03.10.2014, 15:27 Uhr

Spielen unter Bäumen

Ab in den Wald! Den Vormittag verbringen die Kinder hier bei fast jedem Wetter im Freien. (Foto: prontolux)

19 Kinder besuchen den „Waldkindergarten“ auf
der Platte. Dieser bemüht sich um Anerkennung durch das Land.

Einen Sesselkreis im Zimmer? Den gibt es nicht – hier sitzen die Kinder in einem „Morgenkreis“ auf Baumstümpfen unterm Blätterdach. Dabei huscht schon einmal ein Eichkatzerl vorbei.
An diesem Vormittag stiefeln und hopsen 17 Kinder zwischen 3 und 6 Jahren durch den Wald – in rosa und gelben Latz-Regenhosen, Gummistiefeln und zum Teil mit besonderer Ausbeute: „Ich habe eine Nuss“, sagt Lilith (3), streckt eine Walnuss-Hälfte vor und beißt einmal ab. Leon (5) hat schon Kastanien und zwei Eierschwammerl gefunden. Am Vormittag wurde erkundet, was im Wald so alles Essbares wächst.
Hier, auf der Grazer Platte, treffen sich wochentags von 8.30 bis 13.30 Uhr jene Kinder, die im sogenannten „Waldkindergarten“ betreut werden – doch die Einrichtung ist offiziell kein „Kindergarten“: „Wir erfüllen die gesetzlichen Auflagen nicht und sind deshalb in Gesprächen mit dem Land“, sagt der Pädagoge David-Ubuk Kislinger, der die Gruppe mit Eva Wimmer und Michaela Kober im Sommer 2013 gründete.

Ein Dach über dem Kopf
Was für einen Kindergarten notwendig wäre? „Ein Gebäude sagt das steiermärkische Kindergartengesetz“, sagt Kober. Hier im Wald aber gibt es ein kleines Indianerzelt, neuerdings ein großes, robustes Zelt, eine Plane – unter der die „Zentrale“ mit Tischen und Hockern stationiert ist – und eine Hütte mit Kompost-Klo.
Das Angebot wird aus diesem Grund vorerst als Betreuung im Rahmen einer „flexiblen Gruppe“ geführt. 19 Kinder sind grundsätzlich angemeldet, wer an welchem Tag kommt, entscheiden die Eltern. Jeden Tag sind alle drei Pädagogen vor Ort. Finanziert wird das Angebot nun nur durch die Beiträge der Eltern.
Mit September hat jetzt das zweite Betreuungsjahr begonnen – und das Team bemüht sich um Anerkennung als Kindergarten, denn: „In anderen Bundesländern wie Salzburg, Tirol oder Vorarlberg sind Waldkindergärten wie unserer als Kindergarten genehmigt“, sagt Kislinger. Die Pädagogen meinen: Ein Gebäude alleine sollte kein Qualitätskriterium für gute Kinderbetreuung sein. „Wir würden unsere Gruppe zumindest gerne als Modellversuch führen, haben unser Konzept ausgearbeitet und warten noch auf die Rückmeldung des Landes“, fügt Kober hinzu.

Bei Schnee und Regen
Bei den Eltern und ihren Sprösslingen kommt die Idee jedenfalls gut an: Im Vorjahr ist man mit sechs Kindern gestartet, nun sind es mehr als drei Mal so viele, sechs stehen auf der Warteliste.
Schlechtes Wetter? Das gibt es hier gar nicht. Die Kinder sind auch bei Regen oder Schnee im Wald. Dann kommen Regenjacken und Zelte zum Einsatz – und unter der Plane wird warme Suppe gelöffelt. Bewegugsmangel, Langeweile oder Sehnsucht nach Computerspielen bemerkt man nicht: „Die Kinder sind an der frischen Luft und machen viel Bewegung – das tut ihrer gesamten Entwicklung gut – körperlich, geistig und psychisch“, sagt Kober. Was es nicht gibt sind vorgefertigte Spielsachen, stattdessen findet man Holzstücke oder Zapfen, die als Kochlöffel oder Geldstück fungieren – je nach Bedarf… „Das fördert Fantasie, Kreativität und den sprachlichen Ausdruck“, sagt Kislinger. Die Idee zum Waldkindergarten stammt übrigens aus Skandinavien.
Was man hier auf der Platte den Vormittag über noch so macht? Lieder singen, Geschichten lauschen, mit Kastanien basteln, Käfer beobachten, …

Eltern wollen „mehr“ als einen Kindergarten

Ines Weinberger leitet seit 19 Jahren die „Kinderdrehscheibe“, eine Beratungsstelle für Kinderbetreuung.

Sie beraten Eltern bei der Wahl des Kindergartens. Welche Entwicklungen beobachten Sie?
Weinberger: Viele Einrichtungen setzen auf Schwerpunkte wie Bewegung. Der Waldkindergarten ist hierbei besonders: Er ist ideal, um die Begeisterung für die Natur zu wecken – abseits von Computer oder TV. Wir brauchen solche Einrichtungen!
Welche anderen Schwerpunkte gibt es?
Weinberger: Viele Kindergärten setzen auf Sprachförderung: So sollen Kinder etwa früh Englisch lernen oder Migrantenkinder gefördert werden. Eltern wollen heute oft nicht einfach einen Platz für ihr Kind, sondern mehr: eine besondere Förderung – sei es im Bereich Sport, Sprache oder Kreativität.


BESONDERE BETREUUNG

Waldkindergärten gibt es in anderen Bundesländern wie Salzburg, oder Vorarlberg. In der Steiermark fehlt die gesetzliche Grundlage dafür. Das Angebot auf der Grazer Platte läuft vorerst als „flexible Betreuungsgruppe“.
Einige Kindergärten in Graz legen ihren Fokus auf Sport oder Kreativität. Einen Bewegungsschwerpunkt haben etwa die öffentlichen Kindergärten Friedrichgasse, Ghegagasse, Ragnitzstraße, Mariatrosterstraße, Gaswerkstraße und Alte-Post-Straße.
1
Einem Mitglied gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.