Fellhofer
„Lifestyle-Islamisten wirken stärker als klassische Prediger“
- "Es geht nicht um die Religion des Islam, sondern um Extremisten, die auf Basis von religiösen Werten versuchen, Politik zu betreiben", so Fellhofer.
- Foto: Valentina Marinelić/MeinBezirk
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Lisa Fellhofer, Direktorin der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI), über die veränderten Strategien des Politischen Islam, warum junge Mädchen sich radikalen Gruppen zuwenden und welche Gefahren von deutschen Online-Gruppierungen ausgehen.
ÖSTERREICH. Die DPI in Österreich analysiert kontinuierlich die Dynamiken von demokratiefeindlichen und extremistischen Tendenzen. Im Gespräch mit MeinBezirk erläutert Fellhofer die zentralen Herausforderungen des aktuellen Jahresberichts.
MeinBezirk: Der Begriff „Politischer Islam“ ist seit der Gründung Ihrer Stelle in Diskussion. Hat sich die Definition in den letzten fünf Jahren geändert?
Lisa Fellhofer: Wir haben durch unsere Arbeit gesehen, dass die Definition, die am Anfang erarbeitet wurde, eine durchaus vernünftige Grundlage bietet. Die Kurzfassung ist eine Herrschaftsideologie, die im Wesentlichen gegen Rechtsstaat, Demokratie und Menschenrechte verstößt. Es geht nicht um die Religion des Islam, sondern um Extremisten, die auf Basis von religiösen Werten versuchen, Politik zu betreiben, die Demokratie und den Rechtsstaat aushöhlt.
Warum gibt es Phänomene wie den Politischen Islam, aber keine vergleichbare Bewegung, die man als „Politisches Christentum“ oder „Politischen Buddhismus“ bezeichnen würde?
Religiösen Extremismus gibt es auch bei anderen Religionen. Aber im Bereich des Politischen Islam ist dieser in den letzten Jahren in Europa und Österreich viel sichtbarer und offener zutage getreten. Das ist vor allem dann der Fall, wenn es zu Radikalisierung oder am Ende zu Terroranschlägen führt, die im Namen der Religion durchgeführt werden.
Gibt es noch eine muslimische Unterstützung für einen liberalen Islam in Österreich, oder erleben moderate Kräfte noch immer so viel Druck wie beispielsweise die Imanin Seyran Ateş aus Deutschland?
Es gibt im Islam eine Vielfalt an Strömungen. Das Problem des Politischen Islam ist, dass er behauptet, es gäbe nur eine wahre Ausformung. Personen, die sich für eine moderate Auslegung des Islams engagieren, wie zum Beispiel Professor Khorchide (islamischer Theologe, Anm.), kommen sehr schnell unter Druck. Es gibt aber weiterhin kritische Stimmen innerhalb der muslimischen Community in Österreich, die sich medial äußern, etwa der ehemalige Sprecher der IGGÖ, Rusen Timur Aksak, oder die ehemalige IGGÖ-Frauensprecherin Fatma Akay-Türker. Diese Personen brauchen zum Teil noch mehr Rückhalt.
- Islamistische Influencerinnen versuchen laut Felllhofer bewusst und gezielt, junge Mädchen und Frauen für ihre fundamentalistische Version des Islam zu missionieren.
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Was ist der Output der Stelle? Wie werden die Studien von anderen Gruppen oder Organisationen wahrgenommen und verwendet?
Die DPI setzt keine eigenen Maßnahmen um, sondern veröffentlicht wissenschaftliche Analysen, Berichte und Studien, die auf der Webseite frei zugänglich sind. Diese Erkenntnisse werden veröffentlicht und auch Stakeholder werden informiert, darunter die islamische Glaubensgemeinschaft, Behörden und bei strafrechtlicher Relevanz auch die Staatsanwaltschaft, z.B. im Falle islamistischen Schriften oder bei Verstößen gegen das Verbotsgesetz.
Die Macht der Online-Inszenierung
Wie unterscheidet sich der aktuelle Jahresbericht grundlegend von den vergangenen Berichten?
Wir sehen zwei große Schwerpunkte. Erstens: Ereignisse wie der Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 und die Geschehnisse in Gaza polarisieren und werden von islamistischen Akteuren genutzt, um Öl ins Feuer zu gießen. Zweitens sehen wir eine deutliche Änderung im Online-Bereich: Waren lange Zeit vor allem männliche Influencer dominant, stellen wir jetzt fest, dass auch islamistische Influencerinnen viel aktiver sind. Sie versuchen bewusst und gezielt, junge Mädchen und Frauen für ihre fundamentalistische Version des Islam zu missionieren.
MeinBezirk: Wie gehen die radikalen Online-Prediger mit der Waffenruhe im Gaza-Konflikt um?
Die momentane Waffenruhe wird von extremistischen Online-Akteuren nicht als Frieden, sondern lediglich als Atempause gesehen. Das dezidierte Endziel radikaler Positionen bleibt weiterhin: Israel gehört weg. Um diese emotionalisierte Stimmung aufrechtzuerhalten, sehen wir aktuell, wie andere Konflikte – beispielsweise im Sudan – mit dem Gaza-Konflikt verknüpft werden. Ganz grundsätzlich hat der 7. Oktober 2023 das gesellschaftliche Zusammenleben in Europa weiter polarisiert. Es wird viel Arbeit nötig sein, um wieder zu einem Miteinander zurückzukommen.
