Grazer Müllverbrennung
250 Millionen Euro Kosten – warum das Energiewerk in der Kritik steht

Restmüll soll in Fernwärme verwandelt werden, hier am Beispiel Wien, wo am Flötzersteig rund 200.000 Tonnen Müll im Jahr verbrannt werden. | Foto: Foto Jörgler
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  • Restmüll soll in Fernwärme verwandelt werden, hier am Beispiel Wien, wo am Flötzersteig rund 200.000 Tonnen Müll im Jahr verbrannt werden.
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Es ist vermeintlich das Herzstück der Grazer Energieversorgung: das „Energiewerk“ in der Puchstraße. Mittlerweile mehren sich aber kritische Stimmen, weil für die Verbrennungsanlage Müll aus vier steirischen Bezirken herangekarrt wird.

GRAZ. In einem Hochglanz-Werbevideo bezeichnet die Grazer Umweltreferentin Judith Schwentner das „Energiewerk Graz“ als eines der Schlüsselprojekte für die grüne Zukunft der Stadt Graz. Die Bürgerinitiative vor Ort hingegen spricht schlicht von einer Müllverbrennungsanlage und warnt vor dem Ausstoß von Schwermetallen und Feinstaub. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Diskussion, ein genauerer Blick lohnt jedenfalls.

Müll aus vier steirischen Bezirken

Die erste spannende Frage ist die Dimensionierung der Verbrennungsanlage. Laut den Unterlagen der Umweltverträglichkeitserklärung (UVE) ist sie auf die Verbrennung von 118.000 Tonnen Müll im Jahr ausgelegt. Graz selbst produziert pro Jahr aber nur rund 50.000 Tonnen Restmüll und weitere 20.000 Tonnen Sperrmüll – woher kommt also die restlichen 48.000 Tonnen? Dafür hat man Verträge mit Abfallverbänden in vier steirischen Bezirken geschlossen. Künftig wird also der Restmüll aus Graz-Umgebung, Leibnitz, Deutschlandsberg und Bruck-Mürzzuschlag in Graz verbrannt. In allen Unterlagen, auch in einer Anfragebeantwortung von Bürgermeisterin Elke Kahr, war allerdings immer nur die Rede von „steirischem Zentralraum“. Das wäre laut Definition Graz, Graz-Umgebung und Voitsberg.
Jetzt mag man Deutschlandsberg und Leibnitz noch zum erweiterten Ballungsraum rechnen,  das Mürztal ist nicht einmal aus dem Grazer Rathaus mit freiem Blick zu erkennen. Von rund 12.000 Tonnen Restmüll aus der Obersteiermark ist da die Rede, diese werden künftig per Lkw großteils nach Graz geführt und hier verbrannt.

Einsamer Kampf: Bürgerinitiative kämpft gegen Müllverbrennung in der Puchstraße. | Foto: M. Ott
  • Einsamer Kampf: Bürgerinitiative kämpft gegen Müllverbrennung in der Puchstraße.
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Zu klein oder zu groß?

Auf die Dimension angesprochen sagt der in der Holding zuständige Projektleiter Michael Hierzenberger: „Die volle Leistung werden wir nur an sehr kalten Wintertagen benötigen, prinzipiell gehen wir von 105.000 bis 110.000 Tonnen im Jahr aus.“ Das Wording „Zentralraum“ sei dabei verwirrend, gesteht er ein. Man habe versucht, bei den Zulieferern in einem Umkreis von maximal 60 Kilometern zu bleiben. Für Pernegg und Bruck geht sich das gerade aus, alle anderen Mitglieder des „Mürzverbandes“ sind deutlich weiter entfernt.

Die angesprochene Auslastung mit knapp über 100.000 Tonnen wirft allerdings andere Fragen auf – nämlich vorrangig jene, ob mit dieser für eine Müllverbrennungsanlage sehr geringen Menge der angepeilte Businessplan halten kann. „Selbstverständlich wäre es wirtschaftlicher, wenn die Anlage doppelt so groß wäre. Aber in dieser Dimension haben wir alles in der eigenen Hand und müssen keinen Müll aus weiter entfernten Regionen importieren“, sagt Hierzenegger. Außerdem könne man gar nicht mehr Energie ins Fernwärmenetz der Stadt einspeichern. Zur Einordnung: Mit dem Werk sollen künftig bis zu 20 Prozent des Grazer Fernwärmebedarfs unabhängig von Energieimporten gedeckt werden. Spannend: Der von Schwentner installierte Klimabeirat wurde über das Projekt informiert, ist aber offensichtlich vom ökologischen Nutzen noch nicht überzeugt und hat weitere Unterlagen angefordert.

Steigen die Müllgebühren?

250 Millionen Euro an Investitionen wird die Müllverbrennungsanlage verschlingen, da wäre die Einhaltung des Businessplanes wohl wichtig. Denn damit kommt man zur entscheidenden Frage für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Graz: Werden sich durch die neue Anlage die Müllgebühren in Graz erhöhen? Nun: Ein klares Nein gibt es seitens der Stadt dazu nicht. Das Energiewerk Graz stehe jedenfalls für höhere Preisstabilität, internationale Entwicklungen seien aber durch eine Kommune nicht beeinflussbar. Man werde jedenfalls "alle notwendigen Maßnahmen setzen, um die Grazerinnen und Grazer bestmöglich vor zusätzlichen finanziellen Belastungen zu schützen".

Kardinalsfrage: Was kostet die Müllverbrennungsanlage den Grazern? | Foto: dakolix/panthermedia
  • Kardinalsfrage: Was kostet die Müllverbrennungsanlage den Grazern?
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Resümee: Die Müllverbrennungsanlage in der Puchgasse hat gute, nachvollziehbare Ansätze. In Sachen Dimensionierung, Zulieferung und Wirtschaftlichkeit sind von der Grazer Stadtregierung aber noch einige Hausübungen zu erledigen. Immerhin geht es um 250 Millionen Euro Steuergeld.

Projektinfo:

  • Baubeschluss bis Ende 2026 
  • 2027 bis 2029: Bauphase
  • 2030 soll die Müllverbrennungsanlage in Betrieb gehen.
  • Mit dem Werk können in Summe rd. 180 GWh Fernwärme pro Jahr erzeugt werden.
  • Dies entspricht einer Wärmemenge im Ausmaß von rd. 18 Prozent des Gesamtbedarfs.
  • Der Platzbedarf beträgt etwa 20.000 m² inkl. Verkehrs- und Grünflächen. 
  • Prognostizierte Kosten: 250 Millionen Euro.
Restmüll soll in Fernwärme verwandelt werden, hier am Beispiel Wien, wo am Flötzersteig rund 200.000 Tonnen Müll im Jahr verbrannt werden. | Foto: Foto Jörgler
Kardinalsfrage: Was kostet die Müllverbrennungsanlage den Grazern? | Foto: dakolix/panthermedia
Einsamer Kampf: Bürgerinitiative kämpft gegen Müllverbrennung in der Puchstraße. | Foto: M. Ott
Judith Schwentner will mit dem "Energiewerk" ein "grünes Schlüsselprojekt" umsetzen. | Foto: Stadt Graz
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