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St. Pölten und die Welt, das Klima innen und außen
- hochgeladen von Roul Starka
St. Pölten. Das Klima und wir Menschen. Also gut, das Klima. Ich habe mir das erklären lassen, von einer Frau, die ich liebe, seit über 60 Jahren ihr vertraue, die gerade 45 Jahre Geografie unterrichtet hat, ich glaube meiner Schwester. Sie als einzige ist sich bei allem nie „ganz sicher“. Sie meint: Natürlich gibt es einen Klimawandel. Im Laufe von Millionen Jahren wurde es kälter und wieder wärmer. Das sind große, regelmäßige Kurven. Innerhalb dieser Kurven gibt es das Wetter, das ist einmal so, einmal so, aufgrund vieler Einflüsse. Es schwammen schon Krokodile am Nordpol, es hatte gemütliche 30° Grad Celsius. Innerhalb jeder Phase spielte das Wetter manchmal verrückt. Im 18. und 19. Jahrhundert war zum Beispiel der Neusiedlersee zweimal komplett ausgetrocknet. Kältezeiten dauern 90.000 bis 100.000 Jahre, Wärmeperioden zwischen 10.000 und 15.000 Jahre, dann wieder kürzer oder länger. Wir sind am Ende einer sogenannten „kleinen“ Eiszeit inmitten einer Wärmezeit, die seit mittlerweile 10.700 Jahren uns wärmt.
Mammut und Prosecco
Darum haben wir uns gut entwickeln können. Endlich Acker anbauen, ernten, nicht mehr wie narrisch herumvölkerwandern, nix mehr zu heiß zu kalt, sondern Brathendl, gebackenen Yak, Mammut Komplettverwertung, später sogar Stehtische und Prosecco. Es kam der Nordwind mit IKEA und machte uns (fast) glücklich. Unsere aktuelle Warmzeit, das Holozän, schläft aber schon immer öfter vor dem Fernseher ein. Anscheinend mit Thermofor, es wird nämlich noch immer wärmer. So richtig unrund wurde es ab 2011. In dieser Zeit wurde es wärmer als in irgendeinem - allerdings Jahrhunderte (!) umfassenden - Zeitabschnitt. Anscheinend ist da irgendwo drinnen der Faktor Mensch. Das Klimaproblem wuchs wie die Breite unserer Fernseher, das Hirn schrumpfte wie die Tiefe der Fernseher. Doch nicht die Politiker, nicht die Bösen da oben, nicht die Dümmsten, nicht die Gescheitesten sind daran schuld, niemand. Es sind offensichtlich wir. Wir alle.
Zirben und Enzian
Unser Gletscher Pasterze zum Beispiel war einmal viel, viel größer, aber schon öfters auch ganz weg. Im Zeitraum von ca. 5.000 bis 1.500 Jahre vor Christi Geburt war es auf der Pasterze fröhlich Frühling. Die Universität Innsbruck fand 2009 - 2010 in Holz und Torf eingeschlossene Gräserpollen, Reste von Enzian. In einem Holzstück von einer ehemaligen Zirbe fand die Universität Graz 200 Jahresringe, die Zirbe konnte vor 7.000 Jahren dort oben gut wachsen, in einer sogenannten nacheiszeitlichen Wärmephase. Unser Pasterzerl war also sehr geeignet als Weideland, man benannte sie „Pasterze“, aus dem lateinischen „pastor“ und dem slowenischen „pastir“ – der Hirte. Der war dort gesund und glücklich mit seinen Tieren, brockte sich einen Enzian und brachte das Blumerl seiner slowenischen „pastirica“, „die Hirtin“. Die Kirche übernahm später dieses Wort „Pastor“ = „Hirte“ und machte daraus den Pastor für seine Schäfchen in der Gemeinde.
Schöne Schwester
„Es wird wärmer.“, sagt meine Schwester, sie sagte es auch schon vor zehn Jahren. Jetzt sagt sie: „Es wird zu schnell wärmer.“ Sie erklärt mir auch, dass es in 50 bis 100 Jahren in Europa sogar wieder kühler wird, nur wachsen dann in Sibirien Bananen und Ananas. „Das ist in der Geschwindigkeit a bissl blöd, des is ned guad.“, sagt sie. Meine Schwester ist sehr unaufgeregt, außer ihr Bruder - das bin ich - geht ihr auf die Nerven.
Gescheite Schwester
Weiters erklärte mir meine Schwester, und da wurde sie wie nur selten sehr ernst: In diesen 50 bis 100 Jahren, oder sogar noch schneller, wird es im gesamten mittleren Osten und im tropischen Bereich 60° bis 65° Grad Celsius haben, ein Leben wird dort unmöglich sein. Das heißt: Es werden gut drei Milliarden, 3.000.000.000 Menschen, mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung, ihre Situation verbessern wollen und dorthin gehen, wo es kühler ist. Das ist des Menschen Recht. Sonst könntest du das nicht lesen. Und sie werden weiterwandern, wie deine Groß-, Urgroß- und Ururgroßeltern. Nach Europa, überallhin, wo Leben möglich ist. Ich glaube nicht, dass die dann einen Asylantrag ausfüllen. Ich glaube nicht, dass irgendwelche Politiker wissen oder wissen werden, was wir dann tun sollen. Balkanroute sperren? Ui zwick. Ich glaube auch nicht, dass das Gott oder Google regeln wird können. Nichts macht das Klima wärmer als die Klima-Anlagen dieser Welt, da gibt es nämlich zwei Arten: die Aircondition für die Luft und die Aircondition für das leere Hirn im klimatisierten Einkaufszentrum. Hässlich To-Go, geschmacklos To-Go. Hauptsache scheußlich To-Go. Kaufen ja, aber bitte nicht in diesen Horrorkastln.
Love is in the air
Und jetzt noch eine thematische Herzensangelegenheit, ein Grund, warum ich mein St. Pölten so liebe: St. Pölten kühlt sehr wohl, zurzeit wird der leere Beton-Dom-Platz mit frischem, kühlen Wasser besprengt. Wäre da nicht eine Wiese gescheiter? So mit Bäumen, Ziegen und Schafen. Mit Würsteln und lachenden Menschen, mit Coca Cola, Ketchup und Senf für alle. „Piazza Pastirica“, mit Spaghetti al Pastore, aber vom Hirten mit dem Enzian, auf Zirbentischen. Nur wenige, wie meine Schwester oder meine Frau, wissen: Ich meine das ernst.
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