Covid-19 in der Steiermark
Tagebuch eines Corona-Hausarrests

Ein ähnlicher Hinweis wie dieser war auch auf der Tür der betroffenen Arztpraxis in Graz angebracht.
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  • Ein ähnlicher Hinweis wie dieser war auch auf der Tür der betroffenen Arztpraxis in Graz angebracht.
  • Foto: Ärztekammer Stmk.
  • hochgeladen von Andrea Sittinger

Donnerstag, 5. März, 19 Uhr:
Und so schnell kann es gehen: Da will Mama ihren Töchtern eigentlich nur etwas Gutes tun, indem sie für zwei routinemäßige Impfungen in der Kinderarztpraxis ihres Vertrauens erscheint und eine Stunde später steht Mama samt Kindern unter Hausarrest und findet sich mitten im Corona-Wahn(sinn) wieder.

Willkommen im Corona-Wahn(sinn)

Zehn Minuten zwischen Buchvorlesen und Schaukelpferdausreiten sind in der Kinderarztordination in Graz Geidorf vergangen, als eine der Assistentinnen alle Wartenden bittet, in das Babystillzimmer nebenan zu gehen, da "eine schwer erkrankte Person" durch die Ordinationsräume geführt werden müsse. Schweigsam und betreten folgen alle 12 betroffenen wartenden Mamas, Papas und Kinder den Anweisungen. Im Babywarteraum sind ebenfalls zwei kleine Patienten – darunter ein Neugeborenes – mit ihren Eltern vertreten. Nach einigen weiteren Minuten des Wartens, in denen das Ausmaß des nun drohenden "Super-Gaus" langsam dämmert, betritt der zuständige Kinderarzt das Extrazimmer und verlautbart – ebenso betreten: "Es ist leider das eingetreten, was niemand von uns möchte, ich am allerwenigsten, aber wir haben hier einen möglichen Verdachtsfall einer ansteckenden Erkrankung und bis das Ergebnis des Tests morgen vorliegt, muss ich Sie bitten, direkt im Anschluss gleich nach Hause zu fahren, dort zu bleiben und mit niemanden Kontakt zu haben." Die erste Reaktion eines jungen Schülers nimmt dem ganzen Drama zumindest den ärgsten Schrecken: " Das heißt, keine Schule morgen?" ... "Ja, genau, damit hat das Ganze zumindest einen kleinen Vorteil", so der Arzt. Die Reaktionen der Erwachsenen fallen naturgemäß etwas weniger enthusiastisch aus.
Während der Mitteilung durch den Arzt ist hinter der Glastür im eigentlichen Warteraum inzwischen ein hektisches Treiben von Rot-Kreuz-Mitarbeitern entstanden. Die Ordination wurde außerdem ebenfalls gesperrt ... 

Wo ist noch einmal schnell das Desinfektionsmittel?

Nach dieser ersten Information werden alle wieder in den Wartebereich entlassen: Die Mamas und Papas zücken ihre Handys, um ihr Umfeld zu informieren. Die Kinder hängen ob der unsicheren Lage teilweise in der Luft beziehungsweise nehmen sicherheitshalber einfach wieder am Schaukelpferd Platz. Eine der beiden Assistentinnen durchbricht die Anspannung mit einem süßen verlockenden Angebot: "Ein paar Gummibärchen, was Anderes haben wir leider nicht." Man merkt, auch für den Arzt und seine Mitarbeiterinnen ist die Situation weit von jeglicher Routine entfernt, aber trotz dieser "viralen Premiere" agieren sie taff und haben die widrigen Umstände im Griff.
Während sich das (be)handelnde Team kurz zu einer Beratung zurückzieht beziehungsweise weiterführende Informationen von Gesundheitsamt und Amtsarzt einholt, entspannt sich die Stimmung unter den Festsitzenden langsam und Galgenhumor macht sich breit: "Lassen wir die Mama jetzt überhaupt heimkommen?", fragt ein Vater seinen Sohn. Der Gedanke einer "Lagerparty" flammt kurz auf, aber dafür fehle wohl genügend Essen und Trinken, nur die Gummibärchen allein sind es dann wohl auch nicht. Dennoch: Neben all den Scherzen werden heimlich Fläschchen mit Desinfektionsmittel aus der Handtasche gezogen und eiligst die eigenen sowie die Finger der Kinder eingerieben (auch die Autorin dieser Zeilen ertappt sich dabei).

