23.01.2018, 13:35 Uhr

BG Rein: Schülerbusse sind maßlos überfüllt

Mehr Kinder als verfügbare Plätze: Ein veraltetes Gesetz aus dem Jahr 1967 "erlaubt" einen vollen Schülerbus. (Foto: DPA)

Kein Elternteil will sein Kind auf einem unsicheren Schulweg wissen. Wer glaubt, dass ausschließlich das Zufußgehen Risiken birgt, der hat seinen Nachwuchs wohl noch nicht in den Bus Richtung BG Rein gesetzt. Oder gestellt.

Sitzplätze sind rar, Stehplätze direkt mit dem Gesicht zur Frontscheibe üblich. Was vergangene Woche in der obersteirischen Gemeinde Obdach für Aufregung sorgte, ist auch am BG Rein seit Jahren Gesprächsthema: massiv überfüllte Schulbusse. Die Schüler- und Elternvertretung sorgen sich um die Sicherheit.

Mehr Kinder als Plätze

Täglich drängen sich die Schüler in den Bus, auf einen Platz zwängen sich mehrere Kinder, für Schultaschen ist kein Platz, und Haltegriffe sind für die stehenden kleineren Passagiere nicht zu erreichen. Rechtlich gesehen ist da auch wenig zu machen, denn das Kraftfahrgesetz des Bundes aus dem Jahr 1967 sieht nach wie vor vor, dass "drei Kinder unter 14 Jahren als zwei Personen" zu betrachten sind. Genauer steht unter §106:

"Bei der Beförderung von Personen mit Kraftfahrzeugen und Anhängern darf [...] die bei der Genehmigung festgesetzte größte zulässige Anzahl der Personen, die mit dem Fahrzeug befördert werden dürfen, nicht überschritten werden. Außer bei Omnibussen und Omnibusanhängern dürfen abgesehen vom Lenker nicht mehr als acht Personen, gleichgültig ob Erwachsene oder Kinder, befördert werden. Bei der Berechnung der Anzahl der Personen, die mit einem Omnibus oder Omnibusanhänger im Kraftfahrlinienverkehr befördert werden, sind drei Kinder unter 14 Jahren als zwei Personen und Kinder unter sechs Jahren nicht zu zählen."
Diese Zählweise macht es möglich, dass mehr Kinder mit dem Bus unterwegs sein können als Plätze vorhanden sind. Sind Kinder also nur halbe Menschen?

Nervenaufreibende Fahrt

"Die Situation ist seit Jahren besorgniserregend. Wir haben viel und lange mit zuständigen Behörden gesprochen, aber die Sicherheit der Kinder war und ist anscheinend eine Kostenfrage. Wir wurden überall abgewimmelt", sagt Reinhard Erkinger, seit sechs Jahren in der Elternvertretung tätig. "Wer sich im Auto nicht anschnallt oder die Ladung im Lkw nicht ordentlich festmacht, bekommt eine Strafe. Aber wenn Kinder auf dem Weg zur Schule nicht gesichert sind, dann fragen wir zu Recht, was das soll und warum niemand was dagegen macht."
Erkinger erzählt, dass er selbst einst Schüler befördert hat und volle Schulbusse generell kein neues Thema sind. Bereits im 1988er-Jahr, als er noch samstags mit dem Bus unterwegs war, um die Schüler zum Unterricht zu bringen, waren diese bis zum letzten Sitz besetzt. "Ich habe damals schon Telefonate geführt, um herauszufinden, wie das möglich ist. Aber auch damals bekam ich immer die Gegenfrage 'Wer soll das bezahlen, wenn mehr Busse im Einsatz sind?' zu hören." Ab wann gilt der Schulbus als völlig ausgelastet? "Wohl erst dann, wenn sich auch am letzten Stehplatz zwei Schüler drängen", ärgert sich Erkinger. "Ich kann mich in den letzten sechs Jahren an kaum eine Sitzung im Schülergemeinschaftsausschuss erinnern, in der die Sicherheit am Weg zur Schule durch volle Busse kein Thema war." Von einer Debatte innerhalb der Politik erhofft er sich ein rasches positives Ergebnis. "Die Situation geht alleine zu Lasten der Kinder. Es muss wohl erst was passieren, damit der große Aufschrei auch gehört wird."

Unsicherheit bei der Fahrt

"Ab den letzten zwei Stationen sind die Busse komplett überfüllt. In der Früh und um 13.30 Uhr herum", erzählt Michael Weiler von der Schülervertretung. Der Schüler spricht vor allem dem Zuwachs an Schülern im BG Rein die vollen Busse zu. "Es wird gedrängelt, viele Schüler sind ungeduldig und wissen nicht, wohin sie Taschen und Sportsachen verstauen sollen. Auch die Busfahrer brauchen oft starke Nerven. Je mehr Schüler im Bus sind, desto nervöser werden auch schon 'mal die Fahrer. Aber das versteh ich ja auch, immerhin sorgen sie sich auch darum, dass wir heil ankommen sollen", sagt der 17-Jährige. "Natürlich kann mit dem Auto etwas passieren, aber eine gewisse Unsicherheit ist bei der Busfahrt da. Vor allem im Winter."
Die Fahrt über den Luttengraben sei im vollen Bus besonders nervenaufreibend. Bei einer starken Bremsung, so fürchtet der Schüler, könnte es nur allzu leicht zu Verletzten kommen. Ob er bei der Fahrt Angst verspürt, fragen wir den Schüler. Dies verneint er, allerdings ist ihm – wie auch anderen Schülern – eine Situation mulmig: Wenn vor dem Schulgebäude die Polizei bereits wartet, um die Schüler zu zählen. "Das kommt schon vor. Denn so wird ermittelt, wie viele Schüler mit dem Bus ankommen. Ich find' es auch gut."
Weiler selbst war schon bei einigen Sitzungen dabei, in denen darüber gesprochen wurde. "Da gibt es noch Verbesserungen, damit es zu 100 Prozent Sicherheit für alle kommt." Inzwischen helfen sich die Schüler gegenseitig und zeigen Verantwortung – für den Großteil ist es zum Usus geworden, dass "die Größeren auf die Kleineren im Bus Rücksicht nehmen", verrät er.

Entschuldigungsgrund neu

"Die Sicherheitsdebatte kommt einem Kampf gegen Windmühlen gleich", meint Renate Oswald, Direktorin des BG Rein. Mindestens ein Kind kommt allmorgendlich zu spät in den Unterricht, weil es keinen Platz mehr im Bus hatte – ein trauriger, aber mittlerweile gängiger Entschuldigungsgrund. Wenn überhaupt von einer Verbesserung in den letzten Jahren gesprochen werden kann, dann nur, weil "die zusätzlichen Busse (Anm. d. Redaktion: seit September 2016 sind zwei weitere Busse zwischen Hitzendorf und dem BG im Einsatz) ihr Maximum ausgeschöpft haben". Weder die Direktorin noch die Schüler- und Elternvertretung sehen die Busfahrunternehmen als Verantwortliche. "Sie haben keine Schuld. Sie müssen sich an das Gesetz halten und kämpfen selbst mit der Situation. Es wird aber Zeit, dass sich endlich jemand darum kümmert. Oder soll erst etwas passieren?", fragt Oswald.
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