Schlusslicht bei der Kinderbetreuung
Bei den Jüngsten sind wir die Letzten

Treten mit klaren Forderungen in Sachen Kinderbetreuungsmöglichkeiten an die Politik heran: Christina Obad, Elisa Wielinger, Julia Aichhorn, Nina Zechner, Hella Riedl-Rabensteiner und Luisa Pottlacher von der Jungen Industrie Steiermark.
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  • Treten mit klaren Forderungen in Sachen Kinderbetreuungsmöglichkeiten an die Politik heran: Christina Obad, Elisa Wielinger, Julia Aichhorn, Nina Zechner, Hella Riedl-Rabensteiner und Luisa Pottlacher von der Jungen Industrie Steiermark.
  • Foto: Foto Jörgler
  • hochgeladen von Andrea Sittinger

Unser Bundesland trägt – wenn es um die Jüngsten geht – die rote Laterne, und zwar in Sachen Betreuungsangebot in Kinderkrippen, Kindergärten, Horten und bei Tagesmüttern. So belegt die Steiermark im Österreichvergleich den unrühmlichen letzten Platz bei der Betreuungsquote der unter Dreijährigen. Auch bei den Öffnungszeiten hinken wir weit hinterher, knapp 80 Prozent der 3-6-Jährigen werden nur vormittags betreut. Diese und andere wenig prestigeträchtige Zahlen gehen aus der aktuellen Kindertagesheimstatistik der Statistik Austria hervor (siehe unten). Ein Abriss der Realität, den sechs Frauen der Jungen Industrie (JI) Steiermark, nicht weiter hinnehmen, sondern mit klaren Forderungen an die Politik begegnen wollen. Neben der Gretchenfrage, ob "mein Kind überhaupt einen Platz bekommt, ist es vor allem die mangelnde Flexibilität des Angebots, das berufstätigen Eltern zu schaffen macht", kritisiert etwa Julia Aichhorn, Geschäftsführerin der Dr. Aichhorn Group. Die junge bald Zweifach-Mutter räumt sogleich ein, dass sie "die Freiheit hätte, sich ihre Arbeitszeit frei einzuteilen, aber da bin ich im Vergleich zu anderen Müttern und auch Vätern in der Minderheit."

Angebot ignoriert Nachfrage

Tatsächlich ist es so, dass die Kinderbetreuungsplätze stetig ausgebaut werden. Dennoch nützt das theoretisch größte Angebot nichts, wenn es den eigentlichen Bedarf ignoriert, denn dieser ist erstens in den "ländlichen Gebieten bei Weitem noch nicht gestillt und zweitens stellen die Öffnungszeiten eine weitere Challenge für die Eltern dar", schildert JI-Geschäftsführerin Nina Zechner. "Was hilft es, wenn ich einen Kinderkrippenplatz bis 13 Uhr habe, mein Mann aber den ganzen Tag arbeitet und ich als Mutter im Schichtbetrieb am Nachmittag?", wirft Zechner auf. Eine Forderung der Frauen zielt daher in Richtung "Kita-Sharing", sprich zwei oder mehrere Eltern teilen sich einen Betreuungsplatz, wie dies Deutschland bereits seit Langem diskutiert wird. Die Problematik liegt für Zechner am System. "Bei uns werden nicht die Kinder finanziell gefördert, sondern die vergebenen Plätze." Umgekehrt fehle es bei den Öffnungs- und Schließzeiten an allgemeinen steiermarkweiten Normen. "Während ein Kindergarten nur drei Wochen im Jahr geschlossen hat, ist der andere die ganzen Sommerferien zu", macht Hella Riedl-Rabensteiner, HR-Leiterin, aufmerksam. Sie arbeitet bei Geodata und damit in einem sehr "männerlastigen" Unternehmen. "Immer mehr Kollegen nehmen auch bei uns die Väterkarenz in Anspruch, weil sie sich einfach auch um die Kinder kümmern möchten", führt Riedl-Rabensteiner aus. Und doch bleibt auch bei diesem Thema noch viel Luft nach oben, denn solange es für den Papamonat nicht mehr als 700 Euro monatlich gibt, sei auch das "eine wenig lukrative Option", so die Vertreterinnen der Jungen Industrie.

Am Norden orientieren

"Für mich ist dieses Thema ja noch relatives Neuland", schildert Luisa Pottlacher, Vize-Vertriebsleiterin Firmenkunden Steiermark bei der UniCredit Bank Austria AG und kurz vor ihrer ersten Karenz. "Aber ich habe schon jetzt punkto Betreuungsplätze recherchiert und schnell bemerkt, dass wir in Österreich noch enormen Aufholbedarf haben – nicht nur quantitativ, sondern besonders, was die Einstellung betrifft. Beim Mindset sind uns die skandinavischen Länder um Längen voraus." Dort würden Mitarbeiter unabhängig vom Geschlecht einfach eingestellt, "hierzulande schwingt bei einer jungen Frau immer die ,Sorge' mit, sie könnte schwanger werden." Eine Mutter, die ihr Kind vor dem ersten Geburtstag in Fremdbetreuung gibt, "wird bei uns, speziell am Land, noch immer schief angeschaut", erklärt Christina Obad, die beruflich den Vertrieb des gleichnamigen Stempelunternehmens leitet und privat ihre erste Karenz ansteuert. Vom Norden lässt sich einiges abschauen, wollen die JI-Vorstandsmitglieder vor allem junge Frauen sensibilisieren. "Lange Karenzzeiten erschweren nicht nur den Wiedereinstieg, sie fördern auch Gender-Pay-Gap oder Altersarmut bei Frauen", betont Aichhorn.

Wahlfreiheit erhalten

"Uns geht es um die Wahlfreiheit", setzt die zweifache Mutter Elisa Wielinger von der Andritz AG nach. "Wenn eine Frau sich entscheidet, länger bei den Kindern zu Hause zu bleiben, soll sie das tun. Doch wenn es allein an der Betreuungsoption scheitert, gehört gehandelt." Wie der Weg zu echter Wahlfreiheit für Familien gelingen kann, erarbeitet die Junge Industrie gerade in einem Lösungspapier.

Status quo: Zahlen zur Kinderbetreuung
• Die Zahl der Kinderkrippen hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Trotzdem liegt die Betreuungsquote der unter Dreijährigen bei nur 22 Prozent (Ö: 30%; Wien: 46%). Über dem steirischen Durchschnitt liegt Graz mit einer Betreuungsquote von 27, Schlusslicht sind Murau und Murtal mit neun Prozent.
• Öffnungszeiten: 78 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen werden nur vormittags betreut.
• Schließtage/Jahr: In Wien sind es sieben, bei uns 21.
(Quelle: Statistik Austria)

Wie zufrieden sind Sie mit dem Kinderbetreuungsangebot in Ihrer Gemeinde?

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