Gottvertrauen fürs neue Jahr: Bischof Wilhelm Krautwaschl im WOCHE-Interview

Vertrauen auf den da oben: Bischof Wilhelm Krautwaschl im WOCHE-Interview.
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Sein Amtsantritt im Juni dieses Jahres war erfrischend, unkonventionell, ermutigend: Rund ein halbes Jahr später, passend zum Jahreswechsel hat die WOCHE nachgefragt: Wie ist Wilhelm Krautwaschl im neuen Amt angekommen, wie hat er diese Zeit erlebt, was kann sich das steirische Kirchenvolk vom nächsten Jahr erwarten?

Wie sieht Ihr erster "Befund" der Kirche aus?
Ich glaube, dass wir in den letzten Jahren sehr stark auf die Innenarchitektur der Kirche geschaut haben – wer sind wir, wofür stehen wir in der Gesellschaft? Jetzt, auch durch den neuen Papst bedingt, rückt wieder mehr in den Fokus wofür wir da sind. Das ist eine durchaus schwierige Blickwinkelveränderung. Und wir tun das, obwohl wir die erste Frage – wer wir sind – noch gar nicht beantwortet haben.

Was ist der Antrieb dahinter?
Die Gesellschaft verändert sich und wir uns mit ihr, Fragen der Kirchenbindung und vieles mehr werden aktuell bleiben. Trotzdem braucht es diesen Blick, ich formuliere es geistlich: Gott wird sich ja was dabei gedacht haben, dass wir hier Christen sind – im Mürztal, im Ennstal, in der Südsteiermark. Dem müssen wir auf die Spur kommen, es wird nicht reichen zu sagen, dass man katholisch ist und am Freitag kein Fleisch isst.

Also mehr Außenwirkung, mehr Präsenz zeigen?
Na ja, das würde heißen, dass wir bis jetzt nur drinnen waren, dem ist ja nicht so. Innenarchitektur wie Außenwirkung, beide Pole müssen bespielt werden. Das macht manche auch besorgt.

Was sagen Sie den Besorgten?
Dass es nicht anders gehen wird. Jesus hat uns nicht gerufen, damit wir uns im wohlig warmen Wohnzimmer aufhalten. Wir sollen seine Botschaft in die Welt hinaustragen. Er hat Menschen geheilt, er hat ihnen Glauben zugesprochen, er hat ihnen Leben ermöglicht. Er hat auch nicht im stillen Kämmerchen gesagt: Ich bin Gottes Sohn und das reicht schon so. Das ist wichtig, in einer Gesellschaft, die doch Brüche aufweist.

Woran machen Sie das fest?
Ich sag's an einem Beispiel: Ich war selber kürzlich erstmals Zeuge, wie Menschen in der Straßenbahn unflätig beschimpft werden, wo man über den Pfarrer Pucher, über die Caritas herzieht. So christlich wie manche tun, die christliche Werte beschwören, sind sie nicht. Denn dann würde man nicht solche Worte verwenden. Oft meinen jene, die sich auf christliche Werte berufen, eigentlich Macht damit.

Wie sieht Ihre Definition aus?
Es geht um eine persönliche Beziehung zu Gott, das ist für mich Christentum. Aus dem heraus gestalte ich mein Handeln – und daraus erwachsen dann Werte. Dafür trete ich ein, für die Frage: Was ist meine lebendige Gottesbeziehung? Da haben wir alle noch Luft nach oben.

Was ist Ihr Lösungsansatz?
Wir gehen als Christen davon aus, dass der Mensch unabdingbar in einer Beziehung von Gott her und auf Gott hin lebt, dann ist das ein bestimmtes Menschenbild. Das heißt aber auch, dass wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass andere das nicht so sehen.

