Gratwein-Straßengel
Rettungsplan für Lebensmittelnahversorgung

Das Kaufhaus Grinschgl war 25 Jahre lang nicht nur Einkaufsmöglichkeit, sondern auch sozialer Treffpunkt in der Gemeinde.
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  • Das Kaufhaus Grinschgl war 25 Jahre lang nicht nur Einkaufsmöglichkeit, sondern auch sozialer Treffpunkt in der Gemeinde.
  • Foto: Tamara Mednitzer
  • hochgeladen von Nina Schemmerl

In Gratwein-Straßengel schließt das Kaufhaus Grinschgl. Ideen für Einkaufsmöglichkeiten stehen aber schon.

Nach dem verheerenden Brand des Nah&Frisch-Markts von Kaufmann Alois Siegl 2017 und dem nun bestätigten Gerücht, dass nach 25 Jahren das Kaufhaus Grinschgl seine Türen schließt, wächst im Ortsteil Gratwein in Gratwein-Straßengel die Sorge über die regionale Nahversorgung. Besonders bei älteren Menschen und jenen, die nicht mobil sind, denn die nächstgelegenen Diskonter sind zu weit weg und zu Fuß nicht zu erreichen. Doch das Kaufhaus ist nicht die einzige Option, täglich frisch einzukaufen. Außerdem feilt die Gemeinde bereits an Plänen, um die Einkaufsmöglichkeiten zu erweitern. Die WOCHE hat nachgefragt.

Neue Ideen für Versorgung

Die Schließung des Kaufhauses ist nicht der aktuellen wirtschaftlichen Situation geschuldet. Das Gebäude und der Grund, auf dem es steht, gehören der Raiffeisenbank. Sie wird das Gebäude abreißen und ein neues Headquarter mit zwei kleinen Parks errichten. Damit entstehen auch zusätzliche Arbeitsplätze in der Region. Christian Grinschgl, der einen Pachtvertrag hatte, wählte den für ihn optimalen Zeitpunkt, um neue Wege zu gehen.
Um die Nahversorgung aufrechtzuerhalten, setzt Gratwein-Straßengel auf rasche Lösungen. So ist zum Beispiel ein Zustelldienst angedacht. "Wir wollen das Angebot erweitern und Zustellungen ins Leben rufen. Dazu müssen wir aber den Bedarf vor allem für Bedürftige und jene Menschen, die selbst nicht mehr einkaufen können, erheben. Ist er gegeben, können wir als Gemeinde hier unterstützen", sagt Bürgermeister Harald Mulle. "Eine Idee wäre es, die Aktion über Freiwillige laufen zu lassen, wie es bei den Einkäufen während der Lockdowns der Fall war. Das hat gut funktioniert." Außerdem verrät Mulle, dass mit der Entstehung des Raika-Headquarters der alte Standort der Bank frei wird und die Möglichkeit besteht, Platz für Bauernmärkte zu machen, die ihre Waren anbieten können. Auch einem fahrenden Greißler oder einem neuen Kaufmann im Ort gegenüber ist die Gemeinde nicht abgeneigt.

Der Genussladen erweitert

Eine gute Nachricht kommt indes auch von Brigitte Kletzenbauer, die ein paar Meter weiter ihren Genussladen führt. Im Mai beginnen die Umbauarbeiten für die Vergrößerung des Sortiments. Dazu übernimmt Kletzenbauer die Räumlichkeiten der Trafik Schönbacher, die in einem neuen Geschäftslokal untergebracht wird. Zwar kann das Konzept des Ladens nicht mit dem Umfang des Kaufhauses mithalten, aber Kletzenbauer und ihr Team punkten mit Regionalität: "Die Nachfrage ist stark angestiegen. In der Krise haben wir mehr Kunden dazubekommen", sagt sie.

