Festspiel-Duo
"Man könnte den Jedermann einmal fragen, was er anzieht"

Die neue Buhlschaft kommt aus Oberösterreich, der neue Jedermann freut sich schon auf die Zusammenarbeit: Valerie Pachner und Michael Maertens bei der Pressekonferenz im Wiener Künstlerhaus. | Foto: Markus Spitzauer
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  • Die neue Buhlschaft kommt aus Oberösterreich, der neue Jedermann freut sich schon auf die Zusammenarbeit: Valerie Pachner und Michael Maertens bei der Pressekonferenz im Wiener Künstlerhaus.
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Die Salzburger Festspiele bekommen ab 21. Juli 2023 einen neuen Jedermann - und mit der Oberösterreicherin Valerie Pachner auch eine neue Buhlschaft (die erstmals auch die Rolle des Todes verkörpert). Michael Maertens werkt als Hugo von Hofmannsthals berüchtigter Lebemann an ihrer Seite. Wir baten das neue Theater-Traumpaar zum Glücks-Treffer-Interview.

ÖSTERREICH/ SALZBURG. Mit dem Theaterkracher "Jedermann" sorgen die Salzburger Festspiele jedes Jahr für DAS Highlight der heimischen Bühnenszene. Bei einer Pressekonferenz Anfang Dezember wurden Michael Maertens (59) als neuer Jedermann und Valerie Pachner (35) als neue Buhlschaft präsentiert. Was die beiden Glücks-Treffer über die Faszination des Stückes sagen, wer die Jedermann-affinsten Kinder hat - und warum das seit eh und je mit Spannung erwartete Kleid der Buhlschaft (k)eine Rolle spielt. 

RegionalMedien Austria: Was bedeutet Glück für Sie?
Michael Maertens: Das ist eine philosophische Frage, mit der wir uns ein ganzes Leben beschäftigen. Leider bedeutet Glück für mich, dass ich das nur momenteweise erfahre. Insgesamt bin ich ein glücklicher Mensch und von viel Glück gesegnet. Ich bin umgegeben von fantastischen, wundervollen Menschen. Außerdem habe ich eine tolle Aufgabe in meinem Leben bekommen. Ich bin sehr neugierig, wo wir auch schnell wieder beim Jedermann wären: Ich will nicht sterben, ich bin sehr gerne hier.
Valerie Pachner: Glück ist pures Im-Momentsein.

Worin liegt der Reiz der Rolle des Jedermann? Weshalb haben Sie das Angebot angenommen?
Maertens: Der Reiz liegt zunächst in der über 100-jährigen Tradition. Mein Vater hat mir zum Beispiel schon als Kind ganz viel von Attila Hörbiger als einem der ersten Jedermann-Darsteller erzählt, er ist damals extra nach Salzburg gefahren, um ihn zu sehen. Für mich selbst schließt sich mit Blick auf meine eigene Festspielvergangenheit ein Kreis. Es ist eine echte Ehre, Teil der Festspiele zu sein, weil ich mich mit dem, was dort - gerade auch in den letzten Jahren beim Jedermann - gemacht wird, absolut identifizieren kann.

In Theaterkreisen heißt es, die Buhlschaft sei die größte kleinste Rolle. Was macht den Reiz dieser Figur für Sie aus? Was assoziieren Sie mit der Rolle?
Pachner:
Zunächst assoziiere ich mit dieser Rolle schon das offensichtlich ungleiche Geschlechter-Verhältnis. Die weibliche Hauptfigur erfüllt die Rolle der Liebschaft und alle wollen wissen, welches Kleid sie trägt, während die männliche Hauptfigur die ganze Geschichte trägt. Auf einer kulturgeschichtlichen Ebene macht aber genau das den Reiz aus: Wer bin ich als diese Frau, die viel Aufmerksamkeit für ihren Körper, aber wenig Sätze bekommt - im Jahr 2023? Auf rein inhaltlicher Ebene interessiert mich das allegorische Gewicht der Figur. Wofür steht sie - Eros, Lebendigkeit, Freude, das Gegenteil von Tod? Und was passiert mit der Liebe im Angesicht des Todes?

