Kunst als politisches Statement
Erkenntnis und Poesie

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Der Kurator Hubert Thurnhofer organisiert 2021 fünf virtuelle Ausstellungen mit dem Ziel, Kunst als politisches Statement zu positionieren. Jede Ausstellung ist einem Thema gewidmet, zu dem der Kurator einen Essay vorgibt. Die aktuelle Ausstellung – online auf kunstsammler.at und im Print in der Kunstzeitschrift VERNISSAGE 352 – ist dem Thema „Wissen und Schaffen“ gewidmet. Es geht um die Frage, ob Wissenschaft und Kunst in Zeiten wie diesen noch frei schaffen können.  Gazmend Freitag, Waltraud Zechmeister und Rosa Parz fanden Querverbindungen zwischen Erkenntnis und Poesie!

Gazmend Freitag: Paul Parin, der Begründer der Ethnopsychiatrie, hat seinen Studenten empfohlen, die klassischen Romane eines Landes zu lesen, wenn sie dieses Land und seine Menschen besser verstehen wollen. Literatur ist in diesem Sinne weit mehr als schöngeistige Unterhaltung. Literatur trägt zur Bildung bei. Bildung ist weit mehr als Ausbildung, die in der Regel nur Wissen vermittelt. Wissen ist weniger als Verstehen, denn Verstehen impliziert auch das emotionale Verständnis. Verständnis wiederum ist nicht gleichbedeutend mit Einverständnis.
In diesem Sinne sollte man die Werke des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth (1933-2018) lesen. Sie sind stark autobiografisch, seine Geschichten sind Teil der amerikanischen Geschichte und sollten deshalb auch von Historikern gelesen werden. Eines seiner letzten Werke, „Nemeses“, spielt 1944 in der Zeit einer (fiktiven) Polio-Epidemie. Eine Lektüre, die (so wie „Die Pest“ von Albert Camus) zu einem besseren Verständnis der aktuellen Corona-Pandemie beiträgt als viele wissenschaftliche Erklärungen auf Basis zweifelhafter Theorien.
Bild zur Ausstellung: Literatur schafft Wissen, Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm

Waltraud Zechmeister:  Im Paradies verspricht die Schlange Adam und Eva, dass sie über göttliches Wissen verfügen würden, wenn sie den Apfel des Baumes der Erkenntnis kosteten. Die Schlange redet Adam und Eva ein, dass Gott eifersüchtig auf sie sei und ihnen den Genuss der Frucht daher verboten habe, denn danach hätten sie genauso viel Wissen und daher auch Macht wie ER. Und Adam und Eva fallen auf die Schmeicheleien der Verführerin herein. Sie möchten Gott ebenbürtig sein und beißen in den Apfel der Erkenntnis.
Die Folgen für sie sind bekannt: Verbannung aus dem Paradies, aber gleichzeitig auch die Unabhängigkeit von einem sie bevormundenden Gott. Sie bekommen meiner Meinung durch diesen Schritt die Freiheit der Entscheidung: Die Schlange zeigt ihnen zwei verschiedene Handlungsweisen auf - darin besteht ihre Verführung, denn bis zu diesem Zeitpunkt hat es für Adam und Eva nur das lineare Verhalten des Gehorsams gegeben, für den sie ein wunderbares Leben im Paradies geboten bekamen. Indem sie sich nun für eine der beiden Möglichkeiten, die sie ohne die Schlange nie gekannt hätten, entscheiden, erhalten sie die Freiheit.
Es ist für diese Ausführungen nicht von Belang zu wissen, was die Schlange mit ihrer Verführung bezweckt hat, wichtig ist für mich, dass die Menschen dadurch die Freiheit des Denkens bekommen haben. Sie können sich ab nun erlauben, alles zu hinterfragen, nachdem sie an Gottes Allmacht zu zweifeln begonnen haben. Für mich ist das der Beginn des kreativen Denkens und daher der Freiheit der Forschung und der der Kunst.
Doch da diese Freiheit durch die List der Schlange herbeigeführt wird, steht sie von Anfang an auf tönernen Füßen, immer wieder wird sie eingeschränkt – durch die Macht der Könige, des Klerus, der Angst der Menschen vor Neuem. Das gilt sowohl für die Wissenschaft als auch für die Kunst. Wie viele Wissenschaftler und Künstler müssen ihr Leben lassen, weil sie sich nicht den herrschenden Maßstäben beugen wollen. Denken wir an einen Galileo Galilei oder an die entartete Kunst im 3. Reich – die Schlange der Verführung hatte immer ihre gespaltene Zunge im Spiel.
Und dies ist derzeit auch kaum anders. Kunst und Wissenschaft werden ausgehungert – vom Geld abhängig gemacht, so hat es auch Dürrenmatt in seinem Drama „Die Physiker“ dargestellt – für Möbius gibt es nur die Freiheit der Forschung im Irrenhaus und auch da wird er von der wahnsinnigen Irrenärztin hinters Licht geführt.
Und diese Ambivalenz der Freiheit der Kreativität möchte ich in meinem Bild zeigen.
Bild zur Ausstellung: Der Baum der Erkenntnis, Acryl auf Malbrett, 30 x 30 cm

Rosa Parz
ZWISCHENRAUM
ZWISCHENTON
ZWISCHENSPIEL
Wie kommt das Sehnen zwischen uns?
Zwischen die Wesen
Zwischen die Steine
Zwischen die Dinge
Zwischen die Töne
Zwischen die Farben?
Wie kann MEIN dir Fremdes bei dir ankommen
und
dir vertraut werden?
Wie kann DEIN mir Fremdes zu mir finden?
Wir brauchen
LEERE
dazwischen.
Ist diese Leere nun
verbindend
oder
trennend???
Entstehen im Dazwischen
das Gemeinsame
und
das Sehnen
des Lebens?
Bild zur Ausstellung: Trope, Lehm, Rote Erde,  Acryl auf Fliegengitter, 160 x 80 cm

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