Wie unterscheiden sich die im Jahresbericht genannten "Lifestyle-Islamisten" von den klassischen Predigern in Moscheen, Vereinen etc.?
Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass beispielsweise die Radikalisierung online durch Videos, Beiträge und ähnliche Formate viel schneller passiert. Man muss sich dort nicht zwangsläufig in islamtheologische Debatten vertiefen. Vielmehr geht es darum, Themen anzusprechen, die auf tiefer liegenden Bedürfnissen basieren – theologisch betrachtet durchaus fragwürdige Inhalte, die jedoch äußerst wirkmächtig sind. Ein weiterer Aspekt ist die starke visuelle Komponente: Jugendkultur lebt von Ästhetik, von Bildern, die unmittelbar ansprechen und emotional berühren – weit mehr als ein salafistischer Prediger es könnte. Die zentrale Frage bleibt allerdings: Glauben die jungen Menschen tatsächlich an diese Inhalte, oder dienen sie lediglich als Vehikel für tieferliegende Sehnsüchte und Bedürfnisse? Das Kernthema der Präventionsarbeit besteht darin, diese zugrunde liegenden Motive zu identifizieren und anzusprechen.
- "Während jeder Österreicher weiß, was Symbole aus dem Nationalsozialismus sind, ist die Symbolik des Islamismus noch nicht so bekannt", erklärt die Direktorin.
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Warum ist diese fundamentalistische Ausrichtung für Frauen in Europa attraktiv, obwohl sie mit weniger Rechten einhergeht?
Das liegt an der Inszenierung. Junge Mädchen und Frauen unterliegen in unserer Gesellschaft sehr viel Druck, was Aussehen, beruflichen Erfolg und die gleichzeitige Bewältigung von Familie betrifft. Die islamistischen Influencerinnen erklären ihnen: "Ihr müsst euch diesen Zwängen nicht unterwerfen, die euch der Westen auferlegt". Sie bieten ein einfaches Alternativmodell an, das glücklich machen soll, und blenden alles Negative aus. Theologisch gesehen sind diese Inhalte allerdings oft auf sehr wackeligen Beinen.
Die Gefahr geht auch von deutschen Online-Gruppierungen aus, die der Hizb ut-Tahrir nahestehen, heißt es im Jahresbericht. Wie strahlen diese nach Österreich herein?
Die Gruppen (wie Muslim Interaktiv, Realität Islam oder Generation Islam) sind ideologisch der in Deutschland verbotenen Hizb ut-Tahrir zuzuordnen. Sie sind wahnsinnig gut darin, ihre Online-Beiträge auf Deutsch zu veröffentlichen. Dadurch strahlen sie nach Österreich herein, weil die Inhalte auf TikTok, YouTube und Instagram für jeden Nutzer im deutschsprachigen Raum verfügbar sind. (Das deutsche Innenministerium verbot zu dem Zeitpunkt des Interviews die Organisation "Muslim Interaktiv" und ermittelt gegen weitere Gruppen, Anm.)
Konfliktzone Schule und Politik
Wie wirkt sich der Politische Islam im Klassenzimmer aus, und was können Lehrer tun?
Wir stehen im Austausch mit Pädagogen. Das Wichtigste ist, Lehrer und Lehrerinnen nicht allein zu lassen. Man muss Lehrpersonal Informationen an die Hand geben, beispielsweise zu Symbolen und Handgesten. Während jeder Österreicher weiß, was Symbole aus dem Nationalsozialismus sind, ist die Symbolik des Islamismus noch nicht so bekannt. Es ist ein wichtiger, präventiver Schritt, hier die Information zu geben.
MeinBezirk: Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Dokumentationen nicht zu einer stigmatisierenden Generalverdächtigung junger Muslime führen?
Wir müssen in jedem Setting darauf hinweisen: Es geht nicht um die Religion des Islams, sondern um den Islamismus – also um jene, die versuchen, die Religion für ihre eigenen politischen Zwecke zu missbrauchen. Es ist wichtig zu sehen, dass auch die Community selbst mit Problemen zu kämpfen hat, weil sie in Kontakt mit Islamisten kommt. Muslime wissen oft sehr genau, mit wem sie es zu tun haben.
Welche politischen oder gesetzgeberischen Instrumente fehlen in Österreich derzeit, um diese Einflussnahme einzudämmen?
Abgesehen von gesetzlichen Neuerungen wie der Reform des Islamgesetzes (die, die Auslandsfinanzierung eingedämmt hat), fehlt es an Information und einer offenen Diskussionskultur. Wir haben einen blinden Fleck bei der Erkennung von islamistischen Symbolen. Und es fehlt an Konfliktfähigkeit in der Debatte. Es ist für eine Demokratie lebenswichtig, dass man unterschiedliche Meinungen aushält, solange diese den rechtsstaatlichen Rahmen nicht überschreiten.
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