Gewalt gegen Frauen kommt in allen Schichten vor

Österreichweit ist jede fünfte Frau ab ihrem 15. Lebensjahr von Gewalt betroffen.
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Morde an oder Gewalt gegenüber Frauen häufen sich. Die Frau­en­be­ra­tungs­stelle "Weit­blick" hilft.

Laut Kriminalstatistik gab es 2019 41 Morde an Frauen, jede fünfte Frau ist Gewalt ausgesetzt. Damit liegt Österreich bei Morden an Frauen an trauriger Spitze im Europavergleich. Anika Harb, Klinische Psychologin und Obfrau der Frau­en­be­ra­tungs­stelle der Institution "Weitblick", hat mit der WOCHE über Gewaltformen, Schutz und Prävention gesprochen.

WOCHE: Die Meldungen über häusliche Gewalt oder Mord an Frauen häufen sich. Warum wird Gewalt so oft übersehen?
Anika Harb: Nicht selten wird einem Opfer erst durch Dritte bewusst, was ihm widerfährt. Die beste Freundin, die sagt, da stimmt etwas nicht, oder der Hausarzt, dem körperliche Spuren auffallen. Oft rücken Opfer auch erst mit der Sprache raus, wenn das Thema Scheidung auf den Tisch kommt. Dann kommt man von einem Gespräch über rechtliche Angelegenheiten zu einem Gespräch über Gewalt. Gewalt passiert häufig still und heimlich. Nach außen wird das Bild einer heilen Welt gezeigt. Und Gewalt muss nicht immer die große, eskalierende sein, die zum Tod führt. Abhängigkeit und Kontrolle sind Begriffe, die wir oft hören. Es ist wie ein Strudel, in den man hineingelangt und aus dem man nur schwer wieder rauskommt.

Wer ist Opfer, wer Täter?
Es gibt in der Fachliteratur mehrere Definitionen. Ein Opfer ist jemand, der verletzt wird. Das kann mehrfach, aber auch nur einmal passieren. Wer noch nicht im Prozess des Verleugnens drinnen ist, hat noch Handlungsmöglichkeiten. Ein Täter ist jemand, der einem anderen etwas antut, das ihn verletzt. Das muss nicht immer bewusst geschehen.

Welche Gewaltformen gibt es?
Im Grunde genommen gibt es vier Arten: körperliche, sexualisierte, psychische und ökonomische Gewalt. Nicht selten überlappen sie sich. Ich bin seit 15 Jahren in der freien Praxis, seit drei verstärkt auf Gewalt fokussiert, und ich kann Ihnen sagen: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Die meisten, die Gewalt erfahren, stumpfen mit der Zeit ab, verfallen in eine Art Ohnmacht. Hier müssen wir ansetzen. Ziel ist es, dass jemand "Stopp, das will ich nicht!" sagt. Viele erkennen vorerst ihre Situation nicht, meinen, "Es war ja eh immer so", und sehen oder können sich nicht als Opfer sehen.

Nicht selten werden Opfer beschuldigt, zu lange gewartet zu haben, um zu erzählen. Vielen wird auch nicht geglaubt ...

Gewalt ist wie eine Krebszelle. Ist sie einmal da, tut sie weh. Wir sind es gewohnt, viel hinunterzuschlucken und Dinge mit uns selbst auszumachen. Gewaltopfer brechen dann ein, entwickeln belastende Symptome. Auch Scham spielt eine große Rolle. Zu erkennen, dass einem Gewalt zugestoßen ist, das ist vielen unangenehm. "Das kann nicht sein. Ich bin doch stark. Das passiert doch nur anderen", hört man dann. Ich habe schon mit einigen TOP-Karriere-Frauen gesprochen, die auch von Gewalt betroffen waren. Entweder in der Arbeit oder zu Hause. Gewalt kommt in allen Schichten vor.

Was muss der Staat tun, um Opfer zu schützen?
Wir müssen klare Grenzen setzen und gemeinsam aufzeigen, dass Gewalt nicht in Ordnung ist. Prävention ist das A und O. Es gibt viele Präventionsangebote, zum Beispiel von der Polizei in den Schulen. Wir müssen bereits bei den Kindern ansetzen. Und es gibt viele Anlaufstellen, an die sich Opfer wenden können (Anm. d. Red.: s. Info unten). In Hinblick auf Gewaltschutz etwa, aber Gewaltschutz setzt da an, wo Gewalt schon passiert ist. Deshalb muss es mehr geben. Es gibt ein Jahr Wartezeit für Psychotherapie. Wir fordern kostenlose Psychotherapie, denn oft braucht es eine längerfristige Therapie, um aus dem Kreislauf ausbrechen zu können.

Und was kann jeder für sich selbst tun?
Wir können uns gegenseitig helfen, indem wir gemeinsam einen Weg finden, zu erkennen, ob das, was einem widerfährt, bereits Gewalt ist oder nicht. Information ist der erste Schritt.

Hier gibt es Informationen und Hilfe

Die Frauen- und Mädchenberatungsstelle "Weitblick" ist anonym und kostenlos. Der Hauptsitz befindet sich in Vasoldsberg (Sche­merl­höhe 84); jeden Mittwoch ist das Team im Bürgerbeteiligungsbüro Gratwein (Hauptplatz 16). www.institut.weitblick.at, 0650/3007419, office@verein-weitblick.at

Weitere Anlaufstellen:
- Netzwerk der Steirischen Frauenberatungsstellen (kostenlose Frauenberatungsstellen in allen Bezirken)
- Frauenhelpline gegen Gewalt, 0800/222555 (anonym, kostenlos)
- Gewaltschutzzentrum Graz, www.gewaltschutzzentrum-steiermark.at
- Frauenhaus Graz, www.frauenhaeuser.at
- Onlineberatung "HelpCh@t", www.haltdergewalt.at
- Beratungsstelle "TARA" Graz, www.taraweb.at
- Informationen über häusliche Gewalt für Kinder und Jugendliche, www.gewalt-ist-nie-ok.at

Österreichweit ist jede fünfte Frau ab ihrem 15. Lebensjahr von Gewalt betroffen.
Frauen- und Mädchenberatungsstelle "Weitblick": Das Team rund um Anika Harb berät kostenlos und anonym.
Autor:

Nina Schemmerl aus Graz-Umgebung

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