07.06.2018, 11:29 Uhr

"Irgendwann musste ich einen Schlussstrich ziehen": In St. Peter gehen die Lichter aus

Walter Glockengießer fungierte 48 Jahre lang als Obmann des USV St. Peter i.S. (Foto: Franz Krainer)

Obmann Walter Glockengießer spricht im WOCHE-Interview offen über das Aus der Kampfmannschaft seines USV St. Peter. Er befürchtet, dass weitere Vereine folgen.



Wehmut schwingt mit, wenn Obmann Walter Glockengießer das endgültige Aus der Kampfmannschaft nach dieser Saison verkündet. Mit dem USV St. Peter i.S. verliert der weststeirische Fußball viel Tradition, sportlichen Wert und ein Vorzeigeprojekt für die Jugend. Die WOCHE hat nachgefragt.

WOCHE: Niemand hat es geglaubt, aber es ist Tatsache: St. Peter zieht seine Kampfmannschaft vom Spielbetrieb zurück. Warum?
WALTER GLOCKENGIESSER: St. Peter hat immer von seiner eigenen Jugend gelebt, wir sind praktisch mit unseren Buam bis in die Landesliga gekommen, doch heute fehlt uns der Unterbau. Zwischen 1989 und 2000 hatten wir allein im Nachwuchsbereich 31 Meistertitel, heute sind wir trotz Nachwuchszentrum nicht mehr in der Lage, eine vorwiegend aus Spielern der Region bestehende Mannschaft aufzustellen.

Dabei war es immer eine Domäne von St. Peter, aus dem eigenen Nachwuchs Kampfmannschaften zu lukrieren.
Wir waren 1970 Meister der 2. Klasse, ausschließlich mit eigenen Spielern. Bis 1992 haben wir praktisch nur mit eigenen Leuten gespielt, sind z.B. mit nur drei auswärtigen Spielern (Anm.: Jerko Grubisic als Spielertrainer, Adamic, Rogolic) als kleinster Ort der Steiermark in die Landesliga aufgestiegen. Für heutige Verhältnisse eigentlich eine unfassbare Leistung.

Wo siehst du den Knackpunkt in der Entwicklung von St. Peter?
Nicht nur in St. Peter, überall im Fußball spielte ab der Jahrtausendwende das Geld eine immer größere Rolle. Wir sind zwar nie ein finanzielles Risiko eingegangen, doch die Tatsache, dass mit dem Bosman-Urteil und der „Paragraphenregelung“ immer mehr Spieler weggeholt wurden, machte ab dieser Zeit die Führung eines Vereins nicht unbedingt leichter.

Ihr habt in St. Peter 69 Jahre lang ununterbrochen Meisterschaft gespielt, der erste Abstieg der Vereinsgeschichte erfolgte erst 2001!
Nach 52 Jahren, nachdem wir es bis in die Landesliga geschafft hatten, gab es dieses historische Ereignis. Wir haben auch eine Reihe von Reformen mitgemacht, sportlich war aber der Abstieg aus der Landesliga der erste in der Vereinsgeschichte.



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Die Geschichte des USV St. Peter i.S.

1946 als eines der ersten Mitglieder der Sportunion gegründet, seit 1949 spielte die Fußballsektion in der Meisterschaft des StFV. Drei Meistertitel (1970: 2. Klasse West B, 1992: 1. Klasse West, 1999: Oberliga Mitte/West) und Aufstieg in die Landesliga, wo man zwei Jahre lang spielte. Danach neun Jahre Oberliga, ein weiterer Meistertitel in der Unterliga West (2011), seit 2014 wieder in der Unterliga. Bereits in den 60ern stand der ganze Verein kurz vor dem Aus, der damalige Präsident Rupert Sommer sicherte das weitere Überleben.
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Sind nur die fehlenden eigenen Spieler der Grund für die Rückziehung der Mannschaft?
Nein, nicht nur. Letztlich wurde die Personaldecke im Funktionärsbereich immer dünner. Allein Oskar Kainacher, Martin Reiterer und ich haben zusammen 128 Funktionärsjahre auf dem Buckel. Es gab noch einige, die uns jahrelang geholfen haben, wie die Pack-Brüder oder auch andere, doch letztlich war niemand mehr bereit, das Obmann-Amt zu übernehmen. Ich bin 70 Jahre alt, irgendwann musste ich einen Schlussstrich ziehen, so weh mir das auch tut.

Es wurde bereits vor einem Jahr offen über die Mannschaftsrückziehung diskutiert, war es ein Fehler, noch ein Jahr anzuhängen?
Die Hoffnung stirbt zuletzt! Ich habe alles versucht, innerhalb der letzten Monate einen neuen Vorstand zu finden. Es gab da und dort Signale, dass Leute nachkommen, leider hat sich letztlich alles zerschlagen, weil sich niemand diese Aufgabe zugemutet hat.

Mit St. Peter geht ein Stück Fußballgeschichte zu Ende. Was bedeutet das für den Fußball in der Region?
Leider kenne ich die Situation vieler Vereine nur zu genau. Ich befürchte, dass weitere Vereine folgen werden oder es wie Eibiswald schon getan haben. Hunderte Legionäre in die Südsteiermark zu holen, nur um einen Spielbetrieb aufrecht zu erhalten ist sinnlos, weil sich niemand mit diesen Mannschaften identifiziert. Wenn sich die Anzahl einheimischer Spieler nicht durch strukturelle Maßnahmen wie eine verpflichtende Jugendarbeit wieder erhöht, wird das zu einer deutlichen Reduzierung von Vereinen führen.

Das Gespräch führte Franz Krainer.
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