Ein Beispiel?
Zum Beispiel unser Bild von Ehe und Familie: Ist das wirklich ein so schreckliches Bild? Ist es wirklich so falsch, einem Partner auf Dauer Liebe und Treue zu versprechen? Mir ist schon klar, dass es in einer modernen Gesellschaft auch ein Scheitern gibt, aber deswegen darf ich das Bild trotzdem schön finden, oder? Da darf man Kirche auch nicht missverstehen: Auf der einen Seite verlangen die Menschen nach Orientierung, auf der anderen Seite ist es dann wieder zu viel, sie anzubieten. So nach dem Motto: Kirche, sag was – Kirche, wehe, du sagst was.

Darf die Kirche da auch politisch agieren?
Ja, wir müssen. Dort wo es um die Menschen geht. Das heißt nicht tagespolitisch, aber zum Beispiel bei Themen wie dem Klimaschutz, da können wir uns nicht ausklinken.

Was heißt das gerade jetzt, rund um Weihnachten?
Wir feiern in diesen Tagen, dass Gott Mensch wird, dass er bei uns ist – was soll uns noch besseres passieren? Das ist meine Botschaft.

Auch in schwierigen Zeiten ...?
Der Papst hat das so schön gesagt: Es bringt nichts vom Frieden zu reden, wenn wir nicht gleichzeitig sagen, die Waffen müssen weg. Wir regen uns auf, dass im Nahen Osten kein Frieden herrscht, aber wir liefern gleichzeitig Waffen hin – und wundern uns, dass dann damit geschossen wird. Verzeihen Sie mir den Ausdruck, aber da sind wir nicht ganz dicht.

Ihr Wunsch ...?

Dass wir wieder stärker teilen lernen, weil wir genug haben. Das wünsch ich mir, das werden wir lernen müssen. Gott stellt allen Menschen die Ressourcen zur Verfügung, sie sind auf der Welt nur ungleich verteilt.

Wie geht es Ihnen mit der Diskussion, dass man doch lieber den Armen in Österreich helfen sollte statt den Flüchtlingen?
Armut gegen Armut auszuspielen ist indiskutabel. Es ist ein bisschen wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn, wo sich der ältere Sohn, der immer da war, alles zum Leben hatte, darüber aufregt, dass es für den, der in der Welt unterwegs war, ein Fest ausgerichtet wird. Das ist die Angst vieler, die hier vieles aufgebaut haben und das jetzt gefährdet sehen. Aber sie müssen sich auch vor Augen halten, dass sie immer noch ein Leben haben, immer noch wissen, wo sie hingehen können. Die an der Grenze stehen, wissen nicht mehr, wo sie hingehen sollen.

Themenwechsel: Was sind Ihre Vorhaben für 2016?
Ich werde weiterhin viel in der Steiermark unterwegs sein, das habe ich mir auf die Fahnen geheftet.

Was macht für Sie die Steiermark aus?
Die Vielfältigkeit! An Landschaften, an Menschen. Besondere Menschen. Es ist schön hier. Auch wenn vielleicht Tausende dazukommen. Es wird nicht weniger schön deshalb.

Haben Sie im letzten halben Jahr auch einmal gezweifelt, ob es richtig war, die Bischofswürde anzunehmen?
(lächelt) Also die ersten fünf schlaflosen Nächte zu Beginn haben mir gereicht. Es gibt immer wieder Herausforderungen, ja. Oder wie es meine liebe Mutter mit ihren weisen Sprüchen gesagt hat: Jedem Haserl gibt Gott sein Graserl. Das heißt: Es ist für mich Berufung. Wenn ich Gott ernst nehme und wenn man mir das zutraut, dann ist das so. Ich kann mich jeden Abend in den Spiegel schauen.

Woher kommt Ihre Kraft?
Von den Menschen, von den Begegnungen mit ihnen.

Ihre Botschaft an die Steirerinnen und Steirer?
Ich wünsche den Steirerinnen und Steirern Vertrauen in Gott.

Autor:

Roland Reischl aus Graz

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