Spargedanken
Raiffeisen-General Martin Schaller über niedrige Zinsen, Nachhaltigkeit und die digitale Zukunft

Zinsen anheben – dafür plädiert der steirische Raiffeisen-Chef Martin Schaller.
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  • Zinsen anheben – dafür plädiert der steirische Raiffeisen-Chef Martin Schaller.
  • Foto: George Konstantinov
  • hochgeladen von Roland Reischl

Der Weltspartag naht - welche Bedeutung hat er aus Ihrer Sicht heute noch?
Er ist ein alter Knabe, der Weltspartag, aber auch ein echter "Evergreen". In Zeiten eines höheren Zinsniveaus war er für die Sparer sicher atraktiver. Bei dem derzeit tiefen Niveau – das ich immer wieder kritisiere – nutzen wir den Tag eher, um mit den Kunden in Kontakt zu kommen. Deshalb ist der Weltspartag noch immer das "Hochamt" für die Raiffeisen Banken. Über 100.000 Kunden kommen uns an diesem Tag besuchen.

Gibt es Anzeichen, dass die Zinsen wieder nach oben gehen?
Ich fürchte nein. Sie werden wohl auf absehbare Zeit auf diesem Niveau bleiben – auch wenn die Stimmen in der Europäischen Zentralbank lauter werden, dass man mit dieser Politik unzufrieden ist.

Für den Laien – was sind die großen Vor- und Nachteile einer solchen Zinspolitik für den Konsumenten?
Normalerweise hat Zinspolitik zwei Stoßrichtungen: Einerseits die Geldwert-Stabilität, also die Vermeidung von Inflation. Derzeit sind wir in die andere Richtung unterwegs, der Notenbank ist die Inflation zu gering. Andererseits soll die Kreditnachfrage erhöht werden, damit bin ich auch nicht einverstanden. Denn wenn ich als Unternehmer eine Investition plane, die ich davon abhängig mache, ob das Zinsnievau ein Prozent höher oder tiefer ist, dann ist die Planung ohnehin hinterfragenswert. Wenn ich Zinsen senken will, muss ich von einem höheren Niveau kommen. Dann könnte ich in einer Phase wie jetzt, wo die Konjunktur etwas schwächelt, die Wirtschaft ankurbeln. In Europa haben wir aber dafür keinen Spielraum mehr. Das bezahlen die Sparer, weil wir in Österreich seit 2015 rund 15 Millarden an Kaufkraft verloren haben. Jeder, der spart und veranlagt, muss jetzt noch mehr sparen – damit er's dann hat, wenn er's braucht.

Wie sparen die Steirer heute?
Nach wie vor ist das Sparbuch die beliebteste Variante, wobei sich das mittlerweile Richtung Online-Sparbuch entwickelt hat. Wir haben 2019 erstmal mehr Online-Spartransaktionen als jene fürs Sparbuch. Und wir haben seit 2016 eine Verdoppelung der Online-Sparbewegungen, beim Sparbuch sind sie um 30 Prozent zurückgegangen.

Stichwort Nachhaltigkeit: Gibt es so etwas wie den "Greta-Thunberg-Effekt"?
Ich will die Art und Weise nicht bewerten. Aber es schafft jedenfalls Bewusstsein, vom einzelnen Sparer bis hin zum Unternehmer wird das Thema Klima und Umweltschutz immer stärker. Ich sehe das durchaus positiv. Der Punkt ist, auch wenn wir dafür offenbar ein 16-jähriges Mädchen gebraucht haben: Es gibt Handlungsbedarf.

Auch im Bankensektor?
Wir als Raiffeisen stehen ohnehin für eine nachhaltige Wirtschaft verpflichtet. Wir sind von den Wurzeln her, schon seitens  unseres Gründers Friedrich Wilhelm Raiffeisen, den Prinzipien Solidarität, Subsidiarität und Nachhaltigkeit verpflichtet. Wir stehen für die Region und für die Bevökerung ein.

