Engagierte Großveranstaltung im Gedenkjahr
Menschenrechtssymposium: Viel erfahren, viele Fragen bleiben

Seht, hört, denkt! Mit historischen Bildern vermittelte Rudolf Haunschmid an den jeweiligen Originalschauplätzen in Gusen aufrüttelnde Eindrücke und einen leidenschaftlichen Appell für den täglichen Kampf um die Menschenrechte.
29Bilder
  • Seht, hört, denkt! Mit historischen Bildern vermittelte Rudolf Haunschmid an den jeweiligen Originalschauplätzen in Gusen aufrüttelnde Eindrücke und einen leidenschaftlichen Appell für den täglichen Kampf um die Menschenrechte.
  • hochgeladen von Eckhart Herbe

Das viertägige Menschrechtsymposium 2018, das in der Bewusstseinsregion mit vielfältigem Programm und über 700 Besuchern über die Bühne ging, war ein würdiger Beitrag im Gedenkjahr 2018. Der versuchte Brückenschlag zwischen einst und jetzt zeigte aber auch, wie schwierig und kontroversiell dies auch 80 Jahre danach ist. Etwa bei der beeindruckenden Gusen - Exkursion mit Rudolf Haunschmid (Gedenkdienstkomitee Gusen), Guy Dockendorf, (Vorsitzender internationales Mauthausenkomitee) und Historiker Paul Mahringer vom Bundesdenkmalamt.
"Ich zeige Ihnen nicht die Vorzeigegedenkstätte Mauthausen, sondern deren Hinterhof. Das  KZ Gusen steht als erstes und größtes Lager Österreichs exemplarisch für unfassbare Menschenverachtung, Profit vor Humanität, jahrzehntelange politische und gesellschaftliche Ignoranz, Verdrängung bis heute ", sagt Rudolf Haunschmid ohne Theatralik , aber in schmerzender Deutlichkeit. Was er meint, erkennen die in- und ausländischen Teilnehmer schnell. "Hier war das Lagerbordell, in das die SS, um homosexuelle Gewalt an jungen Häftlingen durch schwerkriminelle Kapos einzudämmen, Frauen aus dem KZ Ravensbrück als Zwangsprostituierte geholt hat. Diese statt Burschen zu vergewaltigen war für die Nazis eine `Normalisierung`. Das Bordell hat 130.000 Reichsmark für die NSDAP-Parteikassa eingespielt", erzählt Hauschmid  vor einem ärmlichen, unscheinbarem Haus mitten in Gusen. Beschämend die nächsten Stationen: Das heute luxuriös umgebaute Lagereingangsgebäude sollte in den 60ern ausgerechnet zu Langensteins Kindergarten(!) werden. Daneben, keine 20 Meter von der Bundesstraße entfernt, türmt sich Müll zwischen vergammelten Lagerbaracken und Autowracks. Der Appellplatz für 10.000 Häftlinge, Schauplatz grausamer Hinrichtungen, ist mit Schutt übersät. Am Steinbrecher,  Todesort tausender Männer, Frauen und Kinder, bilden kaputte Grabsteine des angrenzenden Steinmetzbetriebs ein bizarres Ambiente.

Ignoranz und Unrecht bis heute

"Warum wohnen Leute an diesem grauenhaften Ort", fragt eine Teilnehmerin. "Weil man den armen zugezogenen Steinbrecher- und Industriearbeiterfamilien in den 50ern und 60ern keine anderen leistbaren Grundstücke in der Region verkaufen wollte. Sie sollten nach damaliger Meinung der Alteingesessenen besser unter sich bleiben, in einer Arbeitersiedlung.  Auch wenn diese auf einem KZ- und Friedhofsgelände steht", antwortet Haunschmid. Viele dieser "kleinen Leute" fragen aber nun hier ebenso wie in St. Georgen und Mauthausen zurecht nach ihren Menschenrechten heutzutage. Warum ausgerecht sie nun das schlechte Gewissen des offiziellen Österreichs tragen sollen. Warum etwa viele ihrer Häuser und Grundstücke in den letzten Jahren ersatzlos unter Denkmalschutz gestellt und dadurch finanziell stark entwertet wurden.  Oder auch, warum die Schatten von damals nun öffentlich verordnet in ihren Lebensraum, ihre intimste Privatsphäre reichen müssen. Allen Ernstes forderte beispielsweise ein deutscher Gutachter des Bundesdenkmalamts, "Region des Terrors" als offiziellen Namen für die Bewusstseinsregion.  Sensibilität? Wer will in einer Gegend dieses Namens wohnen, den sich jemand, der sich vielleicht wissenschaftlich, sicher aber nicht emotional damit beschäftigt hat, einfallen hat lassen? Zumindest diese Demütigung "von oben" blieb den Betroffenen letztendlich erspart.
Und wie glaubhaft ist das "niemals wieder", angesichts der aktuellen Stigmatisierung von Flüchtlingen als Quelle allen Übels? Wenn neue Gewalt, Faschismus und Menschenverachtung auf den Straßen, im Internet bis hinein in Regierungen und ins Europaparlament Erinnerungen an die Zeit vor 80 Jahren wecken? Menschrechte müssen täglich neu erkämpft werden - das wurde an diesem Wochenende anno 2018 schmerzlich bewusst.

