Das Leben ist einfach
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- hochgeladen von Danijel Okic
Nach ungefähr 15 Kilometern des heutigen Laufes sehe ich es endlich ein: Ist nicht. Ich kann die Vergangenheit nicht mehr rückgängig machen. Hätte, wäre, könnte – Ist es aber nicht. Gegenwart: Realität – was ist. Konjunktiv: Bürde – die größte der deutschen Sprache – und der Ursprung jeder Enttäuschung, jedes Bedauerns sowie jeder Frustration. Erkenntnis: Das Leben ist einfach.
Kurz denke ich noch nach, überlege sogar zur Haltestelle zurückzulaufen und der Frau, die mich so freundlich gegrüßt hat, einen schönen Tag zu wünschen. Dann lasse ich sie aber endgültig von mir. Vergangenheit: Ich kann diese nicht mehr rückgängig machen. Alles, was ich kann, ist es die Zukunft zu verändern: in jedem Augenblick meines Seins. Unterschied: Was kann ich heute tun,um einen solchen zu machen? Wie kann ich heute zu einem besseren Leben beitragen?
Jetzt: Während ich neben der Raab am Bärentalweg in Richtung der Kreuzung Weiz-Kleinsemmering entlanglaufe, sehe ich es nach und nach: Licht. Die langsam aufgehende Sonne erhellt die Sicht. Moment: Ich versuche ihn mit all meinen Sinnen so einzufangen, wie er ist. Keine Vergangenheit und keine Zukunft – einfach nur der gegenwärtige Augenblick: Kälte, Anstrengung und den Klang des langsam fließenden seichten Wassers.
Einfach gedacht, jedoch nicht leicht umgesetzt: Immer wieder will mich meine Vorstellung an einen anderen Ort treiben. Immer wieder muss ich aktiv gegen die automatisch auftretenden Gedanken steuern, immer wieder muss ich mich in das Jetzt, den Wald, zurückholen. Augenblick: Ich atme tief durch meine von der letztwöchigen Erkältung noch nicht ganz freie Nase ein. Seichte Erinnerungen an meine Kindheit kommen hoch. Ein mich in Geborgenheit hüllendes Gefühl macht sich in meinem Körper spürbar.
Bei der Kreuzung angekommen, ist es für mich an der Zeit die letzte Schlacht, das steilste Bergaufstück, zu laufen – besser – schneller zu gehen. Und ich gehe wirklich: Die Dunkelheit sowie die aus dem Waldboden ragenden dicken Wurzeln der kahlen Bäume machen mir ein richtiges Laufen zu riskant. Stattdessen besinne ich mich auf die Praktizierung meines Leitspruches und eines zentralen Teils meiner Lebensphilosophie: Schritt für Schritt und Meter für Meter in Richtung Ziel. Zeit ist nur ein menschliches Konstrukt und mittlerweile für mich unbedeutend geworden.
Anstrengung: Ich schnaufe lauter. Zudem erschwert mir mein seit der letzten Abendmahlzeit nüchterner Magen den Prozess zusätzlich. Und letztendlich ist es noch mein Gesichtsfeldausfall, der mich auch immer einmal wieder zur Vorsicht ermahnt. Äste: Ich ducke mich gerade noch. Beim Marathon am Sportplatz in etwas weniger als zwei Wochen sollte ich mein Handicap vielleicht den anderen Läufern ankündigen?
Dann Licht: Als sich der Weg nach der Steile wieder langsam ebnet, beginnt meine Seele mit der gerade aufgegangenen Sonne zu strahlen. Sie schreit am Höhepunkt: Guten Morgen Obergreith. Das Grün der Wiesen ist goldgelb gefärbt. Und plötzlich erinnere ich mich klar.
Kindheit: Damals war der Moment, alles was zählte. Jeder Tag war ein neues Abenteuer und wurde an seine Grenzen gelebt. Weder Freunde noch andere externe Glücklichmacher waren vorhanden. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, sie zu brauchen. Das Leben war einfach.
Ich laufe und laufe, die Zeit scheint kurzzeitig stehen geblieben zu sein. Die von der Sonne erleuchteten und erweiterten Farben faszinieren mich. Kindheit: Ich bin im Moment. Und ich fühle sie – eine tiefe Verbundenheit mit diesem Ort. Ich werde ihn wohl nie ganz verlassen können, denke kurzzeitig sogar darüber nach irgendwann wieder hierher zurückzukommen.
Dann Ende: An der Kreuzung zu meinem Haus bleibe ich stehen, beende meinen heutigen Langdistanzlauf nach knappen 20 Kilometern vor meinem Haus. Ich knipse ein paar Fotos und schlendere der Straße entlang: das beste Gefühl meines Lebens. Plötzlich bleibt ein Auto vor mir stehen: Es ist meine Mutter. Die zuletzt geschlossene Erkenntnis noch frisch im Kopf habend, sage ich es ihr auf Bosnisch: „Ich liebe dich Mama.“ Sie erwidert den Satz. Wir sehen uns in die Augen, lächeln beide glücklich.
Unterschied: Es geht darum, so viele wie möglich zu machen. Jedes hätte, wäre oder könnte ist nicht und erschwert die Erfahrung nur. Ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern. Sehr wohl jedoch kann und sollte ich daraus lernen. Und auch wenn ich nicht in die Zukunft sehen kann, so kann ich sie mit jeder meiner Handlungen aktiv mitgestalten. Gegenwart: Das Leben ist einfach.
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