Umfrage: Die WOCHE hat nachgefragt, was Passanten zur Schließung des Kaufhauses sagen:

Jörg Lanz: Es ist sehr schade, dass alles von den Großkonzernen übernommen wird. Das persönliche von den Klein- und Mittelbetrieben geht dadurch verloren. Viele schätzen hier das persönliche Gespräch und auch die bessere Flexibilität. Eine Belebung des Ortskerns könnte ich mir durch einen wöchentlich wechselnden Bauernmarkt vorstellen. Es sollte für regionale Bauern, Direktvermarkter und Selbsterzeuger kostengünstige Verkaufsstände geben. So wird nicht nur der Ortskern belebt, sondern auch die Regionalität gefördert.

Robert Köppel: Eine Legende schließt seine Pforte. 

Christa Hanabick: Es ist sehr schade, dass der letzte Nahversorger im Ortskern nun schließen wird. Es gibt nur noch die Discounter am Ortsrand. Der persönliche Kontakt und die schönen Pflanzen werden sehr fehlen. Außerdem bekommt man nirgends sonst so gutes Obst und Gemüse. Das Beleben des Ortszentrums ist vor allem durch den starken Verkehr sehr schwierig. Mehr Geschäfte und Restaurants wären jedoch schön und würden den Ortskern wieder aufwerten.

Evelyn Pösendorfer: Ich kann nun nicht mehr täglich mein frisches Gebäck im Ortskern holen. Die persönliche Betreuung, die besseren Öffnungszeiten und auch die Übersichtlichkeit in kleineren Läden wird sehr fehlen. Es gibt keine langen Wartezeiten und alles ist auf die Kunden abgestimmt. Für die Menschen, die im Ort wohnen und nicht mehr mobil sind, ist es besonders schlimm, denn viel gibt es im Ortskern nun nicht mehr. Ich verliere mit der Schließung des letzten Nahversorgers im Ortskern Qualität für mein tägliches Leben.

Johann Gruber: Es ist sehr schade, dass nur noch die Großen das Sagen haben. Die persönliche Note geht durch die Schließung der kleinen Nahversorger nach und nach verloren. Herr Grinschgl ist noch ein richtiger Greißler, das findet man nur noch selten. Aber auch die großartigen Öffnungszeiten und das frische Gemüse, dass es sonst nirgends gibt, werden im Ortskern fehlen. Viele Geschäfte gehen an den Ortsrand und das ist sehr schade. Gerade für ältere, nicht mehr mobile Menschen wird es noch schwieriger, denn nun sind die meisten auf die Hilfe anderer angewiesen.

Helmut Kalkusch: Mich betrifft die Schließung des letzten Nahversorgers nicht so stark, da ich noch mobil bin, aber für ältere Menschen wird es nun schwieriger. Es ist um jedes Nahversorger, der schließen muss, schade. Den persönlichen Kontakt, die Bestellung per Anruf und das Zustellservice habe ich besonders geschätzt. Aber auch die große regionale Auswahl je nach Saison schätzen viele Gratweiner. Aufgrund der Parkplatzsituation ist es im Ortskern für den Handel sehr schwer. Die Erreichbarkeit müsste ein besseres Niveau erreichen. Die Belebung des Ortskernes sollte jedoch von der Wirtschaft und nicht von der Gemeinde getragen werden.

Helga Stramitzer: Es tut mir sehr leid, dass es bald keinen Nahversorger mehr im Ortszentrum geben wird, da ich hier sehr gerne eingekauft habe und es hier vor allem sehr schöne Pflanzen zu kaufen gibt. Ich habe selbst ein Geschäft in Straßengel betrieben und weiß daher, wie schwer es für kleine Händler im Ortskern ist. Eine Belebung ist durch die Großmärkte außerhalb der Ortszentren sehr schwierig.

Werner Rasser: Es ist furchtbar, dass es im Ortszentrum Gratwein keinen Nahversorger mehr geben wird. Auch andere Geschäfte und Gasthäuser haben bereits geschlossen. Dadurch gibt es nicht mehr ausreichend Möglichkeiten, und das Ortszentrum wird auseinandergerissen. Auch in anderen Orten, wie z.B. in Rein findet man dieselbe Situation. Gerade für ältere Menschen, die nicht mehr mobil sind, ist es besonders schlimm. Um den Ortskern wieder beleben zu können, müssten die leeren Geschäftsflächen wieder mit kleinen Händlern und Gasthäusern gefüllt werden.


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