Die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber ...

Nach weiteren endlos scheinenden Minuten – denn im Endeffekt sind es nur Minuten – gibt es weitere Informationen von der "Corona-Front": "Alle Kinder, die noch dringend angeschaut werden sollten, weil sie krank sind, können bleiben", so der Arzt. "Alle, die für Impfungen oder eine Sportuntersuchung hier sind, bitte ich nach Hause zu fahren ... aber nicht mit den Öffis." Hoffentlich wohnt also keiner weit weg oder ist mit dem eigenen Auto da, denn sonst kann das ganz lustig werden, ein Taxi ist wahrscheinlich genauso wenig ratsam. "Nur damit wir hier Klartext sprechen: Es geht um den Corona-Virus", so die Frage einer Mutter. "Ja natürlich", antwortet der Mediziner. "Und die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient daran erkrankt ist, ist gering, aber sie besteht." Na bumm, "aber warum ist der Patient überhaupt in die Praxis hereingekommen?" Immerhin steht in großen Lettern an der Tür, wie man sich bei einem Verdacht auf Corona zu verhalten habe und eben nicht in Arztpraxen (ein)marschieren solle... Die Antwort klingt plausibel, ist für die wartenden Hausarrest-Aspiranten jedoch wenig befriedigend: "Zunächst war überhaupt kein Verdacht gegeben, erst im Zuge der Untersuchung und der Anamnese des Patienten ist der Verdacht zunehmend aufgekeimt." 

Bevor die Seuchenpolizei kommt

"Bevor Sie die Ordination verlassen, würde ich Sie noch bitten, Ihre Hände zu desinfizieren", so der Arzt und entlässt damit jene Eltern und Kinder, die nun statt einer zusätzlichen Impfung einen Corona-Verdacht mit heim nehmen dürfen. "In wenigen Minuten kommt die Seuchenpolizei und desinfiziert die gesamte Praxis, die morgen geschlossen bleibt", informiert der Arzt. "Bitte bleiben Sie morgen zu Hause und warten Sie auf unseren Anruf über das Testergebnis ..."

Und so langsam kann es dann plötzlich gehen ....

Freitag, 6. März, 15 Uhr:

Das lange Warten ....

Mittlerweile sind fast 24 Stunden vergangen und der verordnete Hausarrest wird langsam aber sicher zur Qual – auch bei den Kindern ist die anfängliche Freude über die schul- und kindergartenfreie Zeit längst verflogen. Wann kommt endlich der - hoffentlich - erlösende Anruf und wie lange kann so ein Testergebnis eigentlich dauern? Die Ordination des Kinderarztes wurde immerhin seit knapp 24 Stunden verlassen.
Auf der Homepage des Gesundheitsministeriums ist folgender Hinweis unter den FAQs zu finden:

Die Laborkapazitäten werden nach und nach erweitert und können somit
rasch an den jeweiligen Bedarf angepasst werden. Die Gesundheitsbehörden sind hier bestens vorbereitet. Innerhalb von wenigen Stunden liegen erste Testergebnisse vor.

Gut, dann ist die Auffassung von "wenigen Stunden" entweder sehr flexibel zu werten oder es hat etwas mit den "ersten Testergebnissen". 

15.24 Uhr:
Das Telefon läutet und es ist tatsächlich der lang ersehnte Anruf aus der Kinderarztpraxis ... allerdings mit der Information, dass "erst zwischen 18 und 20 Uhr" mit einem Testergebnis zu rechnen ist. Damit ist klar: Wenige Stunden lassen offensichtlich Interpretationsspielraum von bis zu über einem Tag und auf den Esstisch kommen einmal mehr "Packerlbrot" und der Aufstrich, der ohnehin seit Längerem zu unterst in der Küchenlade auf seinen Verzehr wartet.

Das Warten geht also weiter ...

