Letzte Gedanken vor dem Zusammenbruch
Müde

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Die letzten Wochen sind anstrengend gewesen. Ich habe viele Stunden gearbeitet. Ich bin oft über lange Strecken mit dem Auto gefahren. Wenn ich frei hatte, habe ich alles daran gesetzt, mich auf den heutigen Abend vorzubereiten. Seit zwei Monaten hat sich mein Leben nur um diese Veranstaltung gedreht. Kindberg sollte der Ort sein. Der 28. Februar 2015 das Datum. Profi Wrestler. Ich bin nervös. Habe wenig geschlafen. Die Ringglocke läutet. Der Kampf beginnt.



Eine halbe Stunde später: Das Match ist vorbei. Wir haben gewonnen. Irgendetwas stimmt nicht. Ich bin verwirrt. Mein Gegner stürmt noch einmal in den Ring. Kann nicht reagieren. Er packt mich auf seine Schultern. Kann mich nicht sammeln. Werde zu Boden geschleudert. Ein heftiger Aufprall. Ich liege am Boden. Komme zu Bewusstsein. Bin alleine. Rolle mich erschöpft aus dem Ring hinaus.



Muss mich sammeln. Lehne mich an den Rand des Rings. Versuche, zu mir zu kommen. Wo bin ich? Ringrichter und Ring Crew bemerken meine Benommenheit. Ob das wohl zur Show gehört? Habe Probleme zu stehen. Kann mich nicht vom Ring lösen. Werde hinfallen. Gebe letztendlich auf. Nehme die Unterstützung der Ring Crew an. Langsam bewegen wir uns in Richtung des Ausganges. Bloß nicht ohnmächtig werden. Muss durchhalten.



Ich bin müde. Müde von den Strapazen der langen Autofahrten. Müde von den vielen Trainingseinheiten. Ich bin müde, es immer allen anderen recht zu machen. Müde davon, meine eigenen Bedürfnisse immer hinter die der anderen zu stellen. Müde von so vielen scheinbar kleinen Dingen, mit denen ich täglich konfrontiert werde. Mein rechtes Bein ist ebenfalls müde, lässt bei jedem Schritt förmlich aus. Ich möchte schlafen gehen.



Bei diesem Kampf ist einiges schief gelaufen. Keiner von uns ist so recht bei der Sache gewesen. Das alles hätte so nicht passieren dürfen. Ich wünsche mir, ich hätte auf mein Inneres gehört. Lange vorher hat es mich gewarnt. Lange vorher hat mir mein Bauchgefühl gesagt, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Seit jeher hat es für mich etwas Diabolisches und Böses ausgestrahlt. Seit jeher habe ich Angst vor ihm gehabt.



Auch in diesem Jahr ist es nicht anders gewesen. Als mein Trainer mir gesagt hat, ich müsste wieder gegen den Hünen antreten, hat mein Kopf sofort in den Gefahrenmodus geschaltet. Trotzdem habe ich es, wie so viele Dinge, herunter geschluckt. „Ich bin es meinem Verein schuldig.“, habe ich mir immer wieder eingeredet. Schließlich ist mein Trainer derjenige gewesen, der es mir ermöglicht hat, meinen Traum vom Land der aufgehenden Sonne zu leben.



Ich bin müde. Müde vom Tragen dieser Maske der falschen Höflichkeit. Müde vom Herunterschlucken der Boshaftigkeiten meiner Kollegen. Ich bin müde davon, immer so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Ich werde ehrlich. Alles um mich herum verliert an Bedeutung. Mir ist egal, wen ich womöglich enttäuschen werde. Mir ist egal, was die Kollegen von mir denken werden. Heute werde ich tun, was ich will. Ich werde Schlafen gehen.



Der Gang zur Umkleide ist vergleichbar mit einem Gang durch die Hölle. Sehe begeisterte Zuschauer um mich herum. Wenige jubeln mir zu. Plötzlich kommt alles hoch. Möchte mich fallen lassen. Kann nicht mehr. Hebe ein Bein vor das andere. Bewege mich. Sehe Tom. Er fragt mich, ob alles in Ordnung ist. Sage, dass ich verwirrt bin. Weiß nicht, was passiert ist. Muss durchhalten.



Es ist so einiges schief gelaufen am heutigen Abend. Alle sind wir nicht bei der Sache gewesen. Das haben wir so nicht abgesprochen. Könnte ich den Moment doch nur rückgängig machen. Wäre ich doch nur mutiger gewesen. Hätte ich doch meine Meinung ausgesprochen. Wäre ich doch nur ehrlicher gewesen.



Ich möchte viele Dinge rückgängig machen. Ich möchte den Streit mit meinem Freund Mexx rückgängig machen. Wie üblich bin ich ein Sturkopf gewesen. Wegen Lappalien haben wir uns in die Haare gekriegt. Ich bin doch nur 23 Jahre alt. Ich weiß doch nicht, was ich vom Leben möchte. Könnte ich mich doch nur ein letztes Mal ehrlich mit meinem Freund und Kollegen ausreden.



Ich bin müde. Mein Kopf ist leer. Jeder Gedanke fällt mir schwer. Ich bin ehrlich. Ehrlich zu mir selbst. Jetzt auch ehrlich zu den anderen. Lügen macht müde. Ja sagen auch. Die Maske fällt. Wie die Blau-Gelbe Farbe in meinem Gesicht löst sie sich von mir ab. Bald werde ich schlafen gehen. Nur noch wenige Schritte. Ich muss durchhalten.



Sehe die Tür der Umkleidekabine. Gleich habe ich es geschafft. Bin durstig. Brauche Wasser. Sehe die Kollegen. Sie unterhalten sich über ihre anstehenden Kämpfe. Sehe verschiedene Gestalten. Sehe meine Freunde. Höre verschiedene Gespräche. Bin verwirrt. Wasser.



Hätte ich doch nur auf mein Inneres gehört. Es hat mich von Anfang an vor diesem Typen gewarnt. Jedoch habe ich mich schuldig gefühlt. Ich habe mich mein ganzes Leben lang gegenüber anderen Menschen schuldig gefühlt. Ich habe meine eigene Meinung stets zurückgehalten. Mein ganzes Leben lang habe ich das gemacht, was andere von mir erwartet haben. Ich habe mein Leben für die Anderen gelebt.



Werde es ab heute anders machen. Werde das tun, was ich für richtig halte. Werde mich nicht mehr für meine Handlungen rechtfertigen. Werde mich jetzt duschen gehen. Danach nachhause fahren. Muss mich kurz hinsetzen. Brauche Wasser. Bin durstig. Endlich. Betrete die Umkleide.



Ich sehe Max. Er geht auf mich zu. In jeder seiner beiden Hände hält er ein Bier. Ich höre ihn etwas sagen. „Kumm, tua net so bled, die Oide aus Burgenland woat auf di.“ Ich halte es nicht mehr aus. Lege mich auf den Boden hin. Habe es nicht mehr geschafft. Will etwas sagen. Muss erbrechen. Will mich drehen. Schaffe es nicht. Höre die Ringglocke läuten. Der Kampf ist zu Ende.


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