14.03.2018, 07:30 Uhr

Verkehrsexperte Martin Fellendorf meint: Ampel-Zähler erhöhen die Sicherheit der Fußgänger

Auch in Graz kann laut Experte Martin Fellendorf mehr für die Fußgängersicherheit getan werden. (Foto: Furgler)

Sekundenzähler an Ampeln, Balken- oder Kreisanzeigen: Signale können für Fußgänger hilfreich sein.

Wer kennt die Situation nicht: Man ist in Eile, die Fußgängerampel schaltet gerade auf Rot – und doch gibt es fast an jeder Kreuzung mindestens eine Person, die das Signal zum Stehenbleiben ignoriert und die Straßenseite wechselt. Vorbildwirkung für Kinder? Fehlanzeige.
Dass ein derartiges Verhalten nicht förderlich für die Verkehrssicherheit ist, versteht sich von selbst. Erhöht werden könnte die Sicherheit unter anderem durch Ampeln, die anzeigen, wie viele Sekunden die Rot- bzw. Grünphase noch dauert.

Asien fährt drauf ab

"Im Fachjargon werden solche Ampeln als Restrot-Anzeigen bezeichnet. Diese gibt es sowohl für Autofahrer als auch für Fußgänger", konkretisiert der Leiter des Instituts für Straßen- und Verkehrswesen der TU Graz, Martin Fellendorf. Vor allem in Asien, aber auch in den USA sind diese "Zähl-Ampeln" sehr beliebt. "Für Autofahrer kann das durchaus Sinn machen, wenn die Start-Stop-Automatik gezielter eingesetzt werden kann. In Zukunft werden Ampeln und Fahrzeug ohnehin miteinander kommunizieren, das ist nur eine Frage der Zeit."

Öffis haben Vorrang

Geht es bei Autolenkern also primär um Effizienzpotenziale, kommt bei Fußgängern der Sicherheitsaspekt dazu. "In Hamburg wurde vor rund zehn Jahren ein Versuch mit Restrot-Anzeigen gestartet (siehe unten). Es zeigte sich, dass der Anteil an Personen, die bei Rot die Straße überqueren, um rund ein Viertel abgenommen hat", erläutert Fellendorf.
In Graz selbst sieht der Experte für eine Implementierung aber Hindernisse. "Bei uns sind im Gegensatz zu den USA fast alle Ampeln vom Verkehr abhängig. Da kann, auch aufgrund des Vorranges von Straßenbahn und Co., im Vorfeld sehr schwer festgestellt werden, wie lange die Rotphase sein wird."

Ablenkung als Problem

Für die Murmetropole kann sich Fellendorf andere Arten von Anzeigen vorstellen. "Es muss keine Sekundenanzeige sein. In den Niederlanden gibt es für Radfahrer Balken- oder Kreisanzeigen. Die laufen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Dort ist das Feedback sehr gut, die Wachsamkeit der Beteiligten steigt."
Auch die Installierung von Mittelinseln, wie in Graz am Andreas-Hofer-Platz, könnten bei großen Knotenpunkten das Überqueren sicherer machen. Die Relevanz ergibt sich vor allem auch durch ein relativ neuartiges Phänomen. "Smartphones und Kopfhörer stellen ein zunehmendes Sicherheitsrisiko dar, die Leute sind vollkommen abgelenkt. Wenn sie dann sehen würden, dass es beispielsweise erst in 50 Sekunden Grün wird, könnte das die Sicherheit erhöhen."

Zusatz-Info: In Amerika läuft der Countdown

Man sieht sie in Europa, ausgenommen in Dänemark, nur äußerst selten: Countdown-Ampeln oder Restrot-Anzeigen, die die Wartezeit bei Rot herunterzählen. Viel beliebter sind diese Ampeln in Nordamerika und Asien, wo sie das Straßenbild prägen.
Testprojekte gab es genügend, etwa vor rund zehn Jahren in Hamburg. Zwar hat der Anteil jener Personen, die bei Rot die Straße überquerten, um ein Viertel abgenommen, die Idee wurde aufgrund von Kosten-Nutzen-Überlegungen aber nicht weiterverfolgt.
Eine parallel dazu durchgeführte Befragung brachte einen interessanten Aspekt zutage: So gab ein Drittel der Personen an, dass sie ein positiveres Gefühl haben, wenn sie wissen, wie lange sie warten müssen. Einen anderen Weg, um die Sicherheit für Fußgänger zu erhöhen, hat man in den Niederlanden gefunden. In der Stadt Bodegraven-Reeuwijk wurde ein Streifen mit LEDs, der an den Straßenüberquerungen, an denen auch Fußgänger-Ampeln vorhanden sind, in den Boden eingelassen. So sieht der Smartphone-Nutzer, wann es Grün wird, ohne seinen Kopf zu heben.
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