Die "Gastro-Psychologin": "Graz persönlich" mit Justine Gschweitl

Jeden Tag eine gute Tat: Das ist das Motto von Justine Gschweitl, die in 33 Jahren in der Grazer Gastronomie sehr viel erlebt hat. In der Pension möchte sie sich ihrer Familie und dem Italienisch-Lernen widmen.
  • Jeden Tag eine gute Tat: Das ist das Motto von Justine Gschweitl, die in 33 Jahren in der Grazer Gastronomie sehr viel erlebt hat. In der Pension möchte sie sich ihrer Familie und dem Italienisch-Lernen widmen.
  • Foto: Jorj Konstantinov
  • hochgeladen von Martina Maros-Goller

"Ich gratuliere zum Status als Gast", kommt eine Dame im braunen Mantel auf Justine Gschweitl zu. Nach 33 Jahren in der Innenstadt, zuletzt zwölf Jahre in Rudi Lackners "Café Kaiserfeld", ist mit Jahresbeginn für die Kellnerin ein neuer Lebensabschnitt angebrochen. Mit der WOCHE sprach sie über ihren Werdegang und 42 Jahre Gastro-Leben.

Viele Stationen

"Viele Lokale gibt es nicht mehr, aber mich schon", lacht Justine herzlich. Sie erinnert sich gerne an ihre Arbeit zurück und möchte keinen Tag missen. "Es war auch hart, aber das Positive überwiegt", sagt die Semriacherin, die dort beim "Trattnerhof" die Lehre absolvierte. Im "Café Korso", dem Restaurant "Schiff", dem Buffet im Hotel Gollner, dem "Stadtheurigen" und einem Jahr in Deutschland war Justine immer hauptberuflich tätig. Auch am Wochenende jobbte sie im Hilmteich-Café und war fünf Jahre auf Messen tätig. Acht Jahre schob sie wieder in Semriach ein. "Aber es zog mich in die Stadt. Meine Leut’ haben mir gefehlt", gerät Justine ins Schwärmen über ihre Stammkunden. "Viele kenne ich als Studenten, und jetzt sind sie Banker oder Ärzte."

Psychologin und Beichtvater

Wieder im Zentrum angekommen, war sie von der ersten Stunde im "Landhauscafé", der heutigen "Welscher Stubn", tätig. "Das war meine Heimat, ich habe so viele Menschen kennengelernt und Freundschaften geschlossen." Als das Lokal nach elf Jahren Konkurs anmeldete, kam sie durch Zufall zu Rudi Lackner und war zwölf Jahre im Kaiserfeld präsent. "Ich habe meine Arbeitsstätten nie primär nach dem Verdienst ausgesucht. Mir war es immer wichtig, mich mit dem Betrieb identifizieren zu können und mich dort wohlzufühlen", erzählt Justine, für die Ehrlichkeit und Freundlichkeit stets das oberste Credo waren. "Man war oft auch Psychologe oder Beichtvater, die Leute haben immer viel erzählt." Verraten hat Justine aber nie etwas.

Real Madrid zu Gast

"Ob Direktor oder Arbeiter: Jeder Gast war für mich immer gleich viel wert", betont Justine. Daher haben Prominente bei der gelernten Fachkraft keinen besseren Stellenwert als andere. "Cool war es schon, Arnold Schwarzenegger oder Thomas Muster zu bedienen", erinnert sie sich. Und die Politiker waren fast wie Familie, sah man sich doch jeden Tag. Aber laut eigenen Angaben waren bestimmt einige Promis dabei, die sie gar nicht erkannt hatte. "Dass ich Real-Madrid-Spielern Getränke serviert hatte, sagte mir mein Mann im Nachhinein", lacht sie und erinnert sich auch heute nicht an die Namen. Viele Erlebnisse haben sich in Justines Gedächtnis eingebrannt. "Und mein Englisch hat sich deutlich verbessert", meint die Kult-Kellnerin, die Champignon-Schnitzel als "Schnitzel with champions" übersetzte. "Der Gast meinte, dass das ‚Schnitzel with mushrooms' hervorragend war."

Gesundheitsfaktor Rauchen

Die Selbstbedienung in der Gastronomie sieht Justine kritisch. "Die persönliche Bindung zum Gast geht verloren." Daher ist das Trinkgeld laut Justine auch eine Persönlichkeitsabgabe, die der Kellner vom Gast erhält. "Ich war all die Jahre Passivraucherin, und meiner Lunge hat das sehr geschadet", hätte sich Justine die Einführung des Rauchverbots für ihre jungen Kollegen gewünscht.

Neuer Lebensabschnitt

"Für mich war der Beruf wirklich Berufung, ich habe ihn mit Leib und Seele ausgeübt und würde ihn immer wieder machen", so Justine, deren Ehemann Ernst seit 35 Jahren im "Landhauskeller" tätig ist. "Ohne familiären Zusammenhalt wäre das alles nie gegangen", erzählt Justine stolz von ihrem Haus in Semriach, wo sie auch Privatzimmer eingerichtet hat. "Ohne Gäste kann ich nicht!" Und auch die Pension ist schon verplant. "Ich hatte nie Zeit für meine Töchter. Jetzt möchte ihnen mit ihren Kindern helfen." Außerdem freut sich Justine, wieder mehr Zeit für ihren Garten und ihre Bücher zu haben. Das Flair, die Leute und das geschäftige Treiben werden Justine fehlen. "Ich möchte mich bei allen Gästen für die langjährige Treue und Wertschätzung bedanken. Es war mir eine Freude und Ehre, sie alle zu bedienen", verlässt Justine schweren Herzens die Grazer Innenstadt.

WOCHE-WORDRAP


Ein guter Kellner ... sollte immer aufmerksam sein und Kopfrechnen können.
Mein liebstes Reiseziel ... ans Meer.
Das bestelle ich ... Café Latte oder Chai Latte.

STECKBRIEF

Geboren am 31. Juli 1960
Verheiratet, 2 Töchter, 4 Enkel
Volks-, Hauptschule in Semriach
Berufsschule, Konzessionsprüfung und Lehrlingsausbildung mit Auszeichnung
Seit 42 Jahren als hauptberufliche Kellnerin tätig
Hobbys: Garten, Kochen, Lesen

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