Stolpersteinverlegung in Frohnleiten
Jüdisches Leben im ländlichen Raum

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Über Stolpersteine soll man, wie es die Bezeichnung schon verrät, stolpern. Man soll sie bemerken und genau darauf achten, was auf ihnen geschrieben steht. Stolpersteine sind am Boden verlegte Gedenktafeln, die an ermordete, deportierte, vertriebene und verfolgte Opfer des Holocaust erinnern. In Frohnleiten wurde – in Anwesenheit von Elie Rosen, Vorstand der Jüdischen Kultusstiftung für die Steiermark, Kärnten und das Südburgenland, sowie Landesrabbiner Schlomo Hofmeister – den jüdischen Schwestern Anna und Dora Kallmus ein Denkmal gesetzt. Damit wurde erst zum zweiten Mal ein Stolperstein im ländlichen Raum verlegt.

Geschichtsträchtiges Haus

Alois Köberl und seine Frau wohnen in einem geschichtsträchtigen Haus. "Erst mit der Zeit haben wir herausgefunden, was hier passierte. Auch ich habe den Krieg miterlebt. Anders. und ich sag es jedem: Das war keine schöne Zeit. Wir müssen gemeinsam darauf schauen, dass sich der Hass nicht wiederholt", sagt der 88-Jährige entschlossen. Die "Dr. Ammannstraße 7" war einst das Zuhause der Kallmus-Schwestern. Bis die Nationalsozialisten an die Tür der Jüdinnen klopften. Der Verein für Gedenkkultur hält die Erinnerung an diese Menschen durch Stolpersteine wach.

Enteignet und verfolgt

Ob Schiele, Schnitzler, Chanel, Picasso oder Klimt – Madame D'Ora hatte sie alle vor der Kamera. Auch wenn Dora Philippine Kallmus, wie sie mit gebürtigen Namen hieß, eine der größten Künstlerinnen des Fin de Siècle und der Zwischenkriegszeit war, ist sie und vor allem ihre tragische Familiengeschichte weitgehend unbekannt: Mit ihrer Schwester Anna erwarb sie 1919 ein Haus in Frohnleiten – jenes in der Dr. Ammannstraße. Die Beiden waren als die "Damen mit ihren Hündchen bekannt". Da Beide auch unverheiratet geblieben sind, pflegten sie eine umso engere Schwesternbeziehung zueinander.
Während Dora aber hauptsächlich in Wien und Paris verweilte und für namhafte Magazine wie die Vogue oder Vanity Fair arbeitete, lebte Anna Malvine bis 1938 in der Stadtgemeinde. Bis die Nationalsozialisten auf Verfügung der Gestapostelle Graz sie enteignete. Anna wurde das gemeinsame Haus genommen, die ihr von der Stadtgemeinde zugesicherte Summe der Liegenschaft, die sie für eine Ausreise gut brauchen hätte können, wurde ihr nie ausbezahlt.
Dora, die noch eines der letzten Fotostudios in jüdischer Hand in Europa betrieb (dieses mit dem Einzug der Nazis 1940 in Frankreich aber aufgeben und flüchten musste), konnte sich verstecken. Anna nicht – sie wurde 1941 ins Ghetto Litzmannstadt/Łódź Polen, das als Sammel- und Zwischenlager für die Deportation in deutsche Vernichtungslager diente, deportiert und dort am 2. August 1944 ermordet. Madame D'Ora überlebte die Shoah, kehrte aus Südfrankreich zurück und widmete sich wieder der Fotografie. Ihr Fokus lag nach dem Zweiten Weltkrieg auf Momentaufnahmen aus Flüchtlingsheimen und Schlachthäusern.
1962 kam sie auch nach Frohnleiten zurück, wo ihr das Haus per Gerichtsbeschluss zugesprochen wurde. 1963 verstarb sie, alleine und mittellos. Nur eine einstige Bekannte ihrer Schwester stand ihr zur Seite. Dora wurde in Frohnleiten begraben, ihre sterblichen Überreste wurden allerdings 2019 dem Jüdischen Friedhof in Graz überführt.

Die Künstlerin Dora Kallmus im Jahr 1908
  • Die Künstlerin Dora Kallmus im Jahr 1908
  • Foto: Erdgeist 1909, Jg.4/Heft 3
  • hochgeladen von Nina Schemmerl

Notwendige Aufarbeitung

Um an das Schicksal der Schwestern zu erinnern, wurden vor dem Haus zwei Stolpersteine verlegt. Damit setzen die Stadtgemeinde und die Jüdische Gemeinde ein notwendiges Denkmal, um sich an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Besonders beachtenswert ist, dass sie im ländlichen Raum verlegt wurden, wo noch zu wenig Erinnerungskultur gelebt wird. Dem Einsatz der Historikerin Edda Engelke ist es zu verdanken, dass nicht nur den Schwestern, sondern auch dem jüdischen Leben abseits der großen Städte gedacht wird. Das Schicksal der Kallmus-Schwestern ist nur eines von vielen. Wie vielerorts wurde auch in Frohnleiten die Vertreibung der jüdischen Bewohner bis ins 21. Jahrhundert weitgehend ignoriert. 2013 wurden im Therapiezentrum einige Werke der "Madame D'Ora" ausgestellt.
"Eine Gesellschaft, die weghört, läuft Gefahr, überrannt zu werden. Jeder Einzelne ist gefordert, Tendenzen des Antisemitismus, der Ausgrenzung und des Hasses nicht zu dulden", sagt Rosen, Präsident der Jüdischen Gemeinde Graz. "Die Stolpersteinverlegung ist nicht das Ende, sondern der Beginn des Erinnerns, denn Erinnerungen verblassen. Es gibt nur noch wenige Menschen, die davon erzählen können", fügt Bürgermeister Johannes Wagner hinzu. Deshalb hat die Stadtgemeinde, neben der Stolpersteinverlegung und einer Informationstafel, Anna und Dora Kallmus am Friedhof, Ortsteil Adriach, eine weitere Gedenkstätte errichtet.

  • Mehr zum Thema Stolpersteinverlegung und Erinnerungskultur lesen Sie hier.

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