17 Uhr:
Hurra: Brot und Milch sind fürs Erste einmal gesichert dank einer lieben Freundin, die im "Vorbeifahren" die Lebensmittel vor die Tür "geworfen" hat ... in der Zwischenzeit wurde der Versuch gestartet, sich bei den Behörden genauer über den Ablauf des Tests zu informieren. Die Auskunft ist ernüchternd und bestätigt einmal mehr den Interpretationsspielraum in Bezug auf die "wenigen Stunden" ... "bis zu 48 Stunden kann es dauern, bis das Ergebnis vorliegt", ist da am Telefon zu vernehmen. Insofern doch nicht so blöd, dass das mit den "vorbeifahrenden" Grundnahrungsmitteln geklappt hat.

Das Warten geht weiter ...


20.15 Uhr:

Am Programm steht statt dem Hauptabendfilm der Familienrat: Um Punkt 20 Uhr ist - wie angekündigt - ein Anruf aus der Kinderarztpraxis erfolgt. Allerdings konnte noch keine Entwarnung gegeben werden, da man weiterhin auf das endgültige Ergebnis warten müsse ... weiterer Zeithorizont ist morgen Samstagvormittag, den es gilt noch immer irgendwie zu Hause über die Bühne zu bringen.

Samstag, 7. März, 10.15 Uhr

Was macht eine vierköpfige Familie an einem strahlend schönen Samstag nach dem Frühstück? Richtig: Sie setzt sich vor den Fernseher und zählt die Filmminuten, bis endlich das Telefon klingelt. Zur Auswahl stehen die Filme "Denn sie wissen nicht, was sie tun" mit James Dean (Vorschlag des unter Hausarrest gestellten Papas, aber leider wenig kindertauglich) sowie "Eine schöne Bescherung" mit Chevy Chase, der zwar nicht der Jahreszeit entspricht, aber zumindest zum Thema passt und Aussicht auf Stimmungserhellung verspricht ...
Und: Wie lange kann so ein Test eigentlich dauern? Das war noch schnell die Frage ...

10.41 Uhr:
Hurra! Raus ins Leben. Die Zusage aus dem gestrigen abendlichen Telefonat hat gehalten, was sie versprochen hat: "Auch das zweite Testergebnis war negativ", so die erlösenden Worte des Kinderarztes am Telefon, dem an dieser Stelle ein ehrliches "Hut ab" gelte, denn Ausnahmesituationen sind auch für die "Götter in Weiß" nicht immer so einfach zu bewältigen.  Mama, Papa und Töchter sind also hiermit wieder "in die Freiheit" entlassen.
Einfach nur "DANKE vielmals" geht an all jene, die in den vergangenen knapp 42 Stunden mit Worten und Taten zur Seite gestanden sind - für den Fall der Fälle, man ist unter "Hausarrest" oder Quarantäne sicher nicht allein (Wer weise ist, sorgt übrigens vor) ... blöd nur, wenn all diese tollen Verwandten und Freunde vielleicht auch nicht mehr raus dürfen ...? 

Ende dieses Tagebuchs - Fortsetzung folgt hoffentlich nicht ...

Sonntag, 15. März, 22 Uhr:
Seit den letzten Zeilen in diesem Tagebuch ist nur knapp etwas mehr als eine Woche vergangen und doch ist unsere Welt inzwischen nicht mehr die, wie wir sie kennen. Hausarrest und Quarantäne sind mittlerweile nicht mehr die Ausnahme, sondern werden für einige Zeit unser aller Leben bestimmen. In Anbetracht dieser dramatischen Entwicklung ist es der Tagebuchschreiberin und Autorin dieser Erlebnisse ein Herzensanliegen Folgendes klarzustellen:

- Die Zeit der Scherze über Corona ist definitiv vorbei.
- Wer nicht hinaus muss, soll in den kommenden Tagen/Wochen gefälligst möglichst zu Hause bleiben.
- Unsere Dankbarkeit gegenüber all unseren Mitmenschen, die im Gesundheitsbereich, in der Grundversorgung und in anderen aufrecht zu erhaltenden Branchen tätig sind, sollte unendlich sein.

und nicht zu vergessen:
- Gesund und optimistisch bleiben!

Ein ähnlicher Hinweis wie dieser war auch auf der Tür der betroffenen Arztpraxis in Graz angebracht.
Im LKH Uniklinikum Graz wird der jüngste Corona-Verdachtsfall derzeit abgeklärt.

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