Die in Wels geborene Valerie Pachner wird im Sommer 2023 zur Buhlschaft. Für die Frauen, die vor ihr diese Rolle übernommen hatten, empfindet sie eine "Form der Verschwesterung." | Foto: Mathias Bothor 2022
  • Die in Wels geborene Valerie Pachner wird im Sommer 2023 zur Buhlschaft. Für die Frauen, die vor ihr diese Rolle übernommen hatten, empfindet sie eine "Form der Verschwesterung."
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Sie sind die vierte oberösterreichische Buhlschaft nach Sophie Rois. Birgit Minichmayr und Miriam Fussenegger (Anm.: Insgesamt verkörperten 35 Schauspielerinnen zuvor die Buhlschaft). Macht Sie das stolz? 
Pachner: Erst? Das sind dann offenbar die Jahrzehnte der Oberösterreicherinnen (lacht). Ja, das macht mich schon stolz. Es ist etwas, das so aufgeladen ist. Im Stück geht es ja um etwas anderes als in der Diskussion über das Stück. Das ist Fluch und Segen zugleich: Auf der einen Seite will man inhaltlich bleiben - aber dann gibt es andere Themen, die herumschwirren, die man mit der Kunst nicht bearbeiten kann. Nicht zuletzt die Aufführungsgeschichte macht es so interessant. 

Worüber wohl jedes Jahr diskutiert wird, ist das Kleid der Buhlschaft. Wie sehr nervt Sie diese Frage?
Pachner:
Wenn mich die Leute fragen, weiß ich, dass es nie die Buhlschaft oder die Schauspielerin, die sie spielt, sind, die dieses Thema aufbringen. Diese Frage, diese Neugier kommen immer von außen. Und die Frage nach dem Kleid etwa hört nur dann auf, wenn die Frage selbst nicht mehr gestellt wird. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Geschichte, weil das immer gefragt und kommentiert wird. Auf die Buhlschaft wird viel projiziert.

Nie zur Ruhe kommen die Spekulationen und Diskussionen um das Kleid (bzw. die Kleider) der Buhlschaft - hier etwa bei Verena Altenberger, die 2020 und 2021 bei den Salzburger Festspielen werkte. | Foto: SF / Matthias Horn
  • Nie zur Ruhe kommen die Spekulationen und Diskussionen um das Kleid (bzw. die Kleider) der Buhlschaft - hier etwa bei Verena Altenberger, die 2020 und 2021 bei den Salzburger Festspielen werkte.
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Ist dieses Thema rund um den verstärkten Fokus und die Projektion auf die Rolle der Buhlschaft, auch bei Ihrer Entscheidung mitgeschwungen?
Pachner:
Auf jeden Fall. Ich bin deshalb Schauspielerin, weil ich Dinge über meine Kunst aushandeln will. Ich bin nicht gut im Redenschwingen. Für mich ist es das Künstlerische, mit dem ich mich ausdrücke. Und wenn eine andere Diskussion bei einem Projekt mitschwingt, ist das dann ganz schwierig für mich. Gleichzeitig denkt man sich auch: Okay, die ganzen Themen gehören auch dazu. Es ist auch interessant, die Diskussionen zu beobachten, weil es den Status dessen, wo wir gerade als Gesellschaft stehen, zeigt. Man kann messen, wie sich unsere Gesellschaft verändert. Ich wurde in Einzelinterviews schon zur Kleidung gefragt, aber vielleicht hört sich das auch ganz auf. Oder man fragt eben auch einmal den Jedermann, was er sich anzieht.

Die Buhlschaft ist wohl ein Leben lang mit Prestige verbunden. Sind Sie sich dessen bewusst?
Pachner:
 Immer, wenn ich Buhlschaft höre, muss ich an die lange Reihe von Frauen denken, die diese Rolle schon einmal gespielt haben. Es sind wunderbare und höchst unterschiedliche Frauen. Und mich damit zu verbinden, finde ich total schön. Ich empfinde auch eine Form der Verschwesterung, die gar nicht thematisiert oder ausgesprochen ist. So ein Gefühl habe ich.

