungen zieren noch immer seinen Körper. Ibrahim redet nicht gern darüber, immer wieder kommt er stattdessen auf Reininghaus zu sprechen. Er redet vom heuer nach schwerer Krankheit verstorbenen Ernst Scholdan, dem Reininghaus-Visionär: „Er war ein großartiger Mensch – er fehlt mir sehr.“ Und er redet von seiner langen Reise nach Graz: Als Flüchtling kam er vom Libanon in fast alle europäischen Großstädte, ehe er in Holland eine Grazerin kennenlernte. Mit ihr ist er bis heute liiert, hat ein Kind.

Der Traum

Danach übersiedelte er an die Mur und begann als Fußballtrainer eines Sozialprojektes. Die Plätze befanden sich auf den Reininghausgründen. „Nachdem das Projekt beendet war, hat man mich gefragt, ob ich nicht als Hausmeister bleiben möchte“, erinnert sich der Staatenlose. Gesagt, getan: Seit Anfang der Zweitausender ist er Herrscher über alle Schlüssel für das grüne Areal. Das soll es ihm zufolge auch bleiben: „Wo Gebäude stehen, sollen auch weitere dazugebaut werden, aber die Grünfläche sollte unangetastet werden“, befindet Ibrahim.
Das wird es nicht spielen: Denn während der Hausmeister über „sein“ Areal schlendert, wird im Rathaus der Bau von Wohneinheiten für rund 15.000 Menschen in den nächsten Jahren auf den Reininghausgründen vorgestellt. Ein selbstständiges Stadtviertel mit öffentlicher Anbindung soll entstehen – Illusionen von Olympischen Dörfern, „Wonder World“-Parks und Co. im Grazer Westen wurden verworfen – diese entpuppten sich im Nachhinein allesamt als Luftschlösser. Stattdessen werden Miet- und Gemeindewohnungen, städtische Einrichtungen wie Bezirkssportplätze und Parks errichtet werden. Doch bis es soweit ist, düst Ali Ibrahim einfach weiter durch die unterirdischen Gänge von Reininghaus …
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.