07.10.2014, 13:36 Uhr

Von Trennung und Neubeginn

Jedes vierte Kind erlebt die Trennung seiner Eltern. Von Konflikten und dem Alltag in neuer Familien-Konstellation.

Die Familie – sie ist ein fixer Anker, aber nicht unveränderlich in ihrer Form: Viele Ehen zerbrechen nun, nach dem gemeinsamen Sommerurlaub. Laut Statistik zählt man im Oktober stets die meisten Scheidungen.
Im Schnitt erlebt jedes vierte Kind die Trennung seiner Eltern. Allein im Vorjahr waren in der Steiermark 2.345 Kinder von einer Scheidung betroffen. Was das für viele bedeutet? „Einen großen Loyalitätskonflikt“, sagt Ursula Molitschnig vom Verein Rainbows Steiermark, der betroffene Kinder betreut. Sie schildert ein kleines Beispiel: Ein Bub hat im Werkunterricht einen Teppich gewebt, früher hätte er ihn mit nach Hause gebracht, nun stand er vor einem Problem: Wer soll ihn bekommen – Mama oder Papa?
Was die Kinder erleben: Wut, Angst und Schuldgefühle zum Beispiel. Die Fragen sind endlos: Wie oft sieht man wen? Wie feiert man Geburtstage? … „Schmerzvoll ist es, wenn ein Elternteil den anderen abwertet. Das Kind erlebt sich ja als Teil von beiden.“
Rainbows bietet Kindern nach der Trennung Begleitung (siehe links). „Schon 4-Jährige spüren, was los ist, das sollte man nicht unterschätzen“, sagt Molitschnig. Geplant ist nun auch ein Pilotprojekt an Schulen, um das Thema auch dort zu besprechen und mehr Kinder zu erreichen.
Was die neue Vorstandsvorsitzende des Vereins, Tatjana Kaltenbeck-Michl, fordert ist, eine „verpflichtende Beratung für alle Eltern, die sich trennen.“ Bei einvernehmlichen Scheidungen ist diese ja seit Februar 2013 Pflicht, um Eltern über die Bedürfnisse ihrer Kinder in dieser fordernden Situation zu informieren.

Unterstützung im neuen Leben
Rainbows bietet derartige Beratungen, genauso wie etwa das Patchwork-Familien-Service in Graz. „Gestärkte Etern sind gute Eltern, die ihre Kinder bestmöglich unterstützen können“, sagt die Leiterin Margit Picher. Sie befasst sich mit den Sorgen, die das neue Leben für Elternteile mit sich bringt. Neben psychischen Belastungen bemerkt sie bei vielen Alleinerzieherinnen finanzielle Nöte. „Viele von ihnen sind selbstständig, damit sich der Job mit dem Kind vereinbaren lässt.“
Welche Themen in den nächsten Kapiteln der Familien-Geschichte häufig präsent sind, schildert die Expertin anbei (siehe unten).

HILFE FÜR KINDER
Der Verein „Rainbows“ bietet Begleitung für Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 17 Jahren nach der Trennung oder Scheidung ihrer Eltern.
Im Oktober starten die neuen „Rainbows-Gruppen“: Es gibt 14 Treffen für vier bis fünf Kinder gleichen Alters. Diese sollen ihnen dabei helfen, ihre Gefühle auszudrücken und zu lernen mit der Trennung fertig zu werden.
Angeboten wird auch Begleitung für Kinder nach dem Tod eines nahestehenden Menschen.
Kontakt: Theodor-Körner-Straße 182, 8010 Graz, Tel: 0316/68 86 70
http://www.rainbows.at
Das Patchwork-Familien-Servie bietet Beratung für Eltern und Familien, die sich in neuen Konstellationen zusammenfinden. So gibt es eigene Patchwork-Coachings.
Neu ist nun ein Online-Coaching-Projekt: Firmen sind eingeladen, Mitarbeitern nach einer Trennung die Beratung zu ermöglichen.
Kontakt: St. Gotthardstraße 48/4, 8046 Graz, Tel. 0664/231 14 99
http://www.patchworkfamilien.at

Neue Rollen und hohe Erwartungen

Von „Ersatz-Eltern“ und vielen Emotionen: das Leben in Patchworkfamilien.

Wenn Familien sich neu formieren ändert sich vieles, besonders wenn ein neuer Partner ins Spiel kommt. Mit diesem Wandel befasst sich das Patchwork-Familien-Service in Graz, österreichweit der einzige Verein, der sich auf sogenannte Patchwork-Beratungen spezialisiert hat. „Wir haben bemerkt, dass Elternteile aufgrund der vielen Trennungen immer mehr Fragen dazu haben“, sagt Margit Pichler, die Familien im Wandel nun seit zwölf Jahren berät.
Sie meint: „Eine Patchwork-Familie ist keine leichte Sache, sie ist eine Herausforderung. Aber sie hat großes Potenzial, wenn sie gelingt“. Hier ein kleiner Einblick in die breite Themen-Palette.
Eigene Rolle. Neue Partner sind genauso wenig böse Stiefmütter oder -väter wie ein Ersatz der leiblichen Eltern. Sie sind, was sie sind: neue Partner. „Wer keine Kinder hat, glaubt oft, die Rolle eines Elternteils übernehmen zu müssen, doch das kann überfordern.“. Wichtig ist: Die Beziehung zum Kind muss man langsam und ehrlich wachsen. „Kinder spüren, was authentisch ist“, sagt Pichler.
Am Boden der Realität. Oft gibt es überzogene Ansprüche. Ein Beispiel: Wenn beide Partner Kinder mitbringen, gibt es oft den Vorsatz: „Ich muss jedes Kind genau gleich behandeln, aber das funktioniert nicht, denn es gibt Unterschiede: Ein Kind ist das leibliche Kind, das andere das Kind des Partners.“
Unter einem Dach. „Wer neu verliebt ist, sehnt sich oft schnell nach einem Familienleben unter einem Dach.“ Aber klar ist auch: Kinder brauchen für diese zusätzliche Veränderung viel, viel mehr Zeit.
Zulassen. Neue kinderlose Partner spüren mitunter Eifersucht auf das Kind des anderen: Warum hat er/sie nicht mehr Zeit für mich alleine? Die Folge: „Diese negativen Gedanken verbietet man sich – nach dem Motto: So darf man ja nicht denken.“ Doch Pichler meint: Es ist wichtig sich mit all seinen Gefühlen auseinanderzusetzen, sonst wachsen sie im Unbewusstsein an.
Der andere Elternteil. Der andere, getrennt lebende Elternteil wirkt mitunter stark in die Familie hinein. Oft gibt es ein Konkurrenzverhältnis. Hier gilt: Verständnis und Aussprache. „Die neue Partnerin sollte etwa klarstellen, dass sie das Beste für das Kind will, aber keine bessere Mutter sein kann und will.“
Akzeptanz. Die Diversität in der neuen Familie mit all ihren Beteiligten zu akzeptieren und schätzen gelingt nicht automatisch. Es gilt bewusst daran arbeiten – stets in Rücksicht auf die Kinder – und jedem seinen Platz einräumen.
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