10.01.2018, 07:09 Uhr

Alles Gute, Österreich! - Historikerin Anita Ziegerhofer im Gespräch

Die Geschichte stets im Blick: Historikerin Anita Ziegerhofer ist Universitätsprofessorin für Rechtsgeschichte an der Karl-Franzens-Universität und vermittelt Studierenden die Bedeutung historischer Ereignisse. (Foto: Jorj Konstantinov)

Die österreichische Republik wird 100. Die Grazer Historikerin Anita Ziegerhofer im Gespräch dazu.

"Ein Jahrhundert Republik Österreich ist ein Grund mehr, sich mit der Vergangenheit des Landes zu beschäftigen", sagt die Rechtshistorikerin Anita Ziegerhofer. Die WOCHE traf sie zur ganz besonderen Geschichtsstunde.

WOCHE: Die österreichische Republik wird heuer 100. Wofür steht Sie?
Anita Ziegerhofer: Für eine Republik, die erst allmählich Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen entwickelt hat und die international angesehen ist. Und für 100 Jahre spannende und wechselhafte Geschichte.

Was bedeutet das Jubiläumsjahr 2018 für Sie?
In diesem Jahr gilt es, Rückschau zu halten auf Ereignisse, die von ganz besonderer Bedeutung gewesen sind - nicht nur für die Republik Österreich und die Östereicherinnen und Österreicher, sondern auch für Gesamteuropa. Ich blicke weit zurück und da fallen mir so wesentliche Ereignisse ein.

Welche zum Beispiel?
Ausbruch und Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), der Friede von Passarowitz 1718 zwischen dem Habsburgerreich und dem Osmanischen Reich, natürlich 1848 der Ausbruch der Revolution in Europa und somit auch in Österreich (Aufhebung der Grunduntertänigkeit, erste Verfassung), dann 1918 und 1938 als wichtige Jahre auch in der Geschichte der jungen Ersten Republik, 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO, der Marshall-Plan und die Gründung der OEEC (Vorgängerorganisation der OECD) 1948 und, und, und.

Zum 100. Jahrestag der Republik Österreich gedenken wir einer Reihe weiterer folgender Schicksalsjahre. Welchem historischen/politischen Ereignis wird zu wenig Achtung geschenkt?
Das ist schwer zu beantworten, da wir erst am Anfang der Achterjahre sind. In Österreich ist die Gründung der Ersten Republik das zentrale Thema. Bis jetzt ist mir der "Geburtstag" der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO am 10. Dezember 1948 zu wenig in Erinnerung gebracht worden. Auch der Marshall-Plan und die Gründung der OEEC sollten mehr in den Blick genommen werden.

Sie beschäftigen sich auch viel mit Geschlechtergeschichte. Am 12. November 1918 gab man neben der Gründung der Republik auch den Beschluss zum Frauenwahlrecht bekannt. Wurde diesbezüglich genug getan?
Die Einführung des Frauenwahlrechts markiert das Ende eines Kampfes der österreichischen Frauen, der bereits 1848 eingesetzt hat. Schließlich wurde es den Frauen zugestanden, weil sie sich im Ersten Weltkrieg als "Soldatinnen des Hinterlandes" "ausgezeichnet" hatten. Ob zu wenig getan wurden? Frauen erhielten das aktive und passive Wahlrecht, der Anteil der Frauen im Nationalrat blieb von 1919 bis 1975 beinah gleich gering, der Durchbruch erfolgte erst 2002, als die Drittelschwelle durchbrochen wurde – damals waren es knapp 34 Prozent, heute sind es knapp 35 Prozent.
In Bezug auf die vorige Frage, was zu wenig "gefeiert" wird, kann ich Beispiele im Bereich der Gleichstellung der Frauen Österreichs mit den Männern Österreichs nennen: Die Frauen kämpften nicht nur um das Recht wählen zu dürfen, sondern gleichzeitig für die Gewährung des Vereins-und Versammlungsrechts. Das Vereinsgesetz 1867 schloss Frauen davon aus, politische Vereine gründen zu dürfen, erst 1918 wurde es ihnen gewährt. Und 1918 erhielten die Frauen auch das Recht, Jus zu studieren – das muss man sich vorstellen.

Wieso ist es so wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen?
Diese Frage möchte ich mit Ingeborg Bachmann beantworten: Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler. Damit ist alles treffend ausgedrückt.

Sie unterrichten an der Universität Graz. Wie bringen Sie jungen Menschen Geschichte näher?
Ich unterrichte Geschichte und Rechtsgeschichte und versuche, den Ereignissen immer ein Gesicht zu geben und das Bewusstsein zu vermitteln, dass hinter jedem politischen Ereignis Menschen standen. Mir ist es wichtig, die Auswirkungen eines historischen Ereignisses auf die Gegenwart aufzuzeigen, etwa, was lebt von 1918 heute 2018 noch weiter?

Für eine Generation, die das Glück hat, in einer Demokratie aufzuwachsen, ist das Thema Erste Republik vielleicht nicht so greifbar. Wie veranschaulicht man die Vergangenheit?
Indem man die Auswirkungen auf die Gegenwart aufzeigt und ganz einfach, indem man sich mit zeitgenössischen Dokumenten und Bildern auseinandersetzt, etwa mit Tageszeitungen oder Tagebüchern.

Wie bringt man Menschen dazu, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen?
Ich würde meinen, indem man sich bewusst mit diesen Fehlern und deren (nachhaltigen) Auswirkungen auseinandersetzt, diese analysiert und dann versucht, diese Fehler zu vermeiden. Wenn dies gelingen würde, wäre ein großer Schritt in Richtung Miteinander und Füreinander gesetzt.

Was sind Meilensteine in Ihrer eigenen Geschichte?
Meine Definitivstellung als außerordentliche Universitätsprofessorin, im weiteren Sinne das Schreiben von Büchern und wissenschaftlichen Beiträgen und im Privaten ganz klar die Geburt meiner Tochter Klara Maria.

Sie blicken zurück, um eine klarere Sicht nach vorne zu haben, kann ich das so sagen?
Ich blicke zurück, weil ich neugierig bin, weil es unendlich viel Spaß macht einzutauchen in die Geschichte, um daraus vielleicht mögliche Antworten auf gegenwärtige Fragen zu finden.

Was wünschen Sie sich für das Jahr 2018?
Ich wünsche den Menschen und mir zwei Dinge: alles und nichts. Alles, was uns glücklich und zufrieden macht, und nichts, was uns verzweifeln lässt.


WOCHE-Wordrap
Geschichte ist… unheimlich spannend und bereichernd.
Glücklich macht mich… das Spüren der Leichtigkeit des Seins.
Mich weckt… meine Neugierde, was der Tag so bringen wird, und meine Katze.
Mein Lebensmotto… Das Leben ist schön.

Steckbrief
Geboren 1965 in Bad Radkersburg.
Studium der Geschichte in Graz.
Unterrichtet seit 1986 an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Graz.
Seit 2017 stv. Leiterin des Instituts für Rechtswissenschaftliche Grundlagen, Leiterindes Fachbereichs Rechtsgeschichte und Europäische Rechtsentwicklung.
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