Woran kann man das erkennen?
Wir hatten zum Beispiel vor einigen Jahrzehnten mit Josef Riegler einen Obmann der Raiffeisen Zentralkasse, der damals das Konzept der "Ökosozialen Marktwirtschaft" modern gemacht hat. Dieser Begriff kommt jetzt wieder aus der Schublade – und er passt sehr gut zu unseren Einstellungen. Vor allem aber am regionalen Handeln. So versorgen wir die Wirtschaft und Private täglich mit rund 12 Millionen Euro an Krediten, die aus regionalen Kundeneinlagen stammen.

Was heißt das produktseitig?
Da kommen die Nachhaltigkeitsfonds ins Spiel. Wir haben heuer zwanzigmal so viele verkauft wie noch vor fünf Jahren, der Bereich explodiert richtiggehend. Das ist gut so, weil wir damit tatsächlich die Marktwirtschaft mit den ökologischen Komponenten verbinden können. Es werden damit Investitionen in die Umwelt ermöglicht. Am Ende des Tages wird der Anleger auch an den Erfolgen partizipieren. Und man darf ja auch Geld verdienen, wenn man in etwas investiert.

Ein wichtiger Hebel für die Umwelt, wenn es ein Umdenken in der Finanzwirtschaft gibt, oder?
Ja. Aber nicht nur die Finanzwirtschaft, sondern auch die Industrie und die Gesamtwirtschaft hat es erkannt, viele auch, weil sie wissen, dass sie ihre Produkte mittelfristig nur mehr an den Mann bringen, wenn sie nachhaltig sind. Das gilt natürlich auch für die Finanzwirtschaft, da wurden in Österreich bereits im vergangenen Jahr rund 21 Milliarden Euro bewegt.

Wie reagiert Raiffeisen?
Indem wir eine ganze Palette an nachhaltig ausgerichteten Wertpapier-Fonds aufgelegt haben und wir in der Kundenberatung auf dieses Thema sehr stark eingehen. Wenn der Kunde längerfristig, mit einer gewisse Risikobereitschaft – wie bei jedem Wertpapier – nachhaltig investieren will, empfehlen wir diese Produkte. Gerade auch in der Gruppe der 20- bis 30-Jährigen, der "Generation Wertpapier", ist das Interesse am größten. Das wirkt auch nach innen, es gibt dazu einen umfassenden Nachhaltigkeitsbericht. In der RLB Steiermark setzen wir zum Beispiel 100 Prozent Ökostrom ein und haben wir den Energiebedarf stark reduziert.

Themenwechsel: Wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage?
Ich bin Optimist. Das Glas ist vielleicht nicht mehr ganz voll, aber immer noch gut halb voll. Ich gehe davon aus, dass wir mit einer gesunden Abschwächung in die Zukunft gehen.

Gesund ...?
Deswegen, weil wir in den letzten Jahren Wachstumsraten hatten, die dauerhaft die Gefahr in sich bergen, dass sich Dinge ereignen wie 2008. Immer, wenn man glaubt, dass die Bäume in den Himmel wachsen, zieht es einem den Boden unter den Füßen weg.

Ein Blick auf die Steiermark?

Gut aufgestellt. Unsere starke Exportorientierung, das ist sehr positiv zu sehen, auch wenn wir dadurch Krisen stärker ausgeliefert sind. Nachdem wir ein sehr innovatives Land sind, können wir uns durch die Qualität unserer Produkte sehr gut von der Konkurrenz abheben.

Stichwort Regierungsbildung im Bund: Was wünschen Sie sich?
Gestalten, statt verwalten. Nicht regulieren, sondern Möglichkeiten schaffen, vereinfachen, Bürokratie abschaffen, Menschen und Unternehmen entlasten. Und speziell für die Jugend im Bereich der Bildung mehr Möglichkeiten schaffen.

Letze Frage: Wie viel Bargeld haben sie eingesteckt?
(lacht). Immer zuwenig. Im Ernst: Ich verwende es immer weniger, aber ich sehe das neutral: Jeder, der mit Bargeld bezahlen will, soll das auch können. Ich glaube nicht, dass wir in Österreich jemals das Bargeld abschaffen werden.

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