Baustellen-Chaos
Das sind die neuen Schleichwege der Grazer Autofahrer
- Bereits ein gewohntes Bild: Kolonnenverkehr in der Argenotstraße, mitten im Wohngebiet.
- Foto: MeinBezirk
- hochgeladen von Roland Reischl
Noch nie war die Dimension der sommerlichen Baustellen so groß wie heuer. Die Grazerinnen und Grazer haben sich daran gewöhnt und weichen aus – meistens mitten durch dicht besiedelte Wohngebiete.
GRAZ. Es ist ein viel und oft gebrauchtes Argument in der städtischen Verkehrsplanung: Die Menschen würden sich an Baustellen schon gewöhnen, nach wenigen Tagen würde sich die Aufregung legen, die Staus zurückgehen. Rund um Elisabethstraße und Peter-Tunner-Gasse stimmt das heuer zwar nicht, dennoch scheint die Annahme nicht falsch zu sein.
Ausweichen durch Wohnviertel
Deshalb hat sich MeinBezirk die Situation in Graz genauer angesehen. Und ist dabei vor allem zu einem Schluss gekommen: Die Autofahrer werden nicht weniger, sie zeigen sich nur höchst kreativ und finden ihre Ausweichrouten – allerdings zum Leidwesen von Menschen in Wohngebieten.
- Auch am Nachmittag das selbe Bild: Massive Vekehrsbelastung im Wohngebiet,
- Foto: MeinBezirk
- hochgeladen von Roland Reischl
Ein Paradebeispiel dafür findet sich etwa im Osten von Graz: Pendlerinnen und Pendler, die aus Graz-Umgebung und Weiz kommen, weichen der Elisabeth- und der Leonhardstraße großräumig aus. Sie fahren über die Ragnitz in die Argenotstraße und über den Moelkweg in die Waltendorfer Hauptstraße. Ergebnis, festgestellt beim mehrmaligen Lokalaugenschein: Sowohl in der Früh als auch gegen 17 Uhr zieht endloser Kolonnenverkehr durch das dicht besiedelte Wohngebiet.
Jene, die in den Westen von Graz müssen, weichen aktuell über Leech- oder Schubertstraße aus und stoßen über die Attemsgasse zum Glacis.
Ähnlich fatal ist die Lage rund um die Großbaustelle Peter-Tunner-Gasse in Eggenberg. Dort verlagert sich – vor allem zu den Stoßzeiten – der Verkehr in die Eckert-, Heinrich-Heine- und Gaswerkstraße. Wird letztere wirklich wie geplant zur Fahrradstraße, wird das Nadelöhr im Westen nochmals kleiner. Beschwerden über starken Ausweichverkehr gibt es außerdem aus dem gesamten Herz-Jesu-Viertel (Baustelle Leonhardstraße) sowie aus dem Griesviertel rund um die Belgiergasse und aus Puntigam (Adlergasse, Mitterstraße, hin zum Spitzäckerweg).
„Verkehr findet seinen Weg“
Für den Grazer Verkehrsplaner Kurt Fallast ist das keine Überraschung: „Verkehr ist wie eine Flüssigkeit – er sucht sich seinen Weg und findet ihn auch.“ Das Verhalten der Menschen könne man nur über jahrelange Bewusstseinsbildung verändern, nicht darüber, dass man es den Autofahrern so schwierig wie möglich mache. Den Fehler sieht der Experte in der Perspektive, die die Grazer Verkehrsplanung einnimmt: „Man denkt alle Lösungen aus der städtischen Sicht und vergisst dabei jene, die aus den umliegenden Bezirken nach Graz kommen.“ Das sind im Schnitt weit über 80.000 Personen.
"Es fährt ohnehin niemand mehr freiwillig mit dem Auto nach Graz."
Verekhrsplaner Kurt Fallast
- Der Grazer Verkehrsforscher Kurt Fallast geht hart ins Gericht mit der städtischen Verkehrsplanung.
- Foto: KK
- hochgeladen von Max Daublebsky
„Verkehr gestalten, nicht radikal verändern“
Für ein sinnvolles Gesamtkonzept müsse man die Sichtweise der Pendlerinnen und Pendler, etwa aus Graz-Umgebung, Voitsberg, Weiz, Hartberg und der Südoststeiermark berücksichtigen. Fallast bringt es am Beispiel auf den Punkt: „Wenn es in der Elisabethstraße eine Busspur gibt, ist der Bus um drei Minuten schneller. Das spielt in der Gesamtdauer, die ein Weizer zu seinem Arbeitsort in Graz zurücklegt, keine Rolle, deswegen steigt er nicht um.“
Ebenfalls eine harte Botschaft des Verkehrsexperten: „Es fährt ohnehin jetzt schon niemand mehr freiwillig mit dem Auto nach Graz. All jene, die noch hereinkommen, haben keine andere Wahl.“ Was könnte die Lösung sein? „Die bittere Erkenntnis ist, dass unser Spielraum geringer ist, als wir glauben. Man muss den Verkehr, auch die Parkraumbewirtschaftung, gestalten und nicht radikal verändern. Das braucht Zeit, dafür muss man die Menschen mit auf die Reise nehmen.“
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