700 Besucher, umfangreiches Programm

Mut macht das hohe Interesse an den mit viel Herzblut gestalteten Veranstaltungstagen des Symposiums. Die Eröffnung  präsentierten Konstanze Breitebner und Nikolai Tunkowitsch, ein großes Aufgebot an prominenten Gästen erwies den Organisatoren die Ehre und demonstrierte so Verbundenheit mit der Initiative. Unter vielen anderen besuchten etwa Diözesanbischof Manfred Scheuer, NR Nikolaus Prinz, LR Birgit Gerstorfer, Guy Dockendorf vom Internationalen Mauthausenkomitee, der EU-Abgeordneter Josef Weidenholzer und die Bürgermeister der Region, Thomas Punkenhofer (Mauthausen),  Christian Aufreiter (Langenstein) und Erich Wahl (St. Georgen) den Infomarkt der verschiedenen Projekte aus dem Kinder-, Jugend- und Fluchtbereich. Das Kulturprogramm mit einem  Auftritt von Timna Brauer & Elias Meiri, der Poetry Slam zum Thema Flucht und die Band Tonfabrik sorgte für alternative Zugänge zum Thema Menschenrechte und wurde mit begeistertem Applaus bedacht.
Zu sehen waren außerdem mehrere Ausstellungen:  "Alles was Recht ist – warum wir Kinderrechte brauchen!“, Fotos zum Thema Flucht , die Fotograf Volker Weihbold mit Schülern der Neuen Mittelschule Mauthausen gestaltete und ein Einblick in das Leben von Kindern im tschechischen Prachatice von Janusz Korczak unter dem Titel "Kindern eine Stimme geben“.
Gemeinsam wurde schließlich ein Abschlussstatement am Symposium erarbeitet und in einem symbolischen Akt der Öffentlichkeit übergeben. Im Mittelpunkt dabei standen auch hier das Thema Flucht und Menschenrechte. 
Da Resümee des intensiven Wochenendes:  Zweifellos ein gelungenes Event, das der Region im Gedenkjahr viel Ehre gemacht hat. Das unsere aktuelle Zerissenheit ebenso wie den Wunsch nach Verbundenheit aufzeigte und das Thema Menschrechte eindringlich in Bewusstsein rückte.

Kommentare

?

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Aktuell
Anzeige
3 6 Aktion 36

Gewinnspiel
2 Nächte für 2 Personen im wunderschönen Boutiquehotel Beethoven Wien zu gewinnen!

Das Vier-Sterne-Haus liegt eingebettet in Kultur und Kulinarik am „bohemian“ Naschmarkt, gegenüber dem Papagenotor am Theater an der Wien, nur wenige Gehminuten von der Oper, dem Museumsquartier, den traditionsreichsten Wiener Kaffeehäusern und den großen Einkaufsstraßen entfernt. Barbara Ludwig, in Wien respektvoll auch „die Ludwig vom Beethoven“ genannt, führt das kleine, feine Haus aus der Gründerzeit, das mit seinen hohen Räumen, den Stuckdecken und einem augenzwinkernden Hauch von...

Regionaut werden!

Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?
Werde Regionaut!

Regionaut werden!


Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Du möchtest selbst beitragen?

Melde Dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Foto des Tages einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen