"9 x 9 – Alsergrund erlesen"
Mit persönlichen Geschichten zum Sieg
- Hannah Menne konnte den Preis mit nachhause nehmen.
- Foto: Philippa Kaufmann
- hochgeladen von Fabian Franz
Auch heuer fand Literaturwettbewerb "9 x 9 – Alsergrund erlesen" wieder statt. Eine Autorin aus der Leopoldstadt konnte sich dabei den begehrten Preis mit nach Hause nehmen. Ihre Geschichte handelte von persönlichen Erfahrungen.
WIEN/ALSERGRUND/LEOPOLDSTADT. Hannah Menne, Autorin und Künstlerin aus der Leopoldstadt, hat den Literaturwettbewerb "9 x 9 – Alsergrund erlesen" gewonnen. Ihr Text mit dem Titel "Will haben" konnte im Finale, das durch eine Publikumsabstimmung entschieden wurde, überzeugen.
Menne beschreibt ihren Text als eine Verwebung von drei Handlungssträngen: der Suche auf Online-Plattformen wie "willhaben" oder auf Dating-Apps, der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Alsergrunds und ihrem Alltag als Mutter. Die Inspiration zu ihrem Text fand sie in ihrem eigenen Leben. Menne sieht sich selbst als eine "ziemliche Sammlerin" und verbindet ihre Texte mit persönlichen Erlebnissen und Fundstücken.
Fund als Inspiration
Ein besonderes Fundstück war ein Brunnenschacht, den sie in einem ehemaligen Betrieb entdeckt hat, der ursprünglich eine jüdische Fabrik war. Dieser Fund inspirierte sie dazu, die Geschichte des 9. Bezirks und der unterirdischen Flüsse zu erforschen. Auch ihr Text beginnt am Donaukanal, wo sie gemeinsam mit ihren Kindern fischt. In diesem Moment der Ruhe verknüpfen sich all ihre Gedanken.
- Die Siegerin des Literaturwettbewerbs hat das Publikum per Abstimmung aus den Finalisten ausgewählt.
- Foto: Philippa Kaufmann
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Der Sieg war für die Autorin ein besonderes Erlebnis: "Es freut mich sehr, dass meine Kinder sehen konnten, dass Schreiben und Vorlesen Wertschätzung erfährt." Sie bezeichnet den Wettbewerb als eine "total schöne Ausdrucksmöglichkeit". Menne ist überzeugt, dass man Kunst nicht vom Alltag trennen kann. Der Kunstbegriff umfasst für sie auch eine "tolle Wortkombination" in einer Zeitung. "Für mich ist alles Kunst", erklärt sie.
Atelier im 2. Bezirk
Neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist Menne auf vielseitige Weise aktiv: In ihrem Atelier in der Leopoldsgasse 15a im 2. Bezirk gibt sie Nachhilfe und veranstaltet Partys für Kinder und Jugendliche sowie Lesungen. Dort stellt sie auch ihre eigenen Werke aus, darunter Zeichnungen, Stickereien und kontextuelle Objekte. Fixe Öffnungszeiten gibt es in ihrem Atelier keine. "Wenn ich da bin, kann man gerne vorbeischauen", erklärt sie.
Der ganze Text
„Imaginiere, wie er sein soll!“, sagen sie.
Das tu ich, mit meinem neu erkämpften Fischerausweis, am Donaukanal, ich schaue hinüber zu meiner Leopoldsinsel, bin froh auf der Schattenseite zu sein. Er ist groß, 80 bis 90 Kilo wiegt er, erfahren und klug. Er sieht lustig aus mit seinen Barteln, der Wels, den wir erhaschen wollen. Die Buben wuseln aufgeregt herum, Wobbler ja, kein Streamer, eventuell Gummifisch. Die Kleinste sucht Regenwürmer, weil „das mag er, der Katzenfish!“
Ich werfe meine müden Mutter-Knochen in den bequemen Fischersessel mit Bierhalter – und zücke mein Telefönchen.
Willhaben und Tinder. Willnimmer und Kinder. Rollschuhe werden gesucht. Als Einzugsgebiet für Abholung und Aufriss gebe ich gleichermaßen den zweiten, den zwanzigsten und den neunten Bezirk ein, denn Logistik ist das halbe Leben. Die Rollschuhe müssen echte Rollschuhe sein, keine Inlineskates, und sie müssen lila sein. Und ja, auf Tinder sollte man ebenso wissen, was man fordert. Ich scrolle durch Bäuche und Bärte, ich wische links, links, links. Es gibt den „geimpft“-Button, und Angaben zu „Selfcare“, was auch immer das heißen soll, aber kein Feld für „ich bin Herr meiner Gefühle, gewandter Lotse meiner Leibesmitte“.Einer ist Biologe, lehrt aber auf der Kunstuni, ein anderer Bäcker, mit einem süßen Lächeln, Adidasstreifen mag er, einen anderen kenne ich vom Sehen, lange Haare, Architektur, Golf-Foto, erfahren in offenen Beziehungen.
