Warum jener unsere Erfahrung vom Leben bestimmt
Kontext
- hochgeladen von Danijel Okic
Wecker: 05:30 Uhr. Gedanke: Ich muss heute einen Ultramarathon laufen. Zweifel: Wie soll ich das schaffen? Cortisol: Ich bin hier, zeitlich und örtlich orientiert. Die beinahe sieben Stunden Schlafdauer haben sich gut auf mein Allgemeinbefinden ausgewirkt. Strecke mich kurz. Atme ein und aus. Dann stehe ich auf.
Morgenroutine: Ich stelle mich unter die kalte Dusche. Dann starte ich gemütlich mit einer Tasse doppelten Espresso in den Tag. Nachdem ich etwas gelesen habe, richte ich mir ein besonders kohlenhydrat- und eiweißreiches Frühstück her. Währenddessen ich es herunterschlinge, sehe ich mir eine Aufnahme eines Live-Broadcasts von einer meiner Inspirationen an. Ich entnehme ihr Folgendes: Kontext. Ich lebe immer von einem gewissen Kontext aus. Meine Erfahrungen im Leben werden von jenem bestimmt, welchen ich mir während einer jeweiligen Tätigkeit, eines Prozesses, vor Augen halte. Hmm.
Zeitdruck: Wenig später laufe ich, eingehüllt in Winterlaufmontur, zum Startpunkt des anvisierten Ultralaufes. Vorgabe: Ich muss sechs Stunden durchlaufen. Zu bewältigende Distanz gibt es keine offizielle. Ich aber habe mir ein Ziel gesetzt: 50 Kilometer. Will damit einen inoffiziellen Ultramarathon abschließen. Bei dem Lauf handelt es sich um eine vom Laufverein „Running Buddys“ organisierte Benefizveranstaltung. Für jeden zurückgelegten Kilometer gilt es für uns Läufer einen Euro an das Tierheim Adamhof zu spenden. Wenig später starten wir, haben das Wetter auf unserer Seite. Einzig die Kälte spüre ich.
20 Kilometern später: Die Wege der noch aktiven Läufer haben sich längst aufgeteilt, ich bin nun ganz alleine. So ist es mir bei solchen Veranstaltungen auch am liebsten. Dann laufe ich wenigstens nicht Gefahr, jemanden mit meinen knappen 100 Kilogramm Körpermasse umzurennen. Unfall: Mein eingeschränktes Gesichtsfeld erinnert mich immer wieder daran. Handicap: Trotzdem bin ich selbst für meine Sicherheit beim Überqueren der Straßen verantwortlich.
Nach über drei Stunden des Laufens und knappen 30 Kilometern bewältigter Distanz, spüre ich auch meinen alten Freund wieder: Schmerz. Bei jedem getätigten Schritt fühle ich einen leichten Stich in ihr: rechte Hüfte. Je mehr ich mich darauf fokussiere, desto tiefer scheint er sich einzubohren. Dann fällt es mir wieder ein: Kontext ist alles. Je öfter ich mir einrede, dass etwas so ist, wie es mir in einem gegebenen Augenblick erscheint, desto stärker er-lebe ich es so. Der Schlüssel ist es, ein Erlebnis zu akzeptieren, ohne es gleichzeitig zu bewerten. Hmm.
Erfahrung: Leichter gedacht als gelaufen. Mit steigender Kilometeranzahl nehme ich den Schmerz stärker wahr. Mich davon zu lösen gelingt nur kurzzeitig, indem ich mich etwa auf die grünen Wiesen Eggenbergs fokussiere. Auch das Einreden der Assertion, dass der Prozess das Resultat ist, wirkt nicht dauerhaft. Bei jedem Schritt fühle ich ihn etwas mehr. Auch meinen unteren Rücken beginne ich langsam zu spüren. Asphaltlaufen scheint einfach nicht meine Disziplin zu sein.
Integrität: Ich tue, was ich sage, Aufgabe ist keine Option. Ich versuche auch wieder meine in den letzten Jahren gewonnene Erkenntnis mit dem Setzen von Teilzielen, Teilstrecken mit einzubringen. Stoppschild, Kreuzung, Zebrastreifen: Auch das lenkt mich nur kurzzeitig ab. Mein aufgesetzter Kontext bestimmt meine Erfahrung. Und ich scheine nicht in der Lage, ihn dauerhaft zu verändern. Prozess: Immer wieder bringt mich mein Kopf, mein Unterbewusstsein zu den Schmerzen zurück.
Knappe 04:40 Stunden später, achte Runde: Ich gestehe es mir ein, werde bald aufhören. Zwei Runden bin ich noch gewillt zu laufen. Den Rest werde ich dann zu Ende spazieren. Mittlerweile quält mich jeder getätigte Schritt und ich muss auch sehr vorsichtig sein, nicht zu stolpern. Handicap: Die spastikbedingten Zehenkrämpfe stellen eine zusätzliche Hürde dar.
Integrität: Ausreden gibt es trotzdem keine. Bei Betritt der Ladestation vor der letzten zum Laufen anvisierten Runde, bitte ich dann einen der Veranstalter mir eine Schmerztablette zu geben. Ich nehme sie nicht ein, stecke sie nur der Sicherheit halber in meine rechte Hosentasche. Ich will diesen Lauf nüchtern erleben, so lange es möglich ist. Will meinen Körper und meinen Geist an ihre Grenzen, jedoch ersteren nicht über diese, fordern.
Menschen: Letztendlich sind es wieder einmal die Guten um mich herum, die mir bei der Überwindung des schmerzhaften Prozesses helfen. Von meinen aus Weiz angereisten Eltern bis zu der Truppe von „Running Buddys“: Sie alle motivieren mich, mein Ziel Schritt für Schritt und Meter für Meter zu erreichen. Auch Inspiration benötigt ab und zu Motivation.
Hilfe: Zwei Kilometer vor dem Ziel bekomme ich überraschend von der noch letzten aktiven Teilnehmerin und Mitveranstalterin Unterstützung. Wieder einmal realisiere ich, für wen ich am Ende des Tages tue, was ich tue. Und am Ende geht es im Leben doch nur darum, möglichst viele Dinge zu tun. Es gibt oft auch keine magische Formel, sich von als herausfordernd empfundenen Kontexten zu trennen. Der Prozess des Leidens ist das Resultat des Seins.
Ende: Als ich endlich von meiner Mitläuferin die Nachricht erhalte, dass wir die 50 Kilometer geschafft haben, aber noch 5 Minuten Zeit haben, kehrt dann auch bei mir die sehnlichst erwartete innere Ruhe ein. Ich habe es geschafft, mir wieder eines meiner Versprechen erfüllt und eines meiner noch nicht einmal aufgeschriebenen Jahresziele erreicht. 2025 hat begonnen. Dankbarkeit: Körper. Kontext: Der Prozess ist das Resultat. Und ich bin, weil ich lebe.
MeinBezirk auf
MeinBezirk als
Du möchtest kommentieren?
Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.