Herr Maertens, Sie sind schon lange Teil des Burgtheater-Ensembles. Sie verbindet also eine lange Geschichte mit Österreich. Hand aufs Herz: Wie viel Österreicher steckt denn schon in Ihnen?
Maertens: Gar nichts, ich bin Hamburger durch und durch (lacht). Das bleibt auch so. Aber ich war immer schon gern zu Gast und weg von zuhause, deshalb fühle ich mich in Wien sehr wohl. Das fängt bei der Architektur und Geschichte der Stadt an. Ich liebe das Salzburger Land: Seit ich es vor 30 Jahren kennengelernt habe, habe ich mich in dieses Seengebiet um den Fuschlsee, den Mondsee oder den Wolfgangsee verliebt. Ich fahre da auch privat hin. Und ich werde immer wieder überrascht, weil die Österreicher doch sehr anders sind als die Hamburger. Das Verwirrende, das Fremde, das mag ich auch gerne. Das hält einen wach.

Der Hamburger Michael Maertens ist der neue Jedermann - und betont seine Lebensfreude: "Ich will nicht sterben, ich bin sehr gerne hier." | Foto: Nils Schwarz
  • Der Hamburger Michael Maertens ist der neue Jedermann - und betont seine Lebensfreude: "Ich will nicht sterben, ich bin sehr gerne hier."
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Haben Sie auch das Gefühl, dass zwischen Hamburg und Wien eine spezielle Verbindung besteht?
Maertens: Absolut! Der Hamburger versteht sich gut mit dem Wiener - ob das auch mit dem Österreicher generell so ist, kann ich nicht sagen. Einer meiner besten Freunde, Nicholas Ofczarek, ist ja eigentlich auch ein Wiener. Der ist mein Nachbar - und das funktioniert hervorragend.

Was sagen Ihre Kinder denn zu Ihrem Engagement als Jedermann? Die Mutter Ihrer Kinder, Mavie Hörbiger, werkte ja bereits seit 2017 bei den Festspielen, u.a. als Gott und Teufel ...
Maertens:
Die fanden das schick und kommen auch zuschauen. Die Armen, die mussten das ja schon so oft sehen! Aber jetzt müssen sie es sich nur mehr einmal ankucken und dann haben sie es geschafft (lacht).

Haben Sie die Jedermann-affinsten Kinder Europas?
Maertens:
Kann gut sein. Aber im Ernst: Sie haben sich wirklich für mich gefreut und waren nicht genervt. Das ist doch total süß.

Mavie Hörbiger werkte ab 2017 bei den Salzburger Festspielen: Der Vater ihrer Kinder ist der neue Jedermann Michael Maertens. | Foto: Irina Gavrich
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Valerie Pachner im Porträt
Valerie Pachner wurde 1987 in Wels geboren. Nach der Schule lebte sie ein Jahr in Honduras, von 2009 bis 2013 absolvierte sie das Max Reinhardt Seminar. Bereits 2013 wurde sie festes Mitglied des Ensembles am Residenztheater in München. Parallel zu ihrer Bühnenarbeit übernahm Valerie Pachner erste Kinorollen: Für ihre Darstellung der Wally Neuzil in "Egon Schiele: Tod und Mädchen" (2016) wurde sie mit dem österreichischen Filmpreis. Sie war u.a. im Prequel der "The King´s Man-Reihe" oder im dritten Teil des Harry-Potter-Spin-offs "Phantastische Tierwesen: The Secrets of Dumbledore" zu sehen. 2023 gibt Valerie Pachner ihr Bühnendebüt bei den Salzburger Festspielen als Tod / Buhlschaft im Jedermann.
Michael Maertens im Porträt
Michael Maertens wurde 1963 in Hamburg geboren. Er spielte in Hamburg, Berlin oder München. Seit 2009 ist er fest im Ensemble des Wiener Burgtheaters. In Wien, wo ihm im März 2017 der Titel Kammerschauspieler verliehen wurde, dort konnte man ihn u.a. in Millers "Hexenjagd" oder in "Der Sturm" sehen. 2021 wurde er als bester Schauspieler mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet. Zuletzt spielte er in den Filmen "1000 Zeilen" oder Til Schweigers "Das Beste kommt noch" mit. Mit seiner Schauspielkollegin und Exfrau Mavie Hörbiger hat er zwei gemeinsame Kinder. 2023 wird er die Rolle des Jedermann bei den Salzburger Festspielen übernehmen.

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