Die Buben vor mir, die mit der Angel in der Hand, fachsimpeln: „Aale wandern einmal um die halbe Welt, nur um sich fortzupflanzen und dann sterben sie.“
Tja, unsereins muss lila Rollschuhe besorgen, muss fischen am Kanal.
Damian von willhaben hat Rollschuhe in der gewünschten Größe und Farbe, sie wären in der Hahngasse in 1090 abzuholen, abends ginge gut.
Aden, der Bäcker schreibt, dass er auf Alleinerziehende steht, sie seien tough wie sonst kaum wer, sie wissen was sie wollen, auch im Bett, sexuell meist ausgehungert. Aha. Sein Wohnort, die Türkenstraße, liegt direkt neben der Hahngasse, er wäre zuhause, abends. Ich könne...
Ein Jauchzen unterbricht die seltsame Verquickung von Ablehnung und Neugier meinerseits. Hungrig ja, aber eigentlich will ich ja doch meinen Wels, den einen, der schon die ganze Zeit zwischen Brigittenauer Sporn und Friedhof der Namenlosen mich und nur mich sucht.
Etwas hat gebissen, nein doch nicht, verlautbaren die Buben. Aber wir haben einen tollen nicht organischen Fang, wie wir schließlich feststellen: ein verrostetes Emblem in Kreuzform, mittig gehen Strahlen weg, oder zumindest lässt sich das vermuten. Ein Orden? Hat ein Orden all die Jahre auf mich gewartet?
Aus einer unterirdischen Röhre strömt unmittelbar vor uns andersfarbiges Wasser in den Kanal. Ich stecke das metallerne Emblem in die Hosentasche und setze mich wieder in meinen Fischerinnenstuhl. Bestätige Damian die Abholung der Rollschuhe, frage noch sicherheitshalber: „Sind sie eh geölt?“
Wiens unterirdische Flüsse, der Krottenbach, der Währinger Bach, der Alserbach, so viele an der Zahl, zuerst Sesshaftigkeit und Fortbestand von Siedlungen ermöglichend durch Mühlen und Schmieden, fließend Trinkwasser, später jedoch todbringend durch die Verbreitung von Seuchen. Vom Wienerwald über Schottenfeld und den Hernalserspitz haben sie sich ihren Weg gesucht, die ortsübliche DNA aufgenommen und irgendwo wieder erbrochen.
Wien steht wie Venedig vielfach auf Pfählen, nur durch das gleichmäßige Wässern der Baumstämme von unten kann die Stabilität gewährleistet werden. Die Rossauer Kaserne ist so ein Rostpfahlbau: loser, sandiger Grund, in welche Holzstämme eingeschlagen wurden, ein eiserner Rost obendrauf als Fundament. Kontrolliert rosten hält stabil.
Ich beschließe ein Foto des frisch gefischten rostigen Teils aus meiner Hosentasche ins Netz der Foto-Suchmaschine zu werfen: Oh, ah, uff, ein Mutterkreuz also.
Der Signalton meines Telefons weist mich auf eine Nachricht hin: „Ja, natürlich, frisch geduscht und auch eingeölt.“ Grinse-Smiley, Aubergine, flammendes Herz. Ich hab wohl meinem Bäcker und nicht Damian die letzte Nachricht zukommen lassen.
Ich erinnere mich: Diese jüdische Fabrik in Hernals stellte K&K-Orden her, was den nachkommenden Nazis gerade recht kam: tote und halbtote Helden wurden mit den ebendort hergestellten Emblemen behängt, Mütter bekamen Mutterkreuze für todgeweihte Neugeborene. Ein tiefer Brunnen ist schnell befüllt und zugeschüttet mit allem Verwerflichen, kaum etwas ist schweigender ALS ER. GRUND und Boden haben die vielen ehemals glänzenden Beweisstücke entweder für immer verschluckt oder eben zum Sammelkanal aller Wiener weiterverfrachtet, ja, so muss es gewesen sein.
Abends stelle mich bei Aden in der Türkenstraße ein, denn: Warum nicht? Wer jetzt mehr ausgehungert ist, lässt sich mit den vorhandenen Mitteln nicht feststellen. Ich war ja schließlich in der Gegend, lila Rollschuhe in der Hahngasse abholen.
Dort, wo sich die beiden Straßen berühren, erinnere ich mich daran, was mir einst meine Mutter bei einem Spaziergang erzählte: „In diesem Haus, mein Kind, hier habe ich das erste Mal mit einem Juden geschlafen, es war ungefähr 1965.“
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