70 Jahre Wehrdienst
Erste Grundwehrdiener marschierten 1956 direkt in eine Krise
- Vor genau 70 Jahren: Am 15. Oktober 1956 rückten die ersten Grundwehrdiener ein. Nur wenige Tage später wurden rund 2.300 von ihnen während der Ungarnkrise an die Grenze verlegt. Foto: Österreichische Soldaten auf Patrouille. (Archiv)
- Foto: Bundesheer
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Vor genau 70 Jahren rückten die ersten Grundwehrdiener der Zweiten Republik in Österreichs Kasernen ein. Zeit zum Eingewöhnen blieb ihnen kaum: Nur wenige Tage später stellte die Ungarnkrise das junge Bundesheer vor seine erste große Bewährungsprobe.
ÖSTERREICH. Der Grundwehrdienst in Österreich soll ab 2027 grundlegend verändert werden. Die Bundesregierung plant ein Modell aus sechs Monaten Grundwehrdienst, einem Monat Truppenübungen und zwei Monaten späteren Milizübungen. Zugleich soll der monatliche Sold von 625 auf 1.000 Euro steigen und erstmals ein gesetzlicher Urlaubsanspruch eingeführt werden.
Beschlossen ist die Reform noch nicht. Der Gesetzesentwurf befindet sich bis 12. November in Begutachtung. Die parlamentarische Abstimmung ist für Dezember vorgesehen, das neue System soll am 1. Jänner 2027 starten. Dafür benötigt die Regierung auch Stimmen aus der Opposition.
Der geplante Umbau fällt in ein besonderes Jubiläumsjahr: Vor 70 Jahren rückten die ersten Grundwehrdiener der Zweiten Republik ein. Der Weg dorthin begann allerdings schon unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Ein neues Heer für Österreich
Bereits 1945 sah die erste Regierungserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg eigene österreichische Streitkräfte vor. Die alliierten Besatzungsmächte verhinderten deren Aufbau zunächst. Mit dem beginnenden Kalten Krieg änderte sich die Haltung der Westmächte. Aus ersten Alarmformationen der Gendarmerie entstand 1952 die sogenannte B-Gendarmerie, ein Vorläufer des späteren Bundesheeres.
Nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags im Mai 1955 durfte Österreich wieder eigene Streitkräfte aufbauen. Am 7. September beschloss der Nationalrat das Wehrgesetz. Es führte die allgemeine Wehrpflicht ein und legte die Dauer des Präsenzdienstes zunächst mit neun Monaten fest.
Bis zum ersten Einrückungstermin mussten Stellungspflichtige erfasst, Kasernen instand gesetzt und Ausbilder bereitgestellt werden. Der erste betroffene Geburtsjahrgang war 1937. Ein ziviler Ersatzdienst bestand damals noch nicht; dieser wurde erst 1975 eingeführt.
Erste Bewährungsprobe nach wenigen Tagen
Am 15. Oktober 1956 rückten österreichweit mehr als 12.800 Wehrpflichtige in teilweise noch schwerbeschädigte Kasernen ein. Damit begann der Grundwehrdienst im Bundesheer der Zweiten Republik.
- Soldaten des neuen Bundesheeres im Jahr 1956 auf Patrouille an der ungarischen Grenze. (Archiv)
- Foto: Bundesheer
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Nur acht Tage nach dem ersten Einrückungstermin begann am 23. Oktober 1956 der Volksaufstand in Ungarn. Bereits am folgenden Tag wurden österreichische Alarmeinheiten an die Grenze verlegt. Unter den eingesetzten Soldaten befanden sich auch rund 2.300 der kurz zuvor eingerückten Wehrpflichtigen.
Die Soldaten unterstützten die Gendarmerie bei der Aufnahme der zahlreichen Flüchtlinge und entwaffneten bewaffnete Personen, die österreichisches Staatsgebiet betraten. Am 28. Oktober erließ die Bundesregierung zudem einen Schießbefehl für den Fall, dass bewaffnete Kämpfer der Aufforderung zur Entwaffnung nicht Folge leisten sollten.
Damit musste das erst im Aufbau befindliche Bundesheer nahezu ohne Vorbereitungszeit seinen ersten Einsatz bewältigen. Es fehlte teilweise noch an Ausrüstung, Erfahrung und einer vollständig ausgebauten militärischen Infrastruktur. Dennoch gelang es, die Grenze zu sichern und zugleich humanitäre Hilfe zu leisten.
Briten würdigten Österreichs Vorgehen
Das Vorgehen fand auch im westlichen Ausland Beachtung. Britische Berichte bewerteten Österreichs Verhalten als klar und keineswegs "neutralistisch". Hatte die britische Botschaft die österreichische Neutralitätspolitik Anfang 1956 noch als wenig eindeutig eingeschätzt, bescheinigte sie dem Land nach der Ungarnkrise eine klare politische Linie. Auch der britische Militärattaché würdigte 1957 den Aufbau der österreichischen Streitkräfte.
Der Einsatz wurde damit zu einem frühen Beleg dafür, dass Österreich bereit war, seine erst 1955 wiedererlangte Souveränität zu sichern und die Neutralität im Ernstfall selbst